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Das war’s im März (Das chinesische Muster und der Dreimächtepakt)

Zahlen, Daten, Fakten – die Jahresrückblicke sind voll davon. Nicht bei uns. Wir picken uns aus den »Anstoß«-Disziplinen »Sport-Stammtisch«, »Montagsthemen« und »Ohne weitere Worte« sowie aus dem Blog »Sport-Gott & die Welt« Einblicke, Ausblicke, Irrungen und Wirrungen (auch eigene) heraus, die unkommentiert und unbearbeitet eine Collage des Sportjahres 2013 darstellen sollen.
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Als Jürgen Klopp vom »chinesischen Muster« der Bayern sprach, klang er ein kleines bisschen wie ein schlechter Verlierer. Zwar warf er ihnen keine organisierte Kriminalität à la Triaden (der chinesischen Mafia) vor, aber immerhin die unfeine Art der Schwächung von Konkurrenten durch Wegkaufen und Abkupfern.
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Nicht nur im Fußball wird alles abgekupfert, was Erfolg hat. Man denke nur an die Formel 1. Oder: Erst verlachten sie Jan Bokloev als springenden Frosch, dann übernahmen alle seinen V-Stil. Am epochalsten: Da überspringt ein verrückter Ami die Latte rückwärts – aus einer scheinbaren Marotte wird die spektakulärste Stil-Wende überhaupt, schon lange springen alle in Dick Fosburys Flop. Einer geht voran, hat Erfolg, die anderen folgen: Ein Grundprinzip des sportlichen Erfolgs.
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Es gibt kein geistiges Eigentum für sportliche Erfindungen, ernten kann man damit nur Ruhm. Oder hätte man Flop oder V-Stil patentrechtlich schützen sollen, Nachahmung verboten?
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Also, die Bayern haben abgekupfert. Ja. Von Klopp, von seinem BVB? Oder hat Klopp von Frank abgekupfert, der von den Italienern und die … irgendwann landen wir dann beim WM-System, das Deutschland auch nicht erfunden hat, mit dem aber die Helden von Bern Weltmeister wurden.
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Selbst Pierre de Coubertin, der edle Olympier, hat schamlos abgekupfert. Noch gilt die Legende als offizielle Wahrheit, er höchstpersönlich habe die Olympischen Ringe erfunden. Doch Sporthistoriker haben die Ringe schon viel früher (1896) in einer Dunlop-Werbung entdeckt – fünf miteinander verbundene Ringe, die Fahrradreifen symbolisieren sollten. Fahrradreifen! Da ist man platt.
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Jubiläum der Woche: Vor 50 Jahren wurden Marika Kilius und Hans-Jürgen Bäumler Weltmeister im Paarlauf. Bäumler tourt noch heute durch die Lande – als erfolgreicher Boulevard-Schauspieler. Humor hat er, auch bitteren: »Eiskunstlaufen war nie mein Hobby. Freiwillig macht das niemand. Oder glauben Sie, dass ein vierjähriges Kind zur Mutter sagt: Mami, wann darf ich mir wieder die Füße blutig laufen?«
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Das ehemalige Wunderpferd Totilas hat sich verletzt, als es eine Phantom-Stute besprang. Wobei »das« für einen Deckhengst nicht der geschlechtlich angemessene Artikel ist.
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Eine Phantom-Stute kann man sich in etwa vorstellen wie ein richtiges Pferd – allerdings nur als Turngerät. Totilas wird erneut für längere Zeit im Dressur-Viereck ausfallen – Rache des rutengefoppten Hengstes?
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In Griechenland schreit das gefoppte Volk nach Rache. Die Mächtigen bauernopfern ihm einen nicht mehr Mächtigen: Vassilis Papageorgopoulos, Ex-Bürgermeister von Thessaloniki, wurde wegen Unterschlagung verurteilt – zu einer lebenslangen Haftstrafe! Was das mit Sport zu tun hat? Papageorgopoulos kam als Sprinter 1972 bei Olympia in München ins Viertelfinale und hat über 100 Meter eine (handgestoppte) Bestzeit von 10,0 Sekunden.
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Im Gespräch als neuer Schalke-Trainer: Roberto di Matteo. Roberto. Ein Name mit Vergangenheit, denn im Italien der frühen 40er Jahre wurden viele Kinder auf diesen Namen getauft, zu Ehren des 1940 geschlossenen Dreimächtepakts (Hauptstädte ROm, BERlin, TOkio).
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Roberto di Matteo, Jahrgang 1970, hat mit diesem Dreimächtepakt nichts zu tun, auf Schalke würde er einen anderen benötigen: Den mit Tönnies, den Fans – und mit des Fußballschicksals Mächten.
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Die Dreimächtepakt-Zeiten haben aber etwas mit dem deutschen Rekordtorschützen zu tun: Gottfried Fuchs schoss 1912 in Stockholm beim olympischen 16:0 gegen Russland zehn Tore, der DFB strich den Juden Fuchs jedoch 1933 aus der Liste. Nach dem Untergang der Nazis wurde das zwar revidiert, doch als Sepp Herberger, ein großer Fuchs-Fan, sich massiv dafür einsetzte, den Rekordspieler als Ehrengast zum Länderspiel gegen Russland zur Einweihung des Münchner Olympiastadions einzuladen, lehnte der DFB ungnädig ab. Gottfried Fuchs, der als Emigrant in Kanada lebte und sich Godfrey E. Fochs nannte, starb dort 1972, ohne vom DFB geehrt worden zu sein.  (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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