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Sonntag, 15. Dezember, 6.35 Uhr

China fliegt zum Mond, der Iran schickt einen Affen ins Weltall, Deutschland hat eine Christbaumkönigin, in München protestieren 63 Nackte (Menschen) im Käfig gegen Massentierhaltung, aber die Sensation in den Meldungen der Nacht kommt aus dem Sport: Beim Rodel-Weltcup landet der beste Deutsche nur auf Rang fünf. Was ist da bloß los?

Auf dem “Montagsthemen”-Zettel ordnen sich die Themen schon fast in der wahrscheinlichen Reihenfolge: Lex Vettel gegen die Bayern – Barcelonas Trikotwerbung – Pferdehaare in den Boxhandschuhen – Boom der jungen Sportler, Beispiel Walsh/Gill – Schlussvolte mit dem Unterschied früher/heute von Jugendlichen: Keine Sinnsuche mehr.

Meine Sinnsuche im modernen Tanztheater: Am Freitag in einer Aufführung mit dem Thema Poe. Mit “e” natürlich. Im Programm gelesen: Es geht um seine Biografie, seine Werke, seine Obsessionen, aber alles nicht tänzerisch nacherzählt, sondern emotional und zur Interpretationsanregung des Besuchers getanzt, unterlegt mit (sehr) moderner Musik, natürlich ohne gefällige Melodien. Für mich, ohne Kenntnis des Programmheftes, hätte das Thema (Poe bzw. sein “Rabe”) auch lauten können: “Das Liebesleben rechtsradikaler Migranten in Deutschland” oder “Das Abschmelzen der Pol-Kappen”. Die Tänzer sehr sportlich, durchtrainiert, physisch eine starke Leistung. Künstlerisch? Kann ich nicht beurteilen. Überhaupt kann ich das Ganze nicht beurteilen, das würden mit meinen Voraussetzungen auch nur schlimme Banausen tun. Denn: Mir fehlt da ein Gen. Glaube ich. So ähnlich ginge es mir, wenn ich in China eine Aufführung besuchte. Wie könnte ich mir eine Meinung zum Stück bilden, wenn ich die Sprache nicht verstehe? Auch die Sprache des Balletttanzes verstehe ich nicht, weiß, nein vermute aber, dass fast jeder Sprung, jede Pose eine Chiffre ist, zum Beispiel die (das einzige, was ich kenne) “Arabeske”. Wer das nicht versteht, wie ich, sollte nicht als überheblicher Banause lästern, das stellt ihn nur selbst bloß, sondern still und friedlich zuschauen, das anerkennen, was er versteht (die physische Leistung), das genießen, was ihm gefällt (die meditativ und spirituell wirkende Begleitung durch eine Sängerin) … und schlimmstenfalls in der Pause nicht wütend, sondern still, ratlos und bescheiden das Theater verlassen.

Baumhausbeichte - Novelle