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Das war’s (Juni – August: Filibustern, Flippern und Vollarmtätowierungen)

Zahlen, Daten, Fakten – die Jahresrückblicke sind voll davon. Nicht bei uns. Wir picken uns aus den »Anstoß«-Disziplinen »Sport-Stammtisch«, »Montagsthemen« und »Ohne weitere Worte« sowie aus dem Blog »Sport-Gott & die Welt« Einblicke, Ausblicke, Irrungen und Wirrungen (auch eigene) heraus, die eine Collage des Sportjahres 2013 darstellen sollen. Mittlerweile im Juni angekommen, erhöhen wir das Tempo im Jahresschnelldurchlauf. Heute komprimieren wir Juni, Juli, August zu einer Sportsommer-Kolumne.

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Das Triple: Fußballerisch nur der Wurmfortsatz von frühem DM-Titel und einzigartigem CL-Triumph, an Wille, Energie und Konzentration aber eine nicht minder beeindruckende mentale Leistung. Respekt, FC Bayern!

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Aber bitte auch Respekt für andere. Dass Dante und Gustavo lieber beim CONFED-Cup spielen als für den FC Bayern im deutschen Pokalfinale, auch weil es Bedingung für ihre WM-Teilnahme ist, das erschließt sich Rummenigge nur durch angeblich menschenverachtende brasilianische Gehirnwäsche.

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Das gleiche Muster wie beim Afrika-Cup: Als würden die Negerchen zu einem wochenlangen Stammestanz in den Dschungel fliegen. Dass der Afrika-Cup als kontinentaler Titelkampf mit der Fußball-EM auf einer Stufe steht und der CONFED-Cup für Brasilien als WM-Generalprobe genauso wichtig ist, will diesem dünkelhaften Rassismus auf Kolonialherrenart nicht in den weißen Kopf hinein.

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Zum Wetter. Die Hitze bringt es an den Tag. Etwas, das man, das ich nicht unbedingt sehen wollte. An welchen Stellen selbst reife und anscheinend recht bürgerliche Muttis Tätowierungen tragen! Und wie sich die jungen Dinger verschandeln! Vollarmtätowierungen, Trend der Tattoo-Saison? Ein Trend fürs Leben, denn diese Mode vergeht nicht. So etwas sah man früher nur bei Matrosen, Zuhältern und im Knast.

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Lange nicht mehr geflippert? Die WM in Echzell geriet zum medialen Ereignis und weckte Erinnerungen an längst verpubertierte Zeiten, als man im Frankfurter Hauptbahnhof absichtlich den Anschlusszug nach Hause zugunsten einer Flipperstube verpasste (und auf dem Weg dorthin in der Kaiserstraße große Augen machte).

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Dass Flippern im Gegensatz zum angesagten Pokern ein echter Leistungssport ist, weiß ich, seit ich nur eine Mark hatte, aber zwei Lateinstunden im Hinterzimmer einer schummrigen Wetzlarer (daher kommt übrigens das »w« von »gw«) Altstadtkneipe verflippern musste.

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Bevor ich nach der großen Pause mit irgendeiner faulen Ausrede zum Unterricht erschien, musste ich um jedes Freispiel wie um mein Leben kämpfen. Die Katastrophe hieß: TILT! TILT TILT

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Außergewöhnlichste sportliche Leistung der letzten Tage: Wendy Davis sprach im Senat von Texas 13 Stunden ununterbrochen, man nennt das »Filibustern«, und das ist, weiß mein uralter Freund Brockhaus (nur seine Urenkel sterben den Internet-Tod), eine »Verschleppungstaktik zur Verhinderung einer Abstimmung über einen missliebigen Antrag«.

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Bei Wendy Davis ging es gegen schärfere Abtreibungsgesetze, in einer Sportkolumne wie der unsrigen interessiert aber vornehmlich der athletische Aspekt: Davis sprach in stabilen Sportschuhen, sie durfte sich nicht aufstützen, die Rede nicht unterbrechen, sich nicht setzen, und zur besseren Standfestigkeit banden ihr die Kollegen sogar einen Gewichthebergürtel um. Sie hielt durch. Eine sehr reife sportliche Leistung. Nur die Dopingprobe steht noch aus.

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Denn nicht mal Pipi machen durfte sie, jedenfalls nicht auf der Toilette, allenfalls redend in der feministischen Wunschtraumstellung. Eine unappetitliche Assoziation, ja, aber sie führt mich zum Urteil der Woche: Mieter, die sich in ihrer hellhörigen Wohnung von Pinkelgeräuschen des Nachbarn belästigt fühlen, müssen das ertragen, denn hörbares Plätschern beim Pullern, so die Richter, sei »sozial adäquat« und zu ertragen.

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»Ich gehöre zu den Lesern Ihrer Texte, seit es diese gibt, mithin also zur ›liebsten Zielgruppe«, schreibt Barbara Tomsch aus Reichelsheim. »Obgleich ich Ihre Nutzung der deutschen Sprache für Witz, Humor und Ironie sehr schätze, will ich doch über Knastis, Seeleute und Zuhälter mit Tattoos etwas anmerken: Ich gehöre zu keiner der drei Personengruppen, bin schon reifen Alters und seit 22 Jahren stolze Trägerin von zwei ungewöhnlichen Tätowierungen! Im Ausschnitt trage ich eine Vogelspinne, auf dem rechten Oberarm eine Klapperschlange. Es gibt so viele verschiedene Gründe für Tätowierungen, wie es Tätowierte gibt! Mir haben meine ›zwei Haustierchen‹ viel Selbstwertgefühl gegeben, als ich es sehr nötig hatte. Ich trage sie stolz bis ans Lebensende.«

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Da stehe ich nun beschämt da, mit meinen vollprolltätowierten Vorurteilen. Doch ich biete tätige Reue an: Sollte ich jemals noch ein Wort über Dopingthemen verlieren, lasse ich mir ein »Haustierchen« stechen, Frau Tomsch darf’s auswählen. Aber bitte, auch wenn ich’s verdient hätte, keinen blöden Affen.

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Und sonst? Luftgitarren-WM. Bester Deutscher auf Platz elf. Schwach. Auch die Titelkämpfe im Handtaschenweitwurf können nicht überzeugen: Der Sieger warf gerade mal 24 Meter – so weit werfen ja kleine Zigeu…, sorry, kleine Räuberkinder die Taschen ihren Komplizen zu.

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Zu schlechter Letzt: Jener sogenannte Extremsportler, der sich Red-Bull-gesponsort aus einem Ballon fallen ließ, unter medial ähnlicher Beachtung wie die erste Mondlandung, hat seine pädagogische Ader entdeckt und preist eine »gesunde Ohrfeige« als angemessenes Erziehungsmittel.

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Stimmt ja auch. Eine Ohrfeige schadet nicht. Nur eine. Aber nur für ihn, den Plumps-Sack: Patsch! (gw)

* (www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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