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Montagsthemen (Klub-Urlaub, Klopp-Syndrom, Retro-Trend und ein neuer PISA-Test / vom 23. Dezember)

Während die Bayern höchstbezahlten Klub(-»WM«-)Urlaub machen, zudem mit weltmarktwertem PR-Erfolg, zerlegen sich ihre Längstnichtmehrkonkurrenten selbst. Langsam muss man sogar bei der üblichen dümmlichen Frage nachdenklich zögern: Sind das »die besten Bayern aller Zeiten?« Solche Vergleiche hinken immer auf allen zweiundzwanzig Beinen, ich hinke nie mit, aber mittlerweile glaube ich: So gut waren im Hinkvergleich saisonübergreifend nicht mal die glorreichen Beckenbauer-Bayern. Besser waren nur, zumindest 180 Minuten lang, die Heynckes-Bayern – beim epochalen 7:0 gegen Barcelona.
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Von daher ist für den FC Bayern München noch längst nicht alles gelaufen. Sollte es Aussetzer in DFB-Pokal und/oder Champions League geben, zumal gegen Dortmund, zählt der nationale Titel nichts und die Schmach alles. Aber die Wahrscheinlichkeit dafür tendiert gegen null.
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Die Vorweihnachtszeit bietet die angemessene Gelegenheit, sich noch einmal von eigenen Vorurteilen gegen den »kleinen Streber von der ersten Bank« zu distanzieren. Wenn Philipp Lahm am Ball ist, hat man das sichere Gefühl, das BVB-Fans eben nicht (mehr) kennen, wenn ihre Jungs am Ball sind. In seiner neuen Position fällt sogar Lahms bisheriger kleiner Nachteil weg, rechts hinten von einem antrittsschnellen, groß gewachsenen Stürmer überlaufen oder überflankt zu werden. Wenn es nach mir ginge, in Überkompensation für miese Anwürfe, würde Lahm Weltfußballer des Jahres 2013.
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Aber eher holt der BVB noch den Meistertitel 2014. Ronaldo ist schon ausgeguckt, auch von Robben, sehr zur Freude von Ribery. Das wird er dem Holländer noch heimzahlen.
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Zu den Versatzstücken der Sportsprache gehört neben der »Beste Soundso aller Zeiten«-Frage auch die Feststellung einer Krise, gerne auch mit dem Attribut »veritabel«, diesem Modefüllwort der hochgestapelten sprachlichen Mittelmäßigkeit. Geht auf das lateinische »veritas« zurück, das auch Nichtfremdsprachler durch »in vino v.« kennen. Die »veritable Krise« ist also eine echte, eine wahre, eine … Krise halt. Steckt der BVB in einer? Aber wie tief! Das kann auch ein Klopp nicht wegrhetorisieren, der »beste Wegrhetorisierer aller Zeiten«. Echt wahr.
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Ach ja, »Kloppo«. Diesmal versemmelte seine Mannschaft nicht mal die Großchancen. Mangels solcher. In Dortmund kriselt es seit Neapel, seit Klopps Ausraster dort, nach dem er in sich ging. Bis dahin spielte der BVB so beflügelt, feurig und aggressiv, wie der Trainer sich an der Linie aufführte. Nun spielt der BVB, unabhängig von seiner »veritablen« Verletzungsmisere, immer noch so, wie der Trainer wirkt: von sich selbst verunsichert, innerlich brodelnd, aber Ausbrüche unterdrückend. Er glüht noch, aber er lodert nicht mehr.
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Kein Trend, nur eine Randnotiz: Alle drei Tore in Dortmund fielen nach Fehlern von ganz jungen Spielern. Reiner Zufall. Schon eher trendig: Der Retro-Wahn im Tennis. Zurück in die Vergangenheit … des Fußballs. Lendl trainiert Murray, Edberg trainiert Federer, Becker trainiert Djokovic. Becker beginnt seine Headcoach-Karriere sogar mit einem programmatisch-problematischen Satz: Im Tennis habe sich seit seiner Zeit eh nicht viel verändert. Das hätte auch Rehhagel über den modernen Fußball sagen können, oder ein anderer Altvorderer, der vergeblich auf eine neue Stelle wartet. Die Guardiolas und Klopps, aber auch (und vor allem) die Streichs, Favres, Luhukays oder Gisdols schweigen dazu, leise lächelnd.
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Ebenfalls retro, aber gezwungenermaßen: Sven Knipphals, einer der besten deutschen Sprinter, findet keinen Sponsor, daher will er in Zukunft alle Logos auf seiner Sportkleidung mit Tapes überkleben. In (meinen) früheren Zeiten galt dies nicht als Protest, sondern als Muss: Selbst kleinere Kaliber als Knipphals heute (also Sportler wie ich) mussten ihre Adidas- oder Puma-Logos (andere gab es noch nicht) überkleben lassen, sonst drohte großer Ärger in Zeiten von »Amateurstatut« und »Werbung am Mann«-Verbot.
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Apropos Leichtathletik: Clemens Prokop, seines Zeichens DLV-Präsident, befürwortet einen PISA-Test auch im Fach Sport, denn schon die Humanisten hätten von einem gesunden Geist in einem gesunden Körper gesprochen. Da könnte Deutschland allerdings weit zurückfallen. Denn es gibt bei uns nicht nur irreparabel bildungsferne, sondern auch extrem sportferne Schichten, die den Test deut(sch)lich verunstalten könnten. Diese Sportferne findet sich, im Gegensatz zur Bildungsferne, nicht hauptsächlich in einer Schicht, sondern in allen – manche Sportlehrer berichten von Kindern, die keine zehn Meter laufen können, ohne koordinationslos umzukippen. Früher waren es rare Einzelexemplare, man nannte sie Bewegungsidioten. Dürfte man heute nicht mehr. Wie heißen sie heute? Sportlich alternativ Begabte? Jedenfalls haben sie schnellere Finger als jedes frühere Sport-Ass. Vielleicht sollte man lieber Bewegungsgeschicklichkeit an Handy und Spielkonsole PISA-testen.
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Prokops PISA-Sportgrund stammt von Iuvenal: »Orandum est ut sit mens sana in corpore sano« (So musst du beten um einen gesunden Verstand in einem gesunden Körper). Man könnte bei PISA aber auch an einen anderen lateinischen Spruch denken: »Non vitae, sed scholae discimus« (Nicht für das Leben, sondern für die Schule lernen wir). Denn so hat es Seneca ursprünglich anklagend gemeint, doch irgendwann im Lauf der Jahrhunderte hat irgendjemand dem Seneca wohlmeinend das Wort im Munde bzw. »vitae« und »scholae« umgedreht, womit bis heute unsere Schüler genervt werden – heimlich unter der Bank am Smartphone für ihr echtes, wahres Leben lernend. Aber das ist ein ganz anderes Thema und hat mit Sport eventuell nicht mehr allzu viel zu tun. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle