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Sonntag, 8. Dezember, 7.20 Uhr

Davon musste ich mich erst einmal erholen. Hintereinander weg die Spiele der beiden Mannschaften gesehen, an denen das Fußballherz hängt,  und immer tiefer in die Enttäuschung gerutscht. Eintracht: Zu Beginn der Saison spielten sie herrlichen Fußball, nun hängen sie durch. BVB: Letzte Saison spielten sie herrlichen Fußball, nun hängen sie durch. Klar, Gründe gibt es. In Frankfurt die Mehrfachbelastung in der sowieso schwierigen Saison nach dem Aufstieg, in Dortmund die kaum glaubliche Verletzungsserie. Aber erklärt das wirklich alles? Mal sehen, wie ich es in die “Montagsthemen” einarbeite. Vielleicht mit altem Kram von Sloterdijk, auf den ich noch einmal gestoßen bin. Auch zum Kreuzbandriss habe ich neues Interessantes gelesen. Kreuzbandriss, der Dauerbrenner, während der Syndesmoseriss nur ein Strohfeuer war, zu Beginn des Jahrhunderts.

Blick in die Meldungen der Nacht:  In Leipzig wurde ein Rekordstollen gebacken, bravo. Nichts zu Xaver, der hat sich, schon schwach auf der Brust, nach Russland verzogen. Medialer Automatismus: Erst wurde Xaver zum Monster hochgepusht, dann wurde (mit spürbarer Enttäuschung) das Hochpushen kritisiert, als ob man ihn nicht selbst hochgepusht hätte.

Ansonsten wird bei dpa wie immer in Wochenend-Nächten Geburtstag gefeiert. Diesmal Heinos 75. und Willy Brandts 100., für den ein Riesen-Themenpaket geliefert wird, mit dem ein fleißiger Redakteur ganz alleine die komplette Zeitung füllen könnte. Ach was, kein fleißiger, ein fauler schlechter – der gute fleißige komprimiert Historisches und schreibt den Hauptartikel selbst. Im dpa-Wust entdeckt: Unter den vielen Elogen auf Brandt auch eine des offenbar immer noch unvermeidlichen Reiner Calmund. Warum der? Sachen gibt’s.

Mal was anderes. Mein Nimbus ist weg. Den hatte ich, immerhin, durch die vielen nutzlosen Dinge, die sich in meine Gehirnwindungen gekrallt haben und die neuen Dinge abdrängen (zum Beispiel Griechisch), durch die ich sie gerne ersetzt hätte. Hörte mal einer einen alten Schlager und wusste nicht, wer ihn singt, fragte er mich, und ich wusste es. Leider. “Heißer Sand und ein verlorenes Glück”? Na klar, Mina. Den Text kann ich aufsagen, inklusive Interpretation des kryptischen Inhalts (“Nur die Wellen singen leise, was von Tino jeder weiß”). Totschlag! Messer! Eifersucht! Und heute? Selbst die allerliebste Zielgruppe fragt mich nicht mehr, sondern zückt das Smartphone. Sic transit gloria mundi. Und das nutzlose Zeug, es ist noch nutzloser geworden. Wahrscheinlich weiß das Smartphone sogar auch, dass man “nutzlos” gar nicht steigern kann.

Baumhausbeichte - Novelle