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Das war’s (November/Dezember: “Choreos”, ein Ballon-Hund und der “Xaver”-Effekt)

Zahlen, Daten, Fakten – Rückblicke sind voll davon. Nicht bei uns. Wir haben aus den »Anstoß«-Disziplinen »Sport-Stammtisch«, »Montagsthemen« und »Ohne weitere Worte« sowie aus dem Blog »Sport-Gott & die Welt« Einblicke, Ausblicke, Irrungen und Wirrungen (auch eigene) herausgepickt. Auf ein Neues 2014!
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Unterschied der Sporturteile zu »Phantom-Tor« und Schumacher/Holczer: Schiedsrichter Brych durfte nicht wissen, was alle wissen, Radrennstall-Chef Holczer wollte nicht wissen, was alle wissen. Als Chef seines Betriebes ist er damit ebenso glaubwürdig wie Präsident Obama, der ja auch nicht gewusst haben will, womit seine Angestellten beschäftigt sind.
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BVB-Boss Hans-Joachim Watzke hat der Südtribüne die »Choreos« verboten, als Strafe für die Randale auf Schalke. Eine »Choreo«, das muss man Lesern erklären, die nicht so oft in der Fankurve stehen, ist ein Choreographie genanntes Massenspektakel, bei dem Tausende ein Stück Stoff oder ähnliches in die Höhe halten und damit eine Art gelöstes Riesenpuzzle darstellen. Die Abkürzung »Choreo« ist treffend gewählt: Klingt wie »Korea«, wo der Norden des geteilten Staates als inoffizieller »Choreo«-Weltmeister gilt.
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Da wir uns immer nur mit einem Großthema gleichzeitig beschäftigen können (»One-issue-Gesellschaft«), wäre für die deutsche Empörungsritualistik ein Bischof Uli Tebartz von Bayern der Idealfall. Der steckt Fantastillionen, die er der deutschen Steuer hinterzogen hat, in seine Bistumsarena, baut dort sieben goldene Badewannen ein und begründet dies frech damit, sich gründlich reinwaschen zu müssen. Schließlich deckt dann noch ein Whistleblower, dem die Münchner »Löwen« Asyl gewährt haben, auf, dass Uli Tebartz von Bayern die NSA mit dem Abhören des Kanzlerhandys beauftragt hat, um zu erfahren, ob Merkel den wahren Grund weiß, warum Adidas-Dreyfus dem Bayern-Uli die Millionen aufs Schweizer Nummernkonto ge- und versteckt hat.
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Basketball. Der Blick auf die Tabelle weckt Nostalgie: Göttingen, Gießen, Leverkusen, Heidelberg, zum Teil sogar mit Traditionsnamen wie »BG« oder »USC« statt eines Yankee-Kauderwelschs. Leider ist es nicht die Erstliga-Tabelle, sondern die mit dem etwas euphemistischen Titel »Pro A«.
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Bei Christie’s in New York wurde ein Werk von Jeff Koons für 58,4 Millionen Dollar versteigert. Das teure Kunst-Stück heißt »Balloon Dog« und ist die größere Version der zu Hundefiguren verknoteten Luftballons, die uns Straßenkünstler für ein paar Groschen verkaufen. Man kann also auch aus Hundescheiße Geld machen, Millionen sogar, und im Vergleich dazu haben sich ein Ronaldo, ein Ibrahimovic weit unter Wert verkauft.
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Warum setzte sich Guardiola im Gegensatz zu anderen Kollegen (wie zum Beispiel Wenger) nicht für den in Katar festgehaltenen Fußballprofi Belounis ein? Dessen schriftliche Bitte an ihn persönlich ließ Guardiola einfach abtropfen – er kenne die Fakten nicht. Hat die Fakten-Unkenntnis etwas damit zu tun, dass Guardiola für schlappe elf Millionen Euro PR für das tolle Fußball-Land Katar gemacht haben soll?
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Die DFL kritisiert, dass sich der FSV Frankfurt von einer saudischen Fluglinie trikotpampern lässt, obwohl diese sich weigert, israelische Passagiere mitzunehmen. Die Kritik ist berechtigt, würde aber, bei strenger Auslegung, fast sämtliche Trikotwerbung beenden. Die Frage ist nur, ob israelische Passagiere es nicht vorziehen würden, wenn Deutschland Fußballtrikots nach Saudi-Arabien verkauft statt Panzer.
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Uli Hoeneß hat den Verteidiger gewechselt. Was nichts mit Guardiolas Rotation oder Lahms neuer Rolle zu tun hat, sondern mit der Angst vor dem Knast. Vor dem hat sein neuer Anwalt schon einen gewissen Herrn Zumwinkel bewahrt. Hoeneß’ Hoffnung heißt Hanns Feigen und kommt aus Frankfurt. Um Hoeneß rauszureißen, muss der gute Mann in Topform auftreten. Mindestens wie die Eintracht zu Beginn der Saison. Aber womöglich reicht nicht einmal die aktuelle Überform der Bayern.
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Wer Hoeneß die Daumen drückt, also halb Deutschland gegen den Rest der deutschen Welt, hofft auf den medialen »Xaver«-Effekt: Vorher viel Wind machen, Angst verbreiten und dann doch glimpflich enden.
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Unser Bundespräsident hat ein Zeichen gesetzt! Nur – was für ein Zeichen? Wofür? Wogegen? Wohlfeil? Dass Gauck nicht nach Sotschi kommt, würde niemanden in In- und Ausland interessieren, wenn er es nicht volltönend ankündigen würde. Ein Zeichen gegen Putin, gegen Homophobie, gegen Großmannssucht, gegen Winterolympia im Sommer-Badeort, gegen IOC, für Demokratie, für Menschenrechte und was noch so alles auf der korrekten Agenda steht? Dann müssten auch andere Zeichen folgen, schmerzhaftere als rein bundespräsidiale Ankündigungsrhetorik.
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Clemens Prokop, seines Zeichens DLV-Präsident, befürwortet einen PISA-Test auch im Fach Sport, denn schon die Humanisten hätten von einem gesunden Geist in einem gesunden Körper gesprochen. Da könnte Deutschland allerdings weit zurückfallen. Denn es gibt bei uns nicht nur irreparabel bildungsferne, sondern auch extrem sportferne Schichten, die den Test deut(sch)lich verunstalten könnten. Diese Sportferne findet sich, im Gegensatz zur Bildungsferne, nicht hauptsächlich in einer Schicht, sondern in allen – manche Sportlehrer berichten von Kindern, die keine zehn Meter laufen können, ohne koordinationslos umzukippen. Früher waren es rare Einzelexemplare, man nannte sie Bewegungsidioten. Dürfte man heute nicht mehr. Wie heißen sie heute? Sportlich alternativ Begabte? Jedenfalls haben sie schnellere Finger als jedes frühere Sport-Ass. Vielleicht sollte man lieber Bewegungsgeschicklichkeit an Handy und Spielkonsole PISA-testen.
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»We have a big breast.« (Thomas Müller in Moskau zu einem russischen Reporter über den Grund der Souveränität seiner Bayern) (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle