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Das war’s (September/Oktober: Zu viel warme Luft, Boris und der Ballbesitz)

Zahlen, Daten, Fakten – die Jahresrückblicke sind voll davon. Nicht bei uns. Wir picken uns aus den »Anstoß«-Disziplinen »Sport-Stammtisch«, »Montagsthemen« und »Ohne weitere Worte« sowie aus dem Blog »Sport-Gott & die Welt« Einblicke, Ausblicke, Irrungen und Wirrungen (auch eigene) heraus, die unkommentiert und unbearbeitet eine Collage des Sportjahres 2013 darstellen sollen.
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Rassismus im Sport und überhaupt. Eine aparte Volte schlägt, völlig ernsthaft, der Fußballverband von Malawi, der bei der FIFA protestiert, weil Malawis Nationaltrainer Saintfiet rassistisch beleidigt worden sei, und zwar von Nigerias Coach Keshi. Das Aparte an der Geschichte: Saintfiet ist weiß, und der schwarze Keshi beschimpfte ihn übelst, nämlich als »weißen Kerl«.
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»Wir müssen kratzen, beißen und kämpfen«, sagt HSV-Trainer Thorsten Fink vor dem Spiel gegen Dortmund, in dem seine Mannschaft »nichts zu verlieren hat«. Die üblichen Nullstrom-Phrasen also. Absolut unüblich aber, wie HSV-Torhüter René Adler darauf reagiert: »Ich finde den Spruch abgedroschen und Quatsch.« Ist jemals ein Trainer von einem seiner Spieler derart bloßgestellt worden?
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Ringen bleibt olympisch. Und das ist auch gut so. Mit insgesamt 18 Disziplinen. Und das ist schlecht so. Wenn die Olympier schon ihre Gigantismus-Verhinderungsstrategie umsetzen, sollten sie den Disziplin-Wildwuchs einiger Sportarten eindämmen, statt ihn auf Kosten von Squash & Co. zu hegen und zu pflegen.

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Zu viel warme Luft in dieser Kolumne? Nicht so viel, wie sich bei Takashi Inui aufgestaut hatte, der wegen Beamtenbeleidigung 250 Euro ans Kinderhilfswerk zahlen muss. Eintracht Frankfurts Japaner wurde am Flughafen wegen einer unverzollten Uhr vernommen, rastete aus, und statt auf Fragen zu antworten, flatulierte er die Beamten lautstark an.
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»Zwischen zwei kleinen furzenden Japanern auf dem Flug von Berlin nach Santiago.« (Schauspieler Henry Hübschen im Stern auf die Frage nach dem ungewöhnlichsten Ort, an dem er je geschlafen habe)
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Novak Djokovic verrät in seinem Buch »Serve to Win« die Geheimnisse seiner Fitness. Nur noch warmes Wasser trinken zum Beispiel, denn »kaltes Wasser verlangsamt die Verdauung und sorgt dafür, dass das Blut dort wegbleibt, wo ich es haben will: in meinen Muskeln«. Ein Tabu für Djokovic: Milch. Vielleicht fürchtet er, dass Milch zwar munter macht, aber mehr das Hirn als den Muskel. Ein Indiz dafür könnte der junge Albert Einstein sein. Er soll erst als Zweijähriger seine ersten Worte gesagt haben, dafür aber gleich einen ganzen Satz: »Die Milch ist zu heiß.« Gefragt, warum er nicht vorher gesprochen habe, antwortete er: »Weil vorher alles in Ordnung war.«
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Britta Steffens Rücktritt ist die logische Konsequenz einer erfüllten Karriere. Sie hatte es trotz ihrer Goldmedaillen nie leicht mit den Medien und den Funktionären. Als sie einmal wegen schwächerer Leistungen hart kritisiert wurde, merkte sie an, damit immerhin »nicht den Weltfrieden zu gefährden«. Dafür gab es Buh-Rufe, die aber nur die Buh-Rufer bloßstellten. Meinen Beifall hatte sie, auch für die Antwort auf die Frage, was sie an sich selbst für besonders gelungen halte: »Ich bin sehr kritisch mit mir, aber meine Ohren finde ich ganz hübsch.« Noch besser bei ihr gelungen ist das, was zwischen den Ohren liegt.
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Ähnlich bei Sebastian Vettel. Im Gegensatz zum frühen Schumi ein rundum prima Kerl, was kein hessischer Lokalpatriotismus ist. Dass er im Ausland ausgebuht wird, kann er verschmerzen. Den schrillen Ton geben die Ferraristi an, die aber heimlich zu ihrer Mutter Gottes beten, dass Vettel schnellstmöglich einer der Ihren werden möge.
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Lebenslänglich gab es für Boris Becker damals, obwohl er noch unter das Jugendstrafrecht fiel: Lebenslang siebzehnjährigster Leimener. Ihn als Witzfigur bloßzustellen, wie es jetzt fast alle tun, ist mir zu billig. Man muss nicht die Pocher-Sendung gesehen habe (so was gucke ich mir sowieso nicht an), es genügt, zuzusehen und zuzuhören, wenn Becker aus seinem Buch vorliest, um zu ahnen, was zum traurigen Bild führt, das der Boris von heute abgibt. Was wäre denn aus uns, was wäre aus mir geworden, wenn wir als siebzehnjährigste Leimener lebenslänglich bekommen hätten? Es hätte noch böser enden können. Oder?
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»Als kleiner Junge soll ich stundenlang den Hühnern zugeschaut und dann meine Mutter gefragt haben, warum ich kein Huhn geworden bin. Solche Tiefen habe ich später nie mehr erreicht.« (Hans Traxler, 84, Zeichner, Maler und Satiriker, im FAZ-Interview)
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Früher hatte Ballbesitz eine überragende, alles entscheidende, ja eine existenzielle Bedeutung – auf dem Bolzplatz. Wer mitspielen wollte, war von der gnädigen Zustimmung des Ballbesitzers abhängig. Für manche übrigens eine frühe und bittere Erfahrung über Triumph des Besitzenden und Tragik des Besitzlosen. Ich weiß, wovon ich schreibe.  (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle