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Montagsthemen (vom 2. Dezember)

Endlich wird diese Kolumne vom Kopf auf die Füße gestellt, frohlockt der Spötter, den Blick vom Kopf der Seite auf deren Fuß richtend. Und endlich kann sich der Schreiber nicht mehr hinter seinem Kürzel »gw« verstecken und heimlich den Rumpelstilz tanzen.
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Auch Rot und Gelb sind nach ein paar »Anstoß«-Jahrzehnten verblasst. Man muss halt alles ändern, damit es bleibt, wie es ist, sagt schon der »Leopard« im  Roman von Tomasi di Lampedusa. Für den  alten sizilianischen Adel im »Leoparden« allerdings vergebens. Vielleicht hat alter Zeitungsadel mehr Erfolg.
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Vom »Leoparden« zu noch etwas älterem Stoff, dem »Nibelungenlied«. Am Samstag im »Sport-Stammtisch« geschrieben: »Sie wurde ein schönes Weib / wegen der viele Recken verloren ihren Leib.« Nicht korrekt zitiert, sagen Puristen. Klar, ist ja nur meine Übersetzung aus dem Mittelhochdeutschen ins Mittelhochhessische. Im Original steht: »si wart ein scoene wip, dar umbe muosen degene vil verliesen den lip.«
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Das aber wollte ich dem modernen Leser nicht zumuten. Sonst hätte ich ja auch gleich die ganze erste »aventiure« hinschreiben können. Hab ich nämlich vor nicht allzu langer Zeit zum Graue-Zellen-Training auswendig gelernt. Wirklich. By heart!
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Und damit zum Sport. Vorübergehend. Das neue Mantra im deutschen Fußball: Die Bundesliga ist die beste Liga der Welt. Klar doch. Wer würde es bezweifeln, nach Leverkusens grandiosem 5:0-Sieg gegen Manchester United und der 0:3-Klatsche  gegen Nürnberg?
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Zu viel BVB- und Klopp-Lobhudelei in dieser Kolumne? Heute jedenfalls nicht. Mainz war besser, hat unglücklich verloren, und Dortmund spielte so schlecht wie lange, lange nicht mehr. Klopps Griff in die taktische Trickkiste war ein Griff ins Klo. So, das musste auch mal geschrieben werden. Sonst verleihen sie mir noch die BVB-Verdienstplakette in Schwarz-Gelb.
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Die DFL kritisiert, dass sich der FSV Frankfurt von einer saudischen Fluglinie trikotpampern lässt, obwohl diese sich weigert, israelische Passagiere mitzunehmen. Die Kritik ist berechtigt, würde aber, bei strenger Auslegung, fast sämtliche Trikotwerbung beenden (auch nicht schlecht). Die Frage ist nur, ob israelische Passagiere es nicht vorziehen würden, wenn Deutschland Fußballtrikots nach Saudi-Arabien verkauft statt Panzer.
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Wintersport. Ich bin nicht mehr allein auf schneeweißer Spur. Nachdem ich die fernsehkritische Loipe Jahr für Jahr mit Fleiß gespurt habe, spurten nun auch die großen Kollegen hinterher. Die »Süddeutsche« terminiert den Winteranfang neu auf den Beginn der Marathon-Übertragungen im Fernsehen, das »ernährt die Sportler und erfrischt mit deutschen Erfolgen die träge Stimmung im Sessel«. Damit das so bleibt, schenkt uns Sotschi sogar Mannschafts-Rodeln. Ja, wirklich.
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Ein großes Wintersportproblem aber bleibt: In einigen Sportarten gibt es zu wenige teilnehmende Länder, und da muss man gegensteuern, um mangels Masse nicht aus dem olympischen Programm zu fallen. Daher ist es mehr Medaillenspiegel-Logik als selbstlose Sportkameradschaft, wenn Jamaikas Bobfahrer sich mit massiver deutscher Finanz- und Know-how-Hilfe für Sotschi qualifizieren sollen. Nur im Original war »Cool Runnings« echt cool.
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Noch einmal zur Literatur, diesmal ganz junger: »Arbeit und Struktur«, der Blog des Schriftstellers Wolfgang Herrndorf (»Tschik«, »Sand«), der an einem Hirntumor litt, ist jetzt als Buch erschienen. Vor knapp zwei Jahren, im Blog lesend, schrieb ich: »Man vergisst zu atmen und merkt es erst, wenn der Körper nach Luft schnappt.« Vor einem Vierteljahr endete der Blog mit diesem Eintrag: »Wolfgang Herrndorf hat sich am Montag, den 26. August 2013 gegen 23.15 Uhr am Ufer des Hohenzollernkanals erschossen.«
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Der Text ist schwer zu ertragen, aber man sollte sich ihn zumuten. Auch sarkastischer Witz kommt nicht zu kurz: »Im Käfig am Sparrplatz wird ein Turnier gespielt, einziger Deutscher auf dem Platz ist der Schiedsrichter. Die Kleinsten sind vielleicht zehn oder elf, die Mannschaften heißen Afghanistan, FC Bayern, La Familia. (…) Unglaubliches Tempo. (…) ›Und wie süß die alle sind!‹ ruft C. ›Kaum zu glauben, dass sie in ein paar Jahren ihre Schwestern umbringen.‹«
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Hartmannsweilerkopf. Nie gehört? Ich auch nicht. Ist aber eine Bildungslücke. Dort, lese ich in der »FAS«, starben im Ersten Weltkrieg 30 000 deutsche und französische Soldaten. Im nächsten Jahr soll an das hundertjährige … wie sagt man hier? Jubiläum? … erinnert werden. Wie, ist noch unklar. Schon fest steht nur ein »Event«: Die Tour de France 2014 wird über den Todesberg führen.
Und das ist (k)ein sarkastischer Witz. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle