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Sonntag, 29. Dezember, 8.45 Uhr

Die Genesung vom unmotivierten sonntäglichen Frühstaufstehen, diesem Spätschaden eines 18-Stunden-und-manchmal-mehr-Sonntagsarbeitslebens, sie schreitet voran. 8.45 Uhr. Persönliche Bestleistung im Rentnerleben. Ob der Rekord anerkannt wird, ist allerdings zweifelhaft. Zu viel Rückenwind, da keine “Montagsthemen” geschrieben werden müssen (oooch!, hallt es leise durchs Blogländchen, wie schon am Samstag, als der “Sport-Stammtisch” wegen der “Das war’s”-Rückblicke ausfiel).

Allerdings schwanke ich noch ein wenig. Das letzte “Das war’s” auf Silvester verschieben und stattdessen doch eine aktuelle Kolumne schreiben? Ich lasse es in der Schwebe und komme über das allmähliche Verfertigen der Gedanken beim frei fließenden Blogschreiben zu einer Entscheidung.

Kürzlich hatte ich im Blatt meine Witzchen über die Serien-Manie am Beispiel von Dirk Nowitzkis NBA-Klub gemacht. In der Berichterstattung ist immer von einer haltenden oder reißenden Serie die Rede, und nur, wenn Dallas abwechselnd gewinnt und verliert und gewinnt und verliert, fällt es den Kollegen etwas schwerer, eine Serie starten oder reißen zu lassen. Das Problem lösen sie aber elegant, wie jetzt, am Sonntag, als Dallas nach einer Niederlage gewann und “in die Erfolgsspur zurückgekehrt” ist.

Täuscht der Eindruck, oder lässt die mir unerschließbare Faszination des Biathlons nach? Das Schalke-Spektakel, vor einigen Jahren als Mega-Event gestartet, rutscht jedenfalls langsam wieder in die Kurzmeldungs-Spalten ab. Normalisierung? Oder lag’s sowieso nur an Magdalena Neuner? Beziehungsweise am fröhlichen Medaillensammeln, das vorbei zu sein scheint? Ihre erhoffte Nachfolgerin, Miriam Gössner, macht vorerst vor allem Schlagzeilen als Schmerzensreiche. Was dieses Mädchen schon alles gebrochen und erlitten hat! Wobei Schmerzmittel bei ihr nicht mal wirken (außer Morphium). Irgendwo (FAZ, SZ? Welt?) in den letzten Tagen gelesen, dass sie, nach einem frühen Gesichtsbruch (durch zurückwippende Slalomstange) ein Zahnersatzteil trägt, das beim heftigen Keuchen auf der Biathlonstrecke schon mal raus und in den Schnee fällt.

Zurückgelegt, um demnächst ein altes “Anstoß”-Thema mit neuen Fakten zu aktualisieren: Die Fußball-Profis, die Ausbildung, das Geld und ihr Leben nach dem Sport. Dazu ein “Welt”-Interview mit dem Geschäftsführer der Profigewerkschaft VdV, Ulf Baranowsky. Wer unbedingt auf Fußball-Profis neidisch sein will, kann es nur auf ganz wenige Prozent von ihnen sein – die paar Dutzend in Deutschland, die bis ins hohe Alter finanziell und ideell vom Fußballgespielten leben können. Derzeit spielen in Deutschland einige, die riesengroße “Bild”-Schlagzeilen bekommen (zum Beispiel mit Mega-Weihnachts-Familienbild), und von denen man sich nicht vorstellen mag, wie sie mit 50, 60, 70 leben werden.

“Bach muss endlich Ordnung schaffen” – “FAS”-Überschrift eines großen Interviews mit Heiner Geissler. Der einst an Kohl gescheiterte und dann von ihm langfristig in den Senkel gestellte CDU-Halblinke, mittlerweile 83 und immer noch bergsteigend sportlich aktiv, sagt einige kluge Sachen über den Sport. Allerdings hat er den Vorteil, den alle halbwegs bekannten Politiker haben, wenn sie über Sport reden: Die Verantwortung tragen andere, denen ins Gewissen reden und humanmaximale Forderungen stellen, ohne sie umsetzen zu müssen, ist ein konsequenzloses Moralisieren, quasi das Privileg, auch mal Bundespräsident spielen zu können. Wenn es nach Geissler ginge, gäbe es kein Olympia in Sotschi, keine WM in Katar, es hätte kein Olympia in Peking gegeben, und zwanzig Länder, in denen Frauen keinen Sport treiben dürfen, würden von Olympia ausgeschlossen. Wenn man das moralisch weiterdenkt, müssten Olympia und Fußball-WM allerdings demnächst an einem zentralen Ort stattfinden. Auf dem Mond. Auf unserer Erde dagegen schmuggelt Rummenigge, aus Katar (!) kommend, zwei Rolex-Uhren durch den Zoll, steht mit flammenden Appellen seinem Vereinsbruder Uli zur Seite, und alle weinen vor Rührung.

Weinen. Im Jahr 2013 war zum Weinen, wie Boris Becker sich zum Narren machte, nicht nur wegen der Klatsche am Kopf bei Pocher, sondern (für mich) vor allem, wie er im Fernsehen aus seinem Buch vorlas. Weinen aus Fremdscham und Enttäuschung über einen großen Sporthelden. Auch ein anderer las aus seinem Buch vor, auch das war zum Weinen, aber das übernahm er selbst, weil er von sich selbst gerührt war. Wer? Sein Lebensabschnitts-Beruf ist in einem dieser Blogsätze schon genannt worden. Soll ich den Namen als “Wer bin ich?”-Zusatzpunkt ausloben? Nein, zu einfach.

Noch mal zu Geissler, beziehungsweise zu einem ähnlich schlauen Taktiker der Moralmacht. Ströbele. Heute früh lese ich in der “FAS”, dass er zu den acht Grünen gehörte, die 2001 gegen den Afghanistan-Einsatz stimmen wollten und dadurch die Schröder-Regierung ins Wanken gebracht, wahrscheinlich sogar gestürzt hätten. Da drängte Ströbele hinter den Kulissen dafür, dass vier der acht aus Gründen der Staats- bzw. der Regierungsraison für den Einsatz stimmten und die Kanzlermehrheit sicherten. Er selbst blieb bei seinem “Nein”, dieser “Friedensengel” (“FAS”).

Der härteste Knochen im grünen Gewande ist aber ein Weichei gegen  unsere Verteidigungsministerin. Eine Frau in diesem Job, das geht doch nicht, stöhnen viele. Sie täuschen sich. Gegen VDL waren der nette Herr Jung, der Wüstensandstrauchler Rühe, schon gar jener Talmi-Baron wachsweiche Männlichkeitsdarsteller. Die Neue hat sogar einige Härtegrade mehr drauf als einst Domina Thatcher, der John Wayne mit Colthandtasche. Manchmal ahne ich, VDL  kommt aus einem anderen Universum, geschickt als Robocop, der in Jämmerlichkeitsland  für Ordnung sorgen soll.

Tja. Ob das Bloghingeschriebene in die “Montagsthemen” oder Material für den Silvester-”Anstoß” liefern soll? Bin immer noch unschlüssig. Online-Leser werden es merken, wenn der nächste “gw-Beitrag Anstoß” rechts anklickbar ist – “Das war’s” im November/Dezember, oder eben die “Montagsthemen”.

Als Zwischendurch-Beschäftigungstherapie stelle ich schon mal die WBI-Ranglisten zusammen. Aufruf an alle, die vorne dabei zu sein glauben (die meisten wissen es): Bevor ich die Ranglisten im Blatt veröffentliche, stelle ich sie in den Blog, zwecks möglicher Überprüfung von Fehlern – Sie melden sich, ich prüfe nach. Fehlerfreiheit würde mich überraschen, denn ich zähle die Punkte alleine zusammen und fummele die Ranglisten zurecht, da ist mir jede Leser-Nachhilfe willkommen (da ich alles aufgehoben habe, sind eventuelle Fehler leicht zu überprüfen). Also, vielleicht schon heute im Blog. Bis dann.

 

 

Baumhausbeichte - Novelle