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Mein progressiver Alttag (“Nach-Lese” vom 21. 12. 2013)

Satirebelesene Altlinke könnten in der Überschrift dieser »Nach-Lese« einen Fehler vermuten. Ist aber keiner. Mein progressiver Alttag unterscheidet sich grundwesentlich von APO-Opa Chlodwig Poths legendärer »Pardon«-Karikaturserie »Mein progressiver Alltag«. Darin stolperte ein äußerst beflissen auf politische Korrektheit bedachter Werbetexter über die Fallstricke seines linksalternativen Alltags. Heute stolpere ich über die Tücken meines Alttags, der ebenfalls progressiv ist, jedenfalls im Wortsinn: fortschreitend ins immer ältere Alter.
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Wenn Sie als altes Ego ein alter Ego von mir sind, kennen Sie das beunruhigende Gefühl, wenn Sie mal wieder etwas vergessen haben: Schusseligkeit? Zerstreutheit? Hoffentlich nur das und nicht … Sie wissen schon, welcher Gedanke mich quält. Darüber macht man keine Scherze. Aber wer in die Jahre kommt, beschäftigt sich immer mehr damit. Noch »normale« Vergesslichkeit oder schon …?
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Wenn ich früher nach einem langen, harten Arbeitstag abends nicht mehr wusste, wo ich morgens geparkt hatte, irrte ich in den Straßen rund um die Redaktion herum, suchte mein Auto und verfluchte den Stress, der Schuld war. Klar, was denn sonst?
Demenz? Nicht mal das Wort kannte ich.
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Doch nun häufen sich Situationen wie gestern früh im Bad. Clever, wie ich sein will, habe ich mir aber einige Tricks ausgedacht, um Herr der Gedächtnislage zu bleiben. Diesmal zum Beispiel hatte ich nach dem Duschen die Uhr in und noch nicht an der Hand, als mich eine glorreiche, eine geradezu grandiose Idee für eine »Nach-Lese«-Kolumne überkam. Zur Gedächtnisstütze legte ich sie – die Idee in Form der Uhr – zwischen einen Handtuchstapel, deutlich sichtbar blinkte sie chromfarben zwischen grünem und rotem Frottee. Unübersehbar. Der Trick: Wenn ich die üblichen Verrichtungen im Bad erledigt habe und mir schließlich die Uhr überziehe, werde ich sofort ins Arbeitszimmer gehen und die tolle Idee aufschreiben, denn wegen des ungewöhnlichen Ortes, an dem die Uhr liegt, werde ich sofort wissen, dass und an was sie mich erinnern soll.
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Clever, was? An mir sollten sich andere Alte ein Beispiel nehmen! »Alt werden ist nichts für Feiglinge«, sagte einst die – Verzeihung – uralte Hollywood-Diva Mae West. Aber stimmt das wirklich? Ansichtssache. Für einen alten Pessimisten ist das Glas fast leer, der greise Optimist aber schaut hinein und denkt fröhlich: Ist ja noch was drin!
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Agatha Christie gehörte unzweifelhaft zu den Optimisten: »Je älter ich werde, desto interessanter werde ich für meinen Mann.« Der war Archäologe.
Giacomo Casanova dagegen litt schon mit 46 unter Alterspessimismus, »da sich das schöne Geschlecht nicht mehr einfach nur durch meinen Anblick für mich interessiert«. – Ach, Giaco, was Du mit 46 erlebt hast, kennen andere schon mit 16!
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Ich jedenfalls will Optimist bleiben. Außerdem hat das Altwerden durchaus seine Vorteile. Zum Beispiel Lippenherpes. Gerade erst habe ich in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung gelesen, der Grind am Mund sei »Schicksal«, denn »eine Gensequenz macht anfällig für die Bläschen«. Und nun zu den Segnungen des Alters: Was in Jugendjahren eine existienzielle Katastrophe war und für mindestens eine Woche jede Hoffnung auf auch nur kleinste Erfolge beim bevorzugten Geschlecht zunichte machte, ist jetzt nur noch … ein bisschen lästig. Sonst nichts. Im Gegenteil, die Liebste spendet sogar Trost.
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Den entscheidenden Unterschied zwischen Jung und Alt entdecke ich aber in einer kleinen Meldung der Süddeutschen Zeitung. Sie informiert über eine Umfrage, nach der nur ein Viertel der Jugendlichen über den Sinn des Lebens nachdenkt. Vor einigen Tagen habe ich das an anderer Stelle (im Sportteil!) bezweifelt, auch weil ich sowieso ein notorischer Statistik-Zweifler bin. Überlesen hatte ich ein weiteres Ergebnis der Umfrage: Je älter, desto mehr Sinnsuche, das frühe Viertel steigt auf eine späte Hälfte – das leuchtet mir schon eher ein, denn es wäre Beleg nicht nur für den buchstäblich progressiven Alttag, sondern auch für den Optimismus des Alters: Je mehr wir mit den Jahren ahnen, dass wir den Sinn des Lebens in diesem Leben nicht mehr finden werden, desto unverdrossener suchen wir ihn. Wer bin ich? Was soll ich tun? Was soll das alles überhaupt? Ist ja vielleicht noch was drin!
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Ach so, die Geschichte von gestern, das Bad. Muss ich ja auch noch erzählen.
Um die Mittagszeit schaue ich auf die Uhr.
Das heißt, ich will auf die Uhr schauen.
Doch ich blicke auf ein uhrloses Handgelenk.
Mist, denke ich, da habe ich heute früh wohl vergessen, sie anzulegen.
Macht aber nichts. Bin ja gleich zu Hause.
Dort angekommen, gehe ich ins Bad, um mir die Hände zu waschen.
Und was blinkt mir schon auf den ersten Blick entgegen, unübersehbar, chromfarben zwischen grünem und rotem Frottee?
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Erst in diesem Moment wurde mir blitzartig klar, warum ich die Uhr nicht am Handgelenk trug, warum sie derart albern hindrapiert war … und dass sie mich an etwas erinnern sollte.
Nur – an was bloß? (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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