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Sport-Stammtisch (vom 11. Januar)

Thomas Hitzlsperger ist ein nachdenklicher, sympathischer Mensch, der schon früher durch kluge Interviews angenehm aufgefallen ist. Aber als er noch Fußball spielte, konnte kaum jemand seinen Namen unfallfrei schreiben. Jetzt kennt ihn die ganze Welt. Nicht weil er Fußball gespielt hat, sondern weil er schwul ist.
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Der deutsche Regierungssprecher verlautbart Salbungsvolles, der englische Premierminister nimmt hochachtungsvoll Stellung, das Schwulsein eines ehemaligen Fußballprofis ist Nummer-eins-Meldung in den Medien, alle überschlagen sich vor Begeisterung über den Bekennermut – und das ist zugleich das wahre Problem, denn diese grotesk verzerrten Dimensionen offenbaren hinter und unter aller scheinbar freundlichen Akzeptanz eine unsichere Verklemmtheit der anderen Art.
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Nähme man das Medien-Echo ernst, könnte man glauben, Hitzlspergers Offenbarung müsste eine Outing-Welle auslösen. Wird sie aber nicht. Zum einen wegen der bekannten Probleme, die ein schwuler, noch aktiver und ehrgeiziger Fußball-Profi fürchten müsste, zum anderen aber vor allem, weil es gar nicht so viele schwule Erstliga-Profis gibt, wie jetzt kolportiert wird. Kaum jemand traut sich, die sportliche Wahrheit auszusprechen: So wie es im Kampfspiel-Spitzensport der Frauen überproportional viele Lesben gibt, sind Schwule dort bei den Männern nur unterproportional vertreten. Was mangels statistischen Materials zwar nicht zu beweisen ist, aber unter den meisten Sportkennern als Axiom gilt, als eine in der Natur der Sache liegende und innerhalb eines Fachgebiets beweislos vorausgesetzte Tatsache. Ausnahmen bestätigen nur die Regel.
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»Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt« – der Filmtitel von Rosa von Praunheim ist auch nach fast einem halben Jahrhundert noch gültig, aber mittlerweile andersrum (sorry), durch die maßlos überzogene – nun positive bewertete – Bedeutung, die man dem Schwulsein gibt. Rosa von Praunheim hatte einst Hape Kerkeling und Alfred Biolek in einer RTL-Sendung zwangsgeoutet. Eine Ungeheuerlichkeit, die beide in großer Würde schweigend ertrugen. Überhaupt leben Kerkeling und Biolek ihr Schwulsein so, wie ich es auch (wollen) würde, wäre ich schwul: ohne sich zu verstecken, selbstbewusst, frei und offen, aber ohne öffentliche Demonstration oder Kommentierung. Wenn jetzt all die Sonntagsreden und »Bravo!-Respekt!«-Bekundungen verklungen sind, wäre es erst dann ein Zeichen von echter, unverstellter Akzeptanz, wenn sich der eine oder andere Spielermann zu den Spielerfrauen auf der Tribüne gesellen würde – und es niemanden groß interessierte.
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Diskriminierung ist ein weites Feld. Dagegen helfen keine konsequenzlosen Verlautbarungen, sondern auf Dauer nur eigene Taten. Dan Mori, Profi des holländischen Erstligisten Vitesse Arnheim, ist nicht schwul (Gegenteiliges ist jedenfalls nicht bekannt), sondern Israeli. Sein Klub fuhr ohne ihn ins Trainingslager nach Abu Dhabi, er muss zu Hause mit dem Nachwuchs trainieren, nicht aus disziplinarischen Gründen, sondern weil die Vereinigten Arabischen Emirate Israelis nicht einreisen lassen. Vitesse schluckt das widerstandslos, lässt den Spieler zu Hause und macht in Abu Dhabi gute Miene zum bösen Spiel. Damit wird Mori durch den eigenen armseligen Klub noch schlimmer diskriminiert als von den Arabern. Auch die Frankfurter Eintracht trainiert momentan in Abu Dhabi. Wichtiger und sogar zugegebener Neben-, vielleicht sogar der Hauptaspekt: wirtschaftliche Kontakte sollen geknüpft werden. Da wären kritische Stellungnahmen oder gar Abreise kontraproduktiv. Übrigens hat die Eintracht traditionell sehr starke jüdische Wurzeln.
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Anderes, aber menschlich noch schlimmeres Beispiel: Im Internet kursiert ein Video, das begeistert angeklickt wird und schon zigtausend »Likes« bekommen hat: Ein dickes Mädchen, etwa zwölf Jahre alt, läuft im Sportunterricht frohgemut an, um ein Rad zu schlagen, seine Arme brechen aber unter dem Gewicht des Körpers ein, das Mädchen kracht fürchterlich zusammen und windet sich am Boden. Auch die Netzgemeinde windet sich am Boden, die »sozialen« Medien lachen sich schlapp. Wird das arme Mädchen jemals darüber hinweg kommen?
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Echten Spaß macht ein anderes Video. Wer bei youtube  »Kagawa« und »Kiyotake« eingibt, findet dort ein (Stand gestern)  über eine Million Mal angeklicktes Filmchen, in dem der Ex-BVB- und der Nürnberger Profi auf einem Fußballplatz üblicher Größe zu zweit gegen 55 Kinder – fünf davon als Torhüter! – antreten, vom eigenen Strafraum aus dribbelnd und kombinierend – und ohne Ballverlust ins Tor treffend. Toll.
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Noch ein Video. Musikclip. »Far away in America«, einer der Hits von »Village People«, der legendären Schwulen-Band. Sie erinnern sich vielleicht: Ihr »YMCA« (= CVJM) war herrlich selbstironisch, das Sextett trat in Cowboy-, Indianer-, Polizei-, Army-, Bauarbeiter- und Lederkluft auf, kostümiert wie zum Rosa Karneval in Köln. Die Schwulen-Szene amüsierte sich prächtig. Aber nun kommt’s: Hitzlsperger war  nicht der erste deutsche Profi, der sich geoutet hat! Ich habe mich auch geirrt, dass es nur wenige schwule Fußballprofis gibt. Nein, die komplette Nationalmannschaft hat sich geoutet! Denn auf dem youtube-Video von 1994 treten die »Village People« gemeinsam mit dem deutschen WM-Team auf, das sich dadurch für jeden Kundigen eindeutig zu erkennen gibt. Wie freudig »Effe« mitsingt! Wie begeistert Andi das Ärmchen im Takt hochreißt! Outing mit Spaß!
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Der verging ihnen aber far away in America. Vielleicht  der Grund, warum  sich seitdem niemand mehr outete – WM-Versagen droht!  (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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