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Sport-Stammtisch (vom 21. Dezember)

Merkwürdiger Zufall. Beim Zusammenstellen der »Das war’s«-Rückschauen auf »gw«-Kolumnen 2013 schließe ich soeben die September-Oktober-Folge (sie erscheint voraussichtlich am 28. 12) ab. Ich lese noch einmal drüber. Im Text lasse ich Novak Djokovic die Geheimnisse seiner Fitness verraten (nur warmes Wasser trinken und nie Milch) und habe am Schluss Mitleid mit Boris Becker, der 1985 lebenslänglich zum siebzehnjährigsten Leimener verurteilt wurde und nicht auf Amnestie hoffen kann, sondern sich in verschärfter Medienhaft (Pocher!) suhlt. »Ihn als Witzfigur bloßzustellen, wie es jetzt fast alle tun, ist mir zu billig. Was wäre denn aus uns, was wäre aus mir geworden, als lebenslänglich siebzehnjährigste Leimener? Es hätte noch böser enden können.«
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Text fertig, ich lege ihn ab, es macht »Pling« – und gleichzeitig erscheint auf dem Bildschirm eine Eilmeldung: »Becker wird Djokovic-Trainer.« Im ersten Moment denke ich, ein Kollege liest heimlich mit und spielt mir einen Streich.
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Doch es ist wahr und zugleich ein ganz leichter Hoffnungsschimmer für alle in den späten Becker-Jahren schwer gebeutelten Boris-Fans: Endlich macht er etwas, was er können müsste. Back to the roots. Fragt sich nur, was Djokovic veranlasst, auf dem Höhepunkt seiner Karriere einen Becker als neuen Headcoach zu verpflichten (und gleichzeitig seinen alten zu behalten). Hoffentlich macht er Boris nicht nur zum Spielball eines PR-Gags.
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Für die »Das war’s«-Folgen bieten sich viele Textfragmente an, die meisten müssen aussortiert werden, damit die Kolumne nicht ausufert. Zum Beispiel diese Sätze, ebenfalls für die September-Oktober-Folge vorgesehen, aber dann gelöscht: »Hundert Millionen für Bale, wie geht das, wer finanziert das? Leider, liebe Leser, im Endeffekt Sie ganz persönlich. Und das geht so: Im Frühjahr las man in den Wirtschaftsseiten der Zeitungen, dass die EU-Kommission gegen den Madrider Stadtbebauungsplan vorgehen wolle. Der beinhaltet auch, das Bernabeu-Stadion umzubauen, inklusive diverser Grundstücks-Deals mit dem Klub, der in bester Stadtlage ein Luxushotel und ein Einkaufszentrum bauen darf. Mit dem geldwerten Vorteil für Real wären mehrere Bales zu finanzieren, der Nachteil bliebe bei der Stadt, und von der zum Staat, zur EU und zu uns führt ein sehr kurzer Weg. Von der EU habe ich dazu seit Frühjahr nichts mehr gelesen.«
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Kaum hatte ich den Text gelöscht, da kündigte die EU Taten an, Real Madrid, der FC Barcelona und weitere spanische Klubs sollen zu Steuernachzahlungen in gewaltigen Millionenhöhen verdonnert werden. Ob in Spaniens Fußball auch wirklich der Blitz einschlägt? Oder bleibt es beim bloßen Theaterdonner?
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Zum richtigen Fußball. Während der FC Bayern München eine neue Form des Klub-Urlaubs genießt (die Gäste zahlen nicht, sondern werden mit Geld zugeschüttet), muss sich Dortmund abmühen, den Anschluss nicht auch noch an Leverkusen zu verlieren, trotz generöser Frankfurter Hilfe.
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Viel diskutiert wird die katastrophale Chancenverwertung des BVB, die schon an die zehn Punkte gekostet haben dürfte. Warum bloß? Meine Vermutung, nach Kenntnis einer US-Studie, die ein »Golfloch-Syndrom« entdeckt hat: Die Dortmunder zweifeln und grübeln zu viel. Früher hätte Lewandowski das scheunentorgroße Tor von Neapel aus Mini-Distanz locker getroffen, jetzt schrumpfte es für ihn auf Mauselochwinzigkeit. Weil: Erfolgstypen sehen das Golfloch, den Basketballkorb, das Fußballtor riesengroß, mikroskopisch winzig dagegen kommt das Ziel den Grübelnden vor, die ihre Zweifel mit in den Wettkampf nehmen. Das Fazit der Studie von US-Forschern hilft allerdings den Grübelnden nur bedingt weiter: Wer sich ein großes Golfloch, ein scheunengroß offenes Fußballtor vorstellt, der trifft es auch, aber nur wer trifft, dem kommt es auch so groß vor. Da beißt sich die Katze in den Schwanz.
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Ist sowieso alles Jacke wie Hose? Nein, nein, die Hose hat ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal. Dass sie definiert wird als ein »sich gabelndes Kleidungsstück«, dieses Wissen verdanke ich einem amerikanischen Postboten, der den Dienst an und in der Hose verweigerte, weil ein Rock der Anatomie des Mannes besser entspräche. Der echte Rocker kämpfte gegen die Bekleidungsvorschriften der Gewerkschaft und flehte die Kollegen an: »Bitte öffnet eure Herzen und Nähte.« Vergeblich, die anderen Briefträger wollten die Post weiterhin in Hosen und nicht im Rock austragen, dem »sich nicht gabelnden Kleidungsstück«.
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Vielleicht sollte der BVB die Idee des US-Postboten umsetzen, um das Golfloch-Syndrom zu beenden: Öffnet eure Nähte – wenn sich unten nichts mehr hindernd gabelt, rockt ihr die Liga!  (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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