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Sonntag, 22. Dezember, 7.35 Uhr

Wieder ein kleiner Selbsttherapie-Erfolg gegen die unnötige sonntägliche Frühestaufstehung (die Mittelsilbe “er” lass ich mal weg). Schon halb acht, da bin ich sonst schon fertig mit dem “das” Blog. Nachts eingetrudelte Agentur-Meldungen: V.d. Leyen in Afghanistan, Rösler kriegt Job beim Weltwirtschaftsforum, Pfefferkuchen-Wahnsinn in Tallinn, Tschechen streiten um Weihnachtskarpfen … bei mir klingeln die Karpfen, sie jappsen nach Luft und erinnern mich an miese Taten. Hab ich sie schon mal im Blog bekannt, mein unweihnachtliches Treiben mit den “Nasen”, einer Karpfenart, die ich in meinem Teich angesiedelt hatte, sieben durchsichtige Winzlinge, gekauft bei der Garten-Messe in Laubach, angeboten als perfekte Algenfresser. Gefressen haben sie aber vor allem den Nachwuchs von Kröten und Molchen, daher ließ ich das Teichwasser ab, bis nur noch ein kleiner Schlammtümpel zu sehen war, und fischte die riesig gewordenen Nasen mühsam heraus. Dauerte sehr lange. Sechs hatte ich schon, sie litten wohl unter Sauerstoffmangel im Matsch, ich schüttete sie in einen Bottisch mit klarem Wasser, nein, das schreibt sich ja nicht hessisch, also in einen Bottich mit klarem Wasser. Den siebten fand ich nicht. Vielleicht längst tot und im Teich verwest? Nach Stunden blubberte es – der clevere Kerl hatte sich versteckt, tief im Matsch. Ein Riese! Ab in den Bottich. Dort trudelten jetzt sieben Nasen herum, fast auf dem Rücken. Es war schon dunkel, deshalb verschob ich die Evakuierung in den nächsten Bach auf den nächsten Morgen. Da waren aber nur noch sechs Nasen im Bottich. Wie das? Ich konnte es mir nicht erklären, doch dann fiel mein Blick etwa einen Meter neben den Bottich, da lag er. Der Clevere. Der Größte. Der Lebenstüchtigste. Hatte als einziger soviel Energie, noch aus dem Bottich zu hüpfen, zurück in die Heimat, in den Teich. Lag aber wohl schon die ganze Nacht auf dem Trocknen. Der arme Kerl. Die Kiemen bewegten sich aber noch ein wenig. Ein sehr wenig. Zurück in den Bottich, ab zum Bieberbach, reingekippt – und wider alle Vernunft gehofft, dass alle sieben und vor allem der tapfere Kerl eine neue Heimstatt finden würden. Insgeheim war mir aber klar, dass jetzt sieben Leichen den Bach runter trieben. Jetzt komme ich bei meinen Kurzradtouren immer am Bach vorbei und hoffe, keine kieloben treibenden Nasen zu sehen. Im Stillen grüße ich sie und hoffe dennoch, dass sie leben und mir dankbar sind, in die Freiheit entlassen worden zu sein. Das war meine Weihnachtsgeschichte. Und nun ran an die Montagsthemen.

Baumhausbeichte - Novelle