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Sonntag, 12. Januar, 7.35 Uhr

Tunnel-Probleme. Seit gestern, mit anschwellender Tendenz. Befürchtete schon, in die Redaktion fahren zu müssen. Draußen fuhr gerade der Streuwagen vorbei, scheint nicht lustig zu sein, jetzt mit dem Auto raus zu müssen. Aber als ich mein Ränzlein schnüren wollte, ging’s plötzlich wieder. Bin aber vorsichtig und skeptisch. Schreibe daher nur ein kurzes Blöggchen, melde mich dann wieder ab und kehre erst später zu den “Montagsthemen” zurück. Notfalls schreibe ich sie auf dem Laptop und maile sie, oder fahre mit dem USB-Stick in die Redaktion und logge mich dort ins Redaktionssystem ein.

Stünde der Tunnel bombensicher, würde ich über den vorderen Stirnlappen nachdenken und über die Persönlichkeitsänderungen, die oft zu beobachten sind, wenn er schwer verletzt wird. Was macht den Menschen aus, welche Konsequenzen hat es für Philosophie, Religion, für das Nachdenken über das eigene Sein und das Sein an sich, wenn der Defekt eines Körperteils, eine simple Veränderung in einer grauen Masse, den ganzen Menschen umkrempelt (wenn er es überlebt)? Auch im Sport gibt es Beispiele. Auch bei Michael Schumacher fragt man sich: Wer wird er sein, wenn er, falls er wieder aufwacht?

In der Medizingeschichte gibt es einige Fallbeispiele, die gruseln machen. Dunkel erinnere ich mich an einen Mann, dem eine Eisenstange durch den Kopf drang, was er scheinbar unbeeinträchtigt überlebte. Der gute Mann – also: er war wirklich ein Guter, anständig, religiös, mitfühlend -  verlor aber alle früheren Moralvorstellungen, wurde ein ganz anderer Mensch und endete als Krimineller. Mich würde interessieren, was die christliche Kirche dazu sagt. Kam der Mann in den Himmel, in die Hölle?

Mit dem einstürzenden Tunnel im Nacken kann ich darüber nicht richtig nachdenken und formulieren. Dann lass ich’s lieber. Für die “Montagsthemen” auf dem Zettel: Welttrainer, Sportlotterie und die wichtigste Phase der Saison. Jetzt schnell raus aus dem Tunnel.

 

Baumhausbeichte - Novelle