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Alle Jahre wieder (Anstoß vom 24. Dezember)

Wir warten auf das Christkind mit sportlichen Weihnachtsgeschichten, gesammelt in vielen »Anstoß«-Jahren. Und es begab sich also im Winter 1973, dass sich die Leichtathleten des Erdteils zu ihren Hallenmeisterschaften in Rotterdam zusammenfanden: Vor dem Finale liegt Athlet West neben Athlet Ost auf der Hochsprungmatte. Mentalstress mit Vorstartfieber und deutsch-deutsche Beklemmung. Die DDR-Sportler haben Kontaktverbot mit dem Klassenfeind. Also ruhig bleiben, den Sportkameraden nicht in die Bredouille bringen. Blechern knarzt es aus dem Lautsprecher: »Attention please …« Athlet Ost schaut verstohlen rüber, grinst und flüstert: »Weihnachten ist doch schon vorbei.« Athlet West antwortet nicht. Merkwürdige Brüder, die da drüben. Was faselt der von Weihnachten? Leider viel zu spät geht Athlet West der sächsisch-selbstironische Kontaktversuch auf: »E Tännche … «
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Leiser Zweifel liegt in der Stimme des Anrufers, der sich kurz vor Weihnachten 1983 erkundigt, ob er wirklich gewonnen habe. Und zwar 1200 Mark in bar sowie eine Pelzjacke für seine Frau, die zur Anprobe nach Frankfurt in eine Straße am Hauptbahnhof kommen solle. Dies habe ihm telefonisch ein »Herr von der Zeitung« mitgeteilt. Wir müssen den Anrufer enttäuschen, der Jackpot bei unserem in diesem Jahr eingeführten »Siebenkampf für Sportexperten« (und er läuft und läuft und läuft) ist nicht geknackt und liegt sowieso erst bei 150 Mark, Pelzjacken werden bei uns ebenfalls nicht verlost und deren potenzielle Trägerinnen schon gar nicht in der Kaiserstraße »vermessen« . . .
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Im November 1986 berichte ich über die querschnittsgelähmte Britt Tuna, Ex-DDR-Meisterin im Rudern, die in Gießen lebt und mit der Rollstuhl-Nationalmannschaft Basketball-Weltmeisterin wird. Heiligabend finde ich einen anonymen Brief in meinem Briefkasten: »Lieber gw, den Artikel über Frau Tuna habe ich mit Interesse gelesen. Ich habe viel Glück gehabt im Leben. Das Mädel so viel Pech. Bitte überreichen Sie ihr den anliegenden Geldschein zu Weihnachten.« – Der Wunsch wird sofort erfüllt, ich fahre sogleich zu Britt Tuna und gebe den Schein ab. Einen Fünfhundertmarkschein.
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Gegen Rührung hilft Abhärtung durch Sarkasmus. Und vielleicht das Rezitieren der »Beamtenweihnacht« aus dem vergangenen Jahrhundert: »Der Gabentisch ist öd und leer / die Kinder schauen blöd umher / da lässt der Vater einen krachen / die Kinder fangen an zu lachen / so kann man auch mit kleinen Sachen / Beamtenkindern Freude machen.« – Modernisierungs-Vorschlag für den Vortrag heute Abend: Statt »Beamtenkindern« sollte es »Hartz-4-Kindern« heißen, aus Gründen der metrischen Sorgfalt mit der Betonung auf der ersten Silbe.
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Zu albern? Ich kann auch anders. Lieber so ein Weihnachtsgeschenk als gewisse Videospiele, über die der Hirnforscher Manfred Spitzer sagt: »Der Zusammenhang zwischen dem Rauchen und Lungenkrebs verhält sich ähnlich wie der Zusammenhang zwischen virtueller und tatsächlicher Gewalt.«
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Praktischer Tipp: Spüli hilft, mehr vom Fest zu haben bzw. vom Weihnachtsbaum: Der nadelt deutlich später, wenn er mit oberflächenentspanntem Wasser bespritzt wird, das besser in die Nadeln eindringen kann. Aber übertreiben Sie’s bitte nicht, sonst feiern Sie noch, wie die alte Dame in Bölls Kurzgeschichte, Weihnachten »Nicht nur zur Weihnachtszeit«, sondern jederzeit.
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Zugabe: Spüli hilft auch gegen Schokoladen-Weihnachtsmänner bzw. gegen von ihnen verursachte Verschmutzungen: Spüli auf den Fleck geben, kurz einweichen lassen. Danach von Hand auswaschen und mit der Waschmaschine ganz normal mitwaschen. Der Fleck ist weg. Gefunden hab ich’s im Internet, unter www.frag-mutti.de.
Ist schon ein Weilchen her. Es begab sich zu der Zeit, da sich »Raider« zu »Twix«, »Prince« zum »Symbol«, die Military zum ziviler klingenden Vielseitigkeitsreiten und die SED via PDS in Die Linke wandelte, als sich auch Spüli umtaufte. In »Fairy«. Mittlerweile heißt das »Symbol« wieder »Prince«, »Raider« tauchte jetzt in einer »Limited Edition« zehnmillionenfach auf, nur SED, Military und Spüli, die gibt’s gar nicht mehr. Daher der Tipp unter www.frag-papigw.de: Gegen Nadeln und Schoko-Flecken »Fairy« nehmen. Oder irgendein anderes Spülimittel.
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Military? Fairy? Dazu ein Fairy Tale zum Fest: Im Stall stehen neben der Krippe heutzutage nicht nur Ochs und Esel, sondern auch einige andere Tiere, zum Beispiel teure vierbeinige »Sportgeräte« oder billigste Fleischlieferanten. Da Tiere in der Heiligen Nacht sprechen können, würden manch einem menschlichen schwarzen Schaf um Mitternacht beim Gang durch Boxen oder Mastanlagen die Ohren klingen.
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Der größte Wunsch der Pferde? Die legendäre kanadische Tiertrainerin Linda Tellington kennt ihn: Da das Pferd von Natur aus ein überaus ängstliches Wesen ist, heißt der Wunsch, der heute Nacht nicht gewiehert, sondern ausgesprochen wird: Nehmt uns die Angst! – Frohe und angstfreie Weihnachten wünscht Mensch und Tier: (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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