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Sport-Stammtisch (vom 31. Dezember)

Nach Michael Schumachers tragischem Skiunfall bleiben Fragen offen – auch die oft gestellte, ob das Attribut »tragisch« für Unfälle nach freiwillig und lustvoll eingegangenen Risiken noch angemessen ist.
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Tragisch. Tragödie: Das Wort haben die alten Griechen geprägt: Das alljährliche Sterben des Weingottes (als Metapher für die Natur an sich) wurde von seinen Begleitern, den als Böcke (= trágoi) auftretenden Satyrn, mit klagendem Gesang (odé) betrauert. In der klassischen Tragödie geht der Held unter, weil sein Handeln durch Grenzverletzung bestimmt ist. Im Zuschauer erzeugt die Tragödie des Helden durch den Schauder vor der unentrinnbaren Gewalt des Schicksals ein intensiviertes Daseinsgefühl. Wichtig ist auch die Fallhöhe: Der Held muss aus allerhöchsten, für die Zuschauer unerreichbaren Kreisen kommen. – Demnach eine fast klassische Tragödie.
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Abrupte Kehrtwendung, hin zu den gewohnten Themen zwischen Sport, Gott und der Welt: Täuscht der Eindruck, oder lässt die Faszination des Biathlons nach? Das Schalke-Spektakel, vor einigen Jahren als Mega-Event gestartet, rutscht jedenfalls langsam wieder in die Kurzmeldungs-Spalten ab. Normalisierung? Oder lag’s sowieso nur an Magdalena Neuner? Beziehungsweise am fröhlichen Medaillensammeln, das vorbei zu sein scheint?
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Nein, Schnee von gestern ist Biathlon noch lange nicht. Sehr apart aber, dass der echte Schnee von gestern von Schalke nach Oberhof gekarrt wird, um dort den Weltcup zu retten.
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Warum springt Martin Schmitt immer weiter, obwohl er immer weniger weit springt? Warum tut er sich das noch an? Meine liebste Antwort: Weil er Lust auf seinen Sport hat. Die böse (wegen noch laufender lukrativer Werbeverträge) verbiete ich mir.
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Das Leben nach dem Sport, es ist das wahre Leben. Einer wie Martin Schmitt wird es meistern. Im Gegensatz zu vielen Fußball-Profis. Nur ein kleiner Prozentsatz der Talente, die von einer Profi-Karriere träumen, schafft es in die Bundesliga, und nur ein verschwindend geringer Teil kann bis ins Alter finanziell und ideell vom Fußballgespielten leben. Derzeit kicken in Deutschland einige, die riesengroße »Bild«-Schlagzeilen bekommen (zum Beispiel mit Mega-Weihnachts-Familienbild), und von denen man sich nicht vorstellen mag, wie sie mit 50, 60, 70 leben werden.
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Fußball kann aber auch ein Rettungsanker sein, in seltenen Fällen sogar ein Sprungbrett zurück ins Leben. Wie bei Süleyman Koc. Nach Raubüberfällen zu vier Jahren Gefängnis verurteilt, durfte der geläuterte Berliner als Freigänger wieder bei seinem alten Verein SV Babelsberg … nein, einsteigen ist nicht das passende Wort … mitspielen. Morgen, am Neujahrstag, wird er aus dem Knast entlassen und wechselt vom Viertligisten Babelsberg zum Zweitligisten SC Paderborn. Aber auch für Koc gilt: Das wahre Happy-End kann erst viel später kommen.
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»Bach muss endlich Ordnung schaffen« – »FAS«-Überschrift eines großen Interviews mit Heiner Geissler. Der einst an Kohl gescheiterte und dann von ihm langfristig in den Senkel gestellte Geissler, mittlerweile 83 und immer noch bergsteigend sportlich aktiv, sagt einige kluge Sachen über den Sport. Allerdings hat er den Vorteil, den alle halbwegs bekannten Politiker haben, wenn sie über Sport reden: Die Verantwortung tragen andere, denen ins Gewissen reden und humanmaximale Forderungen stellen, ohne sie umsetzen zu müssen, ist konsequenzloses Moralisieren, quasi das Privileg, auch mal Bundespräsident spielen zu können. Wenn es nach Geissler ginge, gäbe es kein Olympia in Sotschi, keine WM in Katar, es hätte kein Olympia in Peking gegeben, und zwanzig Länder, in denen Frauen keinen Sport treiben dürfen, würden von Olympia ausgeschlossen. Wenn man das moralisch weiterdenkt, müssten Olympia und Fußball-WM nur noch an einem  Ort stattfinden. Auf dem Mond. Auf unserer Erde dagegen schmuggelt Rummenigge, aus Katar (!) kommend, zwei Rolex-Uhren durch den Zoll, steht mit flammenden Appellen seinem Vereinsbruder Uli zur Seite, und alle weinen vor Rührung.
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Noch mal zu Geissler, beziehungsweise zu einem ähnlich schlauen Taktiker der Moralmacht: Ströbele. In der »FAS« lese ich auch, dass er zu den acht Grünen gehörte, die 2001 gegen den Afghanistan-Einsatz stimmen wollten und dadurch die Schröder-Regierung ins Wanken gebracht, wahrscheinlich sogar gestürzt hätten. Da drängte Ströbele hinter den Kulissen darauf dass vier der acht aus Gründen der Staats- bzw. der Regierungsraison für den Einsatz stimmten und die Kanzlermehrheit sicherten. Er selbst blieb bei seinem »Nein«, dieser »Friedensengel« (»FAS«).
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Der härteste Knochen im grünen Gewande ist aber ein Weichei gegen unsere Verteidigungsministerin. Eine Frau in diesem Job, das geht doch nicht, stöhnen viele. Sie täuschen sich. Gegen sie waren der nette Herr Jung, der Wüstensandstrauchler Rühe, schon gar jener Talmi-Baron wachsweiche Männlichkeitsdarsteller. Manchmal ahne ich, sie kommt aus einem anderen Universum, geschickt als Robocop, der in Jämmerlichkeitsland für Ordnung sorgen soll. Aber das ist ein ganz anderes Thema und hat mit Sport eventuell nicht mehr allzu viel zu tun. Na dann, bis nächstes Jahr. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle