Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Montagsthemen (vom 13. Januar)

Selten gab es einen überzeugenderen Beweis für die »One-issue-Gesellschaft«, die sich nur mit einem Großthema gleichzeitig beschäftigen kann: Seit Thomas Hitzlspergers Outing sind (Stand: Sonntagmittag) keine Schumi-Schlagzeilen mehr  erschienen. Dass beide Themen, obwohl individuell von großer Bedeutung, medial grotesk overkillt wurden, steht noch dazu auf einem anderen Blatt.
*
Bitte nicht über »one issue« und mein gedenglischtes »overkillt« schimpfen, die Anschlussfrage  ist vielleicht doch etwas wichtiger: Was macht den Menschen aus, welche Konsequenzen hat es für Philosophie, Religion, für das Nachdenken über das eigene Sein und das Sein an sich, wenn der Defekt eines Körperteils, eine simple Veränderung in einer grauen Masse, den ganzen Menschen umkrempelt?
*
Wenn bei einem Unfall, oder durch einen Tumor, der vordere Hirnlappen schwer verletzt wird, sind bei dem Patienten, der überlebt, oft schwere Persönlichkeitsänderungen festzustellen. In einer sehr frühen Kolumne habe ich einmal den Fall  Phineas Gage erwähnt. Im Jahr 1848 drang dem 25-jährigen US-Eisenbahner bei einer Explosion  eine  Brechstange durch das Kinn in den Kopf und kurz hinter der Stirn  wieder hinaus, dabei Teile des Gehirns, des vorderen Stirnlappens, mit sich reißend. Von der gruseligen Wunde abgesehen, war Gage nichts anzumerken, er ging noch eigenfüßig zum Arzt und stellte sich ihm angeblich mit den Worten vor: »Hier ist viel Arbeit für Sie.«
*
Nach vier Wochen war die Wunde verheilt, Gage lebte sein altes Leben scheinbar unversehrt weiter, ohne jede körperlichen Beeinträchtigung – aber der zuvor freundliche, zurückhaltende,  fleißige  junge Mann verwandelte sich in ein faules, streitsüchtiges, fluchendes und amoralisches Scheusal.
*
Mich würde interessieren, was die christliche Kirche dazu sagt. Kam der Mann als früher Phineas in den Himmel oder als später Gage in die Hölle? Wieviel Willensfreiheit hat der Mensch? Na ja, als Thema für eine kleine mittelhessische Sportkolumne vielleicht doch etwas zu groß. Außerdem ein neurologisches Modethema, bei dem die Fachwissenschaft zu einer Antwort tendiert (»Willensfreiheit gibt es nicht«), von der ich einfach glauben will, dass sie grundfalsch ist. Phineas hin, Gage her.
*
Zeilenschuster, zurück deinem Sportleisten: Der Sportinformationsdienst (sid) meldet unverdrossen, was die Deutsche Presseagentur (dpa) seit einigen Jahren wegen Obskurität des Meldungserzeugers verschweigt: die IFFHS-Wahl zum Welt-Fußballdingsbums des Jahres. Dingsbumsmeldungen zuletzt:  Manuel Neuer ist Welt-Torhüter, Jupp Heynckes Welt-Trainer des Jahres. Klar, wer sonst? Gewählt aber nicht von der FIFA, nicht von einer wie auch immer organisierten  Welt-Öffentlichkeit, sondern von der Internationalen Föderation für Fußball-Historie und -Statistik (= IFFHS), einer Organisation, hinter der sich in etwa so viele Menschen verbergen dürften wie hinter dem Kürzel »gw«.
*
Über  Alfredo W. Pöge und seine IFFHS, die aberwitzigste Fußball-Rankings bastelt, habe ich mich schon vor vielen Jahren amüsiert. Zum Beispiel, als die IFFHS einen gewissen Archibald Stark zum besten Torjäger aller Zeiten kürte: Stark hatte in der Saison 1924/25 für den FC Bethlehem Steel in den USA 67 Tore geschossen. Seit fast alle  spotten, spotte ich aber nicht mehr.  Spott hat ja auch nicht Herr Pöge verdient, denn es gibt viele ebenso harmlose und unsinnige Hobbys. Nicht Pöge ist peinlich, sondern alle, die seinen Rankings öffentliche Aufmerksamkeit verschaffen. Außerdem ist es unfair, einen Pöge zu verspotten und selbst alles und jedes in Rankings zu pressen. Meine alte Kolumnen-Faustregel: je mehr ranking, desto quatsch.
*
Noch mal kurz zurück zum derzeitigen, aber auch schon abschwellenden One-issue-Thema: Die vielen schönen und leicht dahin gesagten Worte sind nichts wert, wenn ihnen nicht  schmerzhafte Taten folgen. Im WM-Land Katar ist Homosexualität verboten, es drohen 90 Peitschenhiebe und mehrjährige Gefängnisstrafe. Darauf gibt es nur eine Antwort: Quotenregel für WM-Aufgebote, mindestens ein bekennender Schwuler muss dabei sein, wenn mangels Masse nicht als Spieler, dann als Betreuer. Falls  Katar das nicht schluckt, platzt die WM.
*
Leider keine Antwort, mangels belastbaren statistischen Materials, habe ich  in diesen spätherbstlichen bzw. vorfrühlingshaften Tagen, in denen  ich sportliche Aktivitäten auf Freiland-Radfahren verlegen kann. Denn die Ansicht der vielen Windräder, die den Vogelsberg wie einen schlecht rasierten alten Zausel aussehen lassen, dem eisgraue Büschel das Gesicht spicken, lässt mich meine alte Frage fragen: Wieviel  Energie wird verbraucht (Herstellung, Transport, Aufbau, Wartung, Lebensdauer usw.), um wieviel  Energie zu erzeugen? Verhalten sich  die von der Lobby propagierten Werte  zu den tatsächlichen wie der Spritverbrauch eines Öko-Autos gegenüber einem Formel-1-Renner?
*
Noch was Heikles: Rumänen und Bulgaren, die zu uns kommen. Mir sind sie willkommen, wie auch alle anderen Nationen. Wenn sie meine Rente sichern oder meinen Klub zum Erfolg führen. Dann dürfen gerne auch noch zusätzlich so viele an Mühseligen und Beladenen kommen, wie unser Sozialsystem verkraften kann und will. Aber auch das ist eventuell ein ganz anderes Thema und hat mit Sport nicht mehr allzu viel zu tun. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle