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Montagsthemen (vom 16. Dezember)

China fliegt zum Mond, der Iran schickt einen Affen ins Weltall, Deutschland hat eine Christbaumkönigin, eine Groko und einen Grökalz, in München protestieren 63 Nackte (Menschen) im Käfig gegen Massentierhaltung, aber die Sensation des Wochenendes kommt aus dem Sport: Beim Rodel-Weltcup landet der beste Deutsche nur auf Rang fünf. Was ist da bloß los?
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Und was ist ein Grökalz? Groko ist klar – große Koalition. Soll das – doofe – Wort des Jahres werden. Bisher hielt ich es für die Abkürzung von »Großkotz«. Kroko war die Handtasche meiner Mutter. Den Gröfaz lassen wir aus. Der Grökalz aber heißt Helmut Schmidt und ist nach dem aktuellen Votum der Deutschen ihr größter Kanzler aller Zeiten.
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Na ja. Zu den Gröbaz, den größten Bayern aller Zeiten: Wie macht man den Titelkampf wieder spannend? Ganz einfach: Da muss eine »Lex Vettel« her. Weil unser Hessen-Bub zu oft gewinnt und zu frühzeitig Weltmeister wird, ändert die Formel 1 ihre Regeln und vergibt 2014 im letzten Saisonrennen die doppelte Punktzahl.
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Reicht aber nicht für die Bundesliga. Die müsste klotzen statt kleckern. Zehn Punkte für einen Sieg im letzten Spiel? Zwanzig? Womöglich nicht genug. Besser: Am letzten Spieltag gibt es für einen Sieg Punkte nach der Lex-Bayern-Formel: Vorsprung + 1. Mit dem Risiko, dass München mit 50 Punkten Vorsprung Meister wird.
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Bayern spielt Fußball wie früher Barca, das große Vorbild für viele. Barcelona dagegen spielt mittlerweile, vor allem ohne Messi, Fußball wie viele. Nur in Sachen Trikotwerbung behält Barca sein Alleinstellungsmerkmal: Früher traten sie stolz und trotzig oben ganz ohne an, dann kam ein Sponsorname hinzu, später ein zweiter und jetzt sogar ein dritter, für   knapp 20 Millionen Euro in fünf Jahren. Vorerst mit neuem Barca-Alleinstellungsmerkmal: Der Schriftzug steht auf der Innenseite der Trikots und wird nur sichtbar, wenn der Spieler sein Hemd hoch zieht. Wirklich wahr!
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Das Klicki-Klacka in der Kasse wird noch mehr Nachahmer finden als das Tiki-Taka mit dem Ball. Aber noch sind einige Fragen offen: Das Hochziehen des Trikots ist bisher nur beim Torjubel zu sehen. Aber was, wenn zu wenige Tore fallen? Werden die Spieler vertraglich verpflichtet, das Trikot auch nach einem gelungenen Pass freudig zu lupfen? Sich nach einem Fehlschuss schamhaft darin zu verbergen? Und was wird mit dem vierten Sponsornamen, dem auf der Innenseite der Hose? Wann und wie oft darf man den zeigen? Jedenfalls lässt der Fußball jetzt schon mal die Hosen runter, auch wenn er nur die Trikots hochziehen lässt.
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Ebenfalls neu im modernen Fußball: So viel Jugend war nie. Die Jungs spielen schon als Teenies wie die Alten, oft sogar besser. Und fallen schon genauso oft verletzt aus wie die Alten mit ihren morscheren Knochen. Wie kommt’s? Für einen seriösen Erklärungsversuch reicht der Rahmen dieser Kolumne nicht, den spare ich mir für die wichtigste Zeit der Saison auf, in der über internationale Plätze und Abstieg (Titel ist eh schon klar) und womöglich auch schon über die WM entschieden wird. Wichtigste Zeit der Saison? Natürlich die Winterpause.
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Die Jugendwelle schwappt nicht nur über den Fußball. Beispiel Kugelstoßen: Diese Kolumne hat frühzeitig auf David Storl aufmerksam gemacht, dann auf den neuseeländischen Wunderknaben Jacko Gill (mit 16 Jahren 24,45 Meter mit der 5-kg-Kugel!). Mittlerweile ist Storl mit seinen 23 schon ein alter Hase und stagniert ein wenig. Jacko Gill ist 19 und stößt, umgerechnet, kaum weiter als mit 16. Und nun kommt ein zweiter Neuseeländer, er heißt Tom Walsh, ist »schon« 21, wird etwas behutsamer aufgebaut und bricht mit 20,61 Metern Gills Senioren-Landesrekord (20,38). Früher kamen Werfer mit 30 in die besten Leistungsjahre. Fußballer ebenfalls nicht viel früher. Heute können sie froh sein, wenn sie mit 30 noch wie mit 20 spielen und stoßen.
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Es gibt aber einen viel eklatanteren Unterschied zwischen der Jugend von heute und der von früher, entnehme ich jedenfalls einer Umfrage des GfK-Meinungsforschungsinstituts: Nur ein Viertel der 14- bis 19-Jährigen sucht noch nach dem Sinn des Lebens, den restlichen drei Vierteln sind die Sinnfragen völlig schnuppe. Wer bin ich? Was soll ich tun? Was wird aus mir und der Welt? Egal? Hauptsache »Spaß haben«? Zum Glück traue ich solchen Umfragen nicht. Die Jugend ist besser als ihr statistischer Ruf. Hoffe ich. Denn sonst hätte sie nur eines verdient: Mitleid. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle