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Georg Brunold (Herausgeber): Nichts als der Mensch (Bücherseite vom 21. 12.2013)

      Vor fünf Jahren stellten wir an dieser Stelle »eines der
erstaunlichsten Projekte des Bücherherbstes« vor, einen
kiloschweren Trumm von einem Buch, 600 Seiten dick,  breit und
hoch (21,5×31 cm) – ein wahrhaft starkes Stück. Der Herausgeber
Georg Brunold hatte unter dem Titel »Nichts als die Welt«
Reportagen und Augenzeugenberichte aus 2500 Jahren gesammelt, von
Herodot bis Enzensberger. Vom Erfolg dieses großen Werks
beflügelt, übertreffen sich  Herausgeber und Verlag »buch«stäblich
selbst und legen nun mit »Nichts als der Mensch« einen Nachfolger
vor, im gleichen Format, packen aber noch einmal knapp 200 Seiten
und zwei Pfund mehr in den Band.

Was ist der Mensch? Was bedeutet er in der Welt und was die Welt
für ihn? In »Nichts als der Mensch« geht es um letzte Fragen, wie
schon in »Nichts als die Welt«, und sie kreisen um die erste
Frage, die sich  bereits das erwachende  kindliche Bewusstsein
stellt: Wer bin ich?

Brunold selbst stellt in seinem Vorwort fest, dass viele der
»Mensch«-Texte auch in den »Welt«-Band gepasst oder sogar gehört
hätten, und wenn er in fünf Jahren Band drei vorlegen sollte,
müsste er ihn konsequenterweise »Nichts als … Alles« betiteln,
denn um nichts weniger geht es ihm.

In »Nichts als die Welt« eröffnete  Herodot den Textreigen mit
seiner Beschreibung der »weitaus gelehrtesten Menschen«, und wie
diese, die Ägypter, Krokodile fangen, das ist derart verblüffend,
dass wir es Herodot  auch hier noch einmal schildern lassen: »Man
befestigt einen Schweinerücken als Köder an einer Angel und lässt
ihn mitten in den Strom hinab. Der Angler steht am Ufer mit einem
lebenden Ferkel und schlägt es. Wenn das Krokodil das Quieken
hört, folgt es dem Ton, findet dabei den Schweinerücken und
verschlingt ihn. Nun ziehen es die Leute an Land. Dort verklebt
der Angler zuallererst die Augen des Tieres mit Lehm. Ist ihm das
gelungen, kann er das Krokodil im übrigen leicht überwältigen.«

Ein Ferkel schlagen, bis es quiekt, dadurch ein Krokodil anlocken
und ihm die Augen mit Lehm verkleben, um es gefahrlos töten zu
können – »vielgestaltig ist das Ungeheure, und nichts ist
ungeheurer als der Mensch«, sagt schon Sophokles, der bei Brunold
diesmal den Anfang macht. Der ungeheure Mensch, ungeheuer begabt,
manchmal ein Ungeheuer, und oft graut ihm vor dem Ungeheuren
seiner Existenz.

Das mächtige Werk kostet stolze 85 Euro, so viel wie sonst nur
Pracht-Bildbände, aber es ist vergleichsweise seinen Preis wert,
denn »Nichts als der Mensch« erzeugt beim Leser so viele und lange
nachwirkende Bilder im Kopf, wie es 85 Bildbände nicht vermögen.
Zudem wird wohl niemand das Buch am Stück weglesen wollen und
schon gar nicht können, denn nach zwei, drei Texten benötigen Kopf
und Seele eine Denkpause, nicht als Pause vom, sondern als eine
zum Denken. Dieses Buch ist lange zu lesen und kann seinen Leser
ins neue Jahr und über 2014 hinaus begleiten. An Nachhaltigkeit
also nicht zu übertreffen.

Nichts Negatives? Na ja, trotz allem wiegt der Preis sehr schwer,
und das schiere Gewicht des Buches lässt es »schwerlich« als
Bettlektüre taugen. Und etwas gewöhnungsbedürftig ist in der
chronologischen Anordnung  auch die Auswahl der modernen Autoren,
denn wenn auf all die großen Denker und Dichter am Schluss ein
Fliegengewicht wie der unvermeidliche Bono folgt oder der noch
unvermeidlichere Allzweckphilosoph Richard David Precht (aber
immerhin: wenigstens Sloterdijk fehlt), freut man sich schon fast
über  »Nationalmama Uschi Glas« (von »SZ«-Autor Willi Winkler) und
über  »Spiegel«-Autor Jörg Blech, der über »Flatulenz«  fabuliert.
Schöne Bandbreite! Na ja, nichts ist nun mal ungeheurer als der
Mensch.    (gw)

(»Nichts als der Mensch – Beobachtungen und Spekulationen aus 2500
Jahren; Galiani-Verlag Berlin; Folio-Format; 800 Seiten; 85 Euro;
ISBN 978-3-86971-074-7)

Baumhausbeichte - Novelle