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Sport-Stammtisch (vom 4. Januar)

Die ungewöhnlich große Anteilnahme am Schicksal von Michael Schumacher gilt nicht nur dem siebenfachen Formel-1-Weltmeister, sondern wohl mehr noch der Art, wie er sein Leben danach gestaltet hat: Ruhig, unaufgeregt, antiborishaft, mit einem zwar gescheiterten Comeback, das er aber in gelassener Würde beendete. Vom ungeliebten »Schummel-Schumi« zum weltweit geachteten Größten seines Sports – ein auch menschlich beeindruckender Lebensweg. Was nun wird, weiß niemand. Zwischen Glück und Trauer ist alles möglich.
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Beklemmend zu sehen, wie inmitten des Medienauftriebs fast täglich neue Patienten eingeliefert werden, die ähnlich schwere Kopfverletzungen erlitten haben. Sie kämpfen den gleichen Kampf.
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Auch Magomed Abdusalamow kämpft ihn. Sie erinnern sich vielleicht: Nach 18 Erstrunden-Knockouts in 18 Kämpfen musste der als gefährlichster Klitschko-Gegner gehandelte Russe gegen einen Kubaner erstmals über die Runden gehen, er verlor nach einer das Publikum begeisternden Prügelei … und fiel nach dem Kampf mit einer Hirnblutung ins Koma. Die gute Nachricht: Drei Wochen später erwachte er, mittlerweile wurde er in eine Rehabilitationsklinik verlegt. In allerdings noch immer beklagenswertem Zustand.
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Überhaupt, das Boxen: Schwere Kopfverletzungen häufen sich, und das soll, las ich vor einigen Wochen im »Spiegel«, an Pferdehaaren liegen. Denn zwar ist vorgeschrieben, dass Boxhandschuhe gepolstert sein müssen, aber nicht, womit. Nein, es geht nicht um den alten Witz mit dem Hufeisen im Handschuh, sondern um Pferdehaare: Die kann man im Handschuh verteilen, so dass die Schlagfläche kaum noch gepolstert ist. Die neuen Rosshaar-Handschuhe, auch »Puncher’s Gloves« genannt, wurden eigens entwickelt, um mehr Knockouts erleben zu können.
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Es gibt aber noch andere Rosshaar-Perversitäten. Drei Wochen nach den »Puncher’s Gloves«, die ich seitdem in meinem Themen-Kasten für diese Kolumne aufbewahrte, lese ich, wieder im »Spiegel«, dass Rosshaar, mit Mineralwasser gewaschen und sorgsam gekämmt, nicht nur Boxhandschuhe, sondern auch die Matratzen von Promis und Reichen füllt. Die Betten kosten um die 50 000 Euro, am angesagtesten sind »Boxspring-Systeme«, die zwar nichts mit Boxen zu tun haben, mit denen sich aber der Kreis schließt: Auf Rosshaar legt man sich mit Boxspring schlafen, mit Rosshaar wird man im Boxring schlafen gelegt.
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Ob Boxen zum Sport gehört, ist eine alte Streitfrage. Unstrittig aber, dass Sport zu den guten Vorsätzen gehört, die zu Jahresbeginn gefasst werden und meist Gewichtsabnahme zum Ziel haben. Denn »das verfressene Schwein nimmt bei guter Futterlage schnell zu«, las ich einmal in einer Landwirtschafts-Fachzeitschrift. Da zuckte ich schuldbewusst zusammen und fand in meiner Verhausschweinung auch keinen Trost beim Konrad-Lorenz-Schüler Eibl-Eibesfeldt: »Der Mensch läuft durch geänderte Auslesebedingungen Gefahr, in einem Prozess der Selbstdomestikation  rückbildende Änderungen des Verhaltens und Körperbaus zu erleben, die den Domestikationserscheinungen der Haustiere  verblüffend ähneln.«
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Wer an dem Problem leidet, sollte sich an einem anderen Haustier orientieren. Denn, und nun folgt ein alter, exklusiver »Anstoß«-Rat: Ein guter Hahn wird selten fett. Aber nicht der Sex ist das Geheimnis des Schlankheitshahns (man beachte bitte: »h« statt »w«!), sondern die Bewegung. Ein guter Hahn ist sozusagen ständig auf dem Sprung, schließlich hat er einen ganzen Hühnerhaufen zu versorgen, zu verteidigen, vor ihm auf und ab zu stolzieren. Sein gegenüber den träg-fetten Hennen vielfach erhöhter Grundumsatz frisst ihm das Fett schon weg, bevor es am Hähnchenschenkel andocken kann. Wer fettfrei wie ein guter Hahn werden will, muss daher nach dem Motto des gehetzten Hühnerhof-Königs leben: »Mehr output als input durch maximal putput.«
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Leider haben meine – und Ihre? – Vorsätze ein kürzeres Leben als ein Hähnchen in der Kükenzucht. Und da ich mental als Tier am ehesten einem gewissen Erpel ähnele, sagt Daisy Duck ihm und mir auf den Kopf zu, was uns fehlt: »Willenskraft. Du hast ja überhaupt keinen Willen.« Donalds Antwort ist auch meine: »Weiß ich, Daisy. Ich bin eben ein schwankendes Rohr und keine knorrige Eiche.«  (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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