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Sonntag, 1. Dezember, 6.25 Uhr

Zu den hartnäckigen Nomaden im Hirn gehören nicht nur alte Schlagertexte, deren Blödsinnigkeit von keiner heutigen Dokusoap übertroffen werden kann (im Moment klappert  „Casanova batschbatsch … baciami“ von Petula Clark durch die Hirnwindungen), sondern auch so etwas: „Vermehrte Skoliose bei verminderter Reklination mit Seitneige.“ Eine Diagnose, die ich als Zwölfjähriger auswendig gelernt habe. Dass später tiefe Kniebeugen mit fünf Zentnern auf der Langhantel dazukamen, machte die Sache nicht besser. Also: Ich habe mal wieder Rücken. Da muss man durch. Ist wie bei Erkältungen: Dauern so oder so eine Woche oder sieben Tage. Es sei denn, man hat ein Mittel, bei dem einem stets Placebobereiten alleine schon der Name Linderung verheißt. Aber „Mentholatum Tiefglut“ gibt es leider nicht mehr.

Noch etwas gibt es nicht mehr, ab morgen: Den „Anstoß“ als Sportseiten-Starter oben links auf der Seite, gelb, rot und mit Rand. Im Zuge äußerer Umbauarbeiten im gesamten Blatt rückt nun auch unsere Kolumne von oben nach unten, ohne Farbe, ohne Rand, aber mit einem unübersehbaren Bild des Schreibers (plus Name). Da das noch und, so denn höhere Mächte mitspielen, noch lange hauptsächlich ich bin (jedenfalls quantitativ), werden mein Kopf und mein Name im Schnitt vier Mal pro Woche den neuen „Anstoß“ zieren oder verunzieren. Zu Beginn sogar noch öfter, denn jetzt beginnt ja, zwischen meinen Standard-Kolumnen, auch die „Das war’s“-Rückblickserie. Nichts ist’s also mehr mit meiner Rumpelstilzchen-Freude als „gw“ über das nackte Kürzel, bei dem zwar der eine und die andere weiß, wer dahintersteckt, aber 99 Prozent der Leser eben nicht. Meinem Wohlbefinden dient es nicht, aber der Sache, und die nimmt keine Rücksicht auf mein öffentlichkeitsscheues Einzelschicksal.

Aus dem Ruhestand und als nur noch Hobbyschreiber schaue ich entspannt zu, was hier und da und dort versucht wird, um den „Druck auf Papier“ zu lindern. Scrollen Sie mal die „gw-Beiträge Kultur“ weit runter, da finden Sie eine frühe „Nach-Lese“ von mir mit diesem Titel (auf den ich stolz wie Oskar Rumpelstilzchen war). Niemand weiß, wie’s enden wird … nee, niemand weiß, wann es enden wird mit unserem Produkt. Wie es enden wird, scheint aber klar. So lange tanzen wir auf der Titanic, immer neue und akrobatischere Modetänze. Im Tänzer-Ranking ganz vorne: „Bild“ mit seinem Chefredakteur, der sich vom gegelten Widerling zum netten Nerd verwandelt hat. Gegen die Verzweiflungsaktionen der großen Zeitungen und Zeitschriften, die ihr Geld sinnlos zum Fenster rausschmeißen, sind unsere kleinen Modifizierungen vorsichtige Versuche, mit der Zeit mitzuhalten. Da halte ich dann auch meinen Kopf hin.

Im Blatt, in den „Montagsthemen“, werde ich die Änderung auch erklären müssen, aber nur kurz und in meinem Stil, etwa so: Was mancher Kritiker schon immer gefordert hat, wird jetzt umgesetzt: Diese Kolumne wird vom Kopf auf die Füße gestellt. Vielleicht noch mit dem alten Lampedusa-Satz, dass man alles ändern muss, wenn es bleiben soll, wie es ist. Beim alten sizilianischen Adel im „Leoparden“ hat’s allerdings nicht geklappt. Vielleicht hat alter Zeitungsadel mehr Erfolg.

 

Baumhausbeichte - Novelle