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Dr. Hans-Ulrich Hauschild: Willensfreiheit

Auch ich meine, dass die Willensfreiheit des Menschen für alles, was in dieser Gesellschaft geschieht, von ausschlaggebender Bedeutung ist. Was heißt es, wenn diese geleugnet wird? Es würde schlicht bedeuten, dass niemand für das, was er tut, verantwortlich zu machen wäre. Denn: nur ein freier Wille im Sinne der Entscheidungsfreiheit, also einer Freiheit, sich auch für eine Alternative von „Gut und Böse“ entscheiden zu können, macht den Menschen schuldfähig (und damit, um es theologisch zu wenden) fähig zur Sünde. Überflüssig wären Strafprozesse etwa, sogar Gesetze, deren Voraussetzung die Fähigkeit des Menschen ist, in freier Entscheidung gegen ein Gesetz zu verstoßen. Schuldfähigkeit setzt Moral voraus und Moral die Willensfreiheit. Dies ist ein Plädoyer für die Willensfreiheit aus den Folgen ihrer Leugnung.

Ich bin nicht berufen, Ihre so ernsthafte und weiterführende Frage zu beantworten, jedenfalls nicht ultimativ. Dies soll ein kleiner Versuch dazu sein. Ihre Frage berührt nach meiner äußerst unmaßgeblichen Auffassung eben das Problem der Willensfreiheit. Nach theologischer Auffassung (na ja, Sie wissen: so viel Wissenschaftler so viele Wahrheiten, dies gilt nicht nur für die Theologie oder Philosophie) ist das Ziel menschlicher Entwicklung eine Weiterbildung zu moralischen Handlungen in freier Entscheidung in Beziehung zu einem moralisch integeren und gütigen Gott (hier ist die Frage der Theodizee berührt).

Ein Mensch, wie Sie ihn schildern, ist wohl seiner Entscheidungsfreiheit beraubt; Handlungsfreiheit kann er noch haben. Er kann sich nicht mehr zum Guten entscheiden, sondern nur noch unter „bösen“ Handlungen wählen. Philosophisch gesehen (jetzt werde ich einmal wieder moralisauer, eigentlich aber ethisch grundsätzlich) ist ein Mensch nur für jene Handlungen verantwortlich, die er in freier Entscheidung gewählt hat. „Ein Mensch muss durch sich selber gut oder böse werden“ – sagt Kant. Weshalb ja auch die relativierenden Äußerungen zu postmoderner Beliebigkeit – dazu gehört auch der Fall Hoeneß – moralisch so empörend sind, denn: entweder er hat eine Willensfreiheit, dann hat er sich moralisch für das evident Falsche entschieden (oder unsere Wertmaßstäbe sind verrückt), oder er hat keine, dann ist es in der Tat gleichgültig. Das hat dann nichts mit „moralischer, oder gar nur moralischer“ Verurteilung zu tun, also nichts mit „moralinsauer“, sondern eine solche Position ist konstitutiv für die Definition des Menschseins.

Christlich: christliche Moral ist nach meiner Auffassung im Sündenbegriff zu fassen. Oder umgekehrt. Der Sündenbegriff in der kantischen Moral. Dann ist nur das Sünde, was in freier Entscheidung gegen die unverrückbaren und für jedermann evidenten Gebote getan wird: diese Gebote kreisen  aber im Wesentlichen um die Folgen eines Verstoßes gegen die Mitmenschlichkeit. Ein Mensch, der durch einen Unfall seiner Freiheit zu Entscheidungen beraubt ist, kann nicht sündigen. Ob jemand, der in diesem Betracht sündigt, in die Hölle kommt, kann ich nicht entscheiden. Aber jemand, der nicht sündigt, weil er objektiv nicht sündigen kann, bestimmt nicht, selbst wenn er gegen die bürgerliche Moral verstößt. Oder umgekehrt: die bürgerliche, weltbildabhängige Moral spricht ihn frei (vielleicht Hoeneß), seine Schuld im Sinne der Freiheit seines Willens bleibt, und damit die Sünde.

Welche Antworten die christlichen Kirchen auf Ihre Fragen finden, weiß ich nicht. Antworten in Stile von „Man kann nie tiefer fallen als in Gottes Hand“ oder „Gott nimmt die Sünder an“ sind hier unzureichend, weil es zwar im christlichen Sinne möglich ist, dass Gott Sünden für nichtig ansieht, womit aber noch nicht entschieden ist, was eine Sünde ist. Damit ist aber, wie angedeutet, wiederum das Problem der Willensfreiheit angesprochen, von der der Protestantismus, in der Nachfolge von Augustin, nicht viel hält im Verhältnis zu Gnade und Glauben. Jedoch einen gütigen Gott anzunehmen, der Menschen bestraft oder begnadigt ohne moralische Schuld ist schwer zu begründen. Die Kirchenväter wussten es besser; für viele von Ihnen (vor Augustin) gab es eine freie, moralisch zu verantwortende, Entscheidung für das Gute oder Böse, für oder gegen Gott. Dies eben setzt die Freiheit zur Entscheidung zwischen bewusst gewählten Alternativen voraus. Daraus wurde aber – wenigstens teilweise oder überwiegend – die Prädestination Gottes zu Gut oder Böse, so dass es diese Willensfreiheit im reinen Sinne nicht mehr gibt oder gab. Es ist aber sowohl philosophisch als auch theologisch schlicht „Unsinn“ (Armin Kreiner, katholischer Fundamentaltheologe), im Rahmen der Prädestination und Gnadenlehre von Willensfreiheit zu reden.

Ihr Frage noch einmal beantwortet: theologisch ist es – auch ohne Gnadenlehre – undenkbar, dass der christliche Gott einen Menschen „in die Hölle“ schickt, der für seine Taten („Sünden“) nicht verantwortlich ist. Dies gilt im Übrigen auch für das furchtbare Konstrukt der Erbsünde. Menschen – so kann man das doch interpretieren – müssen notfalls in Ewigkeit mit Höllenstrafen rechnen, weil ein Urvater oder eine Urmutter „gesündigt“ hat. Pardon, einen solchen Gott gibt es nicht, jedenfalls für rationale Theisten nicht, die einen gütigen und allmächtigen Gott begründen können (oh, wäre dies doch möglich). (Dr. Hans-Ulrich Hauschild/Gießen)

Baumhausbeichte - Novelle