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Das war’s im Januar: Von Archimedes bis Courtside

Zahlen, Daten, Fakten – die Jahresrückblicke sind voll davon. Nicht bei uns. Wir picken uns aus den »Anstoß«-Disziplinen »Sport-Stammtisch«, »Montagsthemen« und »Ohne weitere Worte« sowie aus dem Blog »Sport-Gott & die Welt« Einblicke, Ausblicke, Irrungen und Wirrungen (auch eigene) heraus, die eine Collage des Sportjahres 2013 bilden sollen.
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»Gib mir einen Punkt, auf dem ich stehen kann, und ich werde dir die Welt aus den Angeln heben.« Archimedes beschrieb die Hebelwirkung, wir alle kennen sie, nutzten sie schon als Kinder beim Schaukeln auf dem Spielplatz. Abseits der Physik hebeln heute Börsianer, die damit ihre Gewinne (und Verluste!) vervielfachen, und auch Euro-Sanitäter tun es, wenn sie ihren Rettungsschirm mit dem Hebel-Trick aufspannen.
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Mit kleinem Einsatz große Wirkung erreichen – was Archimedes, Börsianer, Euro-Retter und Kinder können, nutzt auch den Stadion-Chaoten. Wie jetzt im Testspiel des AC Mailand bei einem Viertligisten. Als sich Kevin-Prince Boateng von einigen Deppen beleidigt fühlte, ging er vom Platz, seine Mitspieler ebenfalls, das Spiel wurde abgebrochen, zur Enttäuschung von 99 Prozent, zur Freude des einen Prozent hebelnden Pöbels.
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Alle finden es richtig, dass Milan vom Platz ging. Ein wichtiges Zeichen gegen den Rassismus! Ist es das? Oder gibt man damit einer Minderheit einen Hebel in die Hand? Patentrezepte gibt es nicht. Schon gar nicht von mir. Nur der Denk-Ansatz steht: Gebt ihnen nicht den Punkt, von dem aus sie die Stadionwelt aus den Angeln heben können.
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Ui, damit es nicht zu moralisch wird, noch eine schöne Schote unseres italienischen Freundes Mario Balotelli. Als er einen seiner Superschlitten durch London kutschierte, wurde er von Polizisten angehalten. Sie fanden bei ihm ein dickes Bündel Geldscheine und fragten ihn, warum er so viel Geld bei sich trüge. Antwort: »Weil ich reich bin.« Großkotzig? Nein. Nüchterne Tatsachenbehauptung.
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Letzte Woche ohne Fußball. Die Winterpause wurde mit Wahlen und Ehrungen überbrückt. Messi Weltfußballer, klar. Löw wählte Özil vor Neuer. Albern. In der Weltelf kein Deutscher. Auch blöd. Im »Kicker«: Eintracht Frankfurt »positivste Überraschung« der Hinrunde, mit weitem Abstand gewählt von den Bundesligaprofis, also eine besonders respektable Ehrung. Auch der »Aufsteiger der Hinrunde« wurde gewählt. Sensationelle Rangfolge: Rode vor Meier, Jung und Trapp. Dann erst mit Alaba ein Außerhessischer. Nächstes Ziel: Europa?
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»Mit zwölf Punkten Rückstand ist man kein Jäger, sondern Beobachter.« (Jürgen Klopp im Bild-Interview)
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Wer ist der geheimnisvolle Multimillionär aus der Fußball-Bundesliga, der laut »Stern« 600 Millionen Franken auf einem Schweizer Nummernkonto gebunkert hat?
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So warm da draußen. Drinnen krabbelt ein Marienkäfer über den PC-Bildschirm. Schon seit Wochen morgens um diese Zeit kein Eis, kein Schnee, nicht mal eisüberhauchte Autoscheiben. Klimawandel? Na ja, letztes Jahr war’s eisig. Ist alles noch kein Klima, nur Wetter. Alt genug, knapp 250 Jahreszeiten bewusst erlebt zu haben (richtig gerechnet? Oder wäre ich dann 100?), kann ich aber langsam schon klimatisch behaupten: Es ist wärmer geworden. In der Schule gab es hitzefrei, wenn das Thermometer nach der zweiten Stunde, also kurz vor zehn, 25 Grad zeigte. Hitzefrei war sehr selten. Hat sich alles geändert, gewandelt, zumindest kurzklimagewandelt. Aber liegt’s an uns? Die Fachwelt ist sich nicht einig, aber etwa im Verhältnis von 80:20 glaubt sie an deutlich menschengemachten Klimawandel. Dennoch ist der Mensch nichts gegen ein paar Protuberanzen.
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Courtside, neudeutsch für »erste Reihe«: Vor ein paar Tagen berichtete die »Süddeutsche Zeitung« über »die fein inszenierte Basketball-Show«, die sich »zu einem Treffpunkt der Münchner Gesellschaft entwickelt«. Hatte ich bisher immer gedacht, Basketball sei eine der systemtaktisch anspruchvollsten Sportarten, für deren Verständnis auch einige Kenntnis des nicht einfachen Regelwesens gehört, widerlegt das nun die SZ, die einen »Grund für die Attraktivität solcher Events« kennt: »Das Spiel ist so durchorganisiert, dass selbst der absolute Laie alles versteht.«
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Wer’s nicht versteht, muss also ein absoluter Doofkopp sein. Hübscher Ansatzpunkt für Basketball-Trainer. Ich höre sie schon in der Kabine fluchen: »Die Laien da draußen an der Courtside verstehen absolut alles vom Basketball, und ihr Idioten nichts, aber auch gar nichts!«
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»Courtside« – ob sich das einbürgert wie »Event«? Neueste Sprachblüte: Im Wahlkampf werden »Give-Aways« verteilt. Das Wort steht sogar schon im Duden. Give-Aways sind (Werbe-)Geschenke, als  Synonyme angeboten werden unter anderen das heimelige »Mitbringsel« oder das allerdings sehr altvordere »Angebinde«. – Sie saßen an der Courtside dieser Kolumne und lasen ein Give-Away von:  (gw)
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www.anstoss-gw.de (mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«) / gw@anstoss-gw.de

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