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Dalmatiner, Maikäfer und die Glücksmünze (“Anstoß” vom 2. Januar 2014)

Jetzt wird auch das neue Jahr schon alt. Aber noch nicht so alt wie der erste Satz dieser Kolumne, der ähnlich viele (Neu-)Jahre auf dem Buckel hat wie der Silvesterlauf in Sao Paulo. Noch älter sind nur die Neujahrs-Fußballspiele zwischen Bäckern und Schornsteinfegern.

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Und wer wird am Ende des Jahres am ältesten aussehen? Etwa die Münchner Bayern nach dem Champions-League-Schock? Für diese miese Unkerei kommt ein Knoten ins Taschentuch. Als Merkknoten für die Silvester-Kolumne 2014. Zu schreiben von dem, der dann sowieso am ältesten aussehen wird.

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Bäcker und Schornsteinfeger. In meiner Kindheit spielten sie am 1. Januar Fußball, in Berufskleidung, die Bäcker also blütenweiß, die Schornsteinfeger kohlrabenschwarz. Es schneite immerzu, der Platz war weiß, und im Laufe des Spiels wurde die Spielkleidung der einen immer schneefleckiger, die der anderen schmutzdunkler, so dass kaum noch zu unterscheiden war, ob hier zwei Fußballmannschaften gegeneinander spielten oder 22 zweibeinige Dalmatiner miteinander.

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So weit die Erinnerung. Doch wissend, wie sehr sie trügen kann, begann ich später zu zweifeln: Gab’s diese Fußballspiele überhaupt? Oder nur in einer Bilderbuchgeschichte, die mein kleiner Kopf zur historischen Wahrheit ausbaute? Erst jetzt kam ich auf die Idee, den modernen Alleswisser zu befragen. Und siehe da, es war wahr, so wahr war das sogar, dass meine Dalmatiner-Erinnerung stimmig wird. Denn die Suchmaschine fand nicht nur diverse Bäcker-vs.-Schornsteinfeger-Fußballspiele bis hinunter in die Zwanziger Jahre und in unserer Zeit einige zaghafte Versuche, die Tradition wiederzubeleben, sondern auch einen Trick, den das Kind nie durchschaute: Die Bäcker hatten Mehl in der Tasche, die Schornsteinfeger Ruß, sie bewarfen damit die Gegenspieler, und so kam es, dass es immer schneite (rußig natürlich in diesen vorökologischen Fünfzigern) und am Schluss 22 Dalmatiner auf dem Platz standen.

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Google sei Dank auch dafür: Bäcker und Schornsteinfeger gehören noch zu einer anderen Spezies: »Bäcker (mehlig weiß), Schornsteinfeger (schwarz) oder Kaiser (rot) dienten lange vor der Existenz von Sammelkarten als Tauschobjekte.« – Maikäfer! Stimmt! Hatte ich völlig vergessen. Traumatische Amnesie, weil niemand seine Kaiser gegen meine gewöhnlichen Schornsteinfeger eintauschen wollte.

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Ooooch … Danke für das Mitgefühl. Dankeschön auch für viele guten Wünsche, ob aus Beaver Valley gemailt (Vera Fahrenholtz-Boyens) oder aus Ettingshausen handgeschrieben (Susanne Zitelmann). Viel Aufmunterung dabei, viele überaus lobenden Worte, die ich gerne lese, die aber unter uns bleiben sollen.

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Wie war 2013 für mich? Welche Wünsche habe ich für 2014? Manche Leser sind sehr neugierig, ihnen verrate ich heute ausnahmsweise privateste Dinge. So schließe ich mich vollinhaltlich Hugo D. an, der in dieser Zeitung Anfang Januar 1950 persönliche Bilanz zog: »Wenn das Geld auch knapp ist, so konnte man doch wieder das Nötigste anschaffen. Hauptsache ist: Man kann sich wieder sattessen. Wenn auch das Geld für den Winterbrand und die Einkellerungskartoffeln nicht ganz gereicht hat, so will ich doch schon ganz zufrieden sein.«

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Auch meine parteipolitischen Präferenzen verschweige ich nicht mehr. Denn neben der Bilanz von Hugo D. lese ich in einer Januar-1950-Ausgabe, dass der Kabarettist Werner Finck eine neue Partei gegründet hat: Die »Radikale Mitte«, überparteilich, außerkirchlich und nicht nationalistisch, hatte sich zum Ziel gesetzt, »die Humorlosigkeit und den Bazillus der Dummheit in Deutschland zu bekämpfen«. Seine Partei, so Finck, wollte »die Einzelgänger ansprechen und eine Gewerkschaft der Eigenbrötler werden«. Als Symbol sollten ihre Anhänger eine Sicherheitsnadel unter dem Rockaufschlag tragen und als »Führerbild« einen Spiegel ansehen.

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2014. An die Jahreszahl wird man sich gewöhnen. Wie an alles. Fast alles. Dann also: »kali kronia!« (wörtlich: »gutes Jahr!«). Damit beginnt das, was ich schon lange vermisst hatte: ein griechischer Sprachkalender. Bevor ich in Neugriechisch dilettierte (das ist kein Understatement, eher Euphemismus), stammelte ich im Italienischen herum, und dafür gab es Sprachkalender (langjährige Kolumnenleser erinnern sich an diverse Anleihen), wie natürlich auch für fast alle anderen Sprachen. Nur Griechisch wurde diskriminiert. Gerne mache ich unbezahlte Schleichwerbung für das Ende dieses Sprachrassismus: »Sprachkalender Neugriechisch 2014« von Marisa Spahr, erschienen im Buske-Verlag Hamburg.

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“Gelernt gegriekt« habe ich am ersten Tag auch, dass die Griechen am Neujahrstag eine »vasilopita« essen, einen Neujahrskuchen, in dem eine Münze mitgebacken wird. Wer die in seinem Kuchenstück findet, hat das ganze Jahr über Glück. Ich wünsche jedem Leser eine Glücksmünze in seinem Kuchenstück. Kali kronia! (gw)

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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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