Archiv für Dezember 2013

Sport-Stammtisch (vom 31. Dezember)

Nach Michael Schumachers tragischem Skiunfall bleiben Fragen offen – auch die oft gestellte, ob das Attribut »tragisch« für Unfälle nach freiwillig und lustvoll eingegangenen Risiken noch angemessen ist.
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Tragisch. Tragödie: Das Wort haben die alten Griechen geprägt: Das alljährliche Sterben des Weingottes (als Metapher für die Natur an sich) wurde von seinen Begleitern, den als Böcke (= trágoi) auftretenden Satyrn, mit klagendem Gesang (odé) betrauert. In der klassischen Tragödie geht der Held unter, weil sein Handeln durch Grenzverletzung bestimmt ist. Im Zuschauer erzeugt die Tragödie des Helden durch den Schauder vor der unentrinnbaren Gewalt des Schicksals ein intensiviertes Daseinsgefühl. Wichtig ist auch die Fallhöhe: Der Held muss aus allerhöchsten, für die Zuschauer unerreichbaren Kreisen kommen. – Demnach eine fast klassische Tragödie.
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Abrupte Kehrtwendung, hin zu den gewohnten Themen zwischen Sport, Gott und der Welt: Täuscht der Eindruck, oder lässt die Faszination des Biathlons nach? Das Schalke-Spektakel, vor einigen Jahren als Mega-Event gestartet, rutscht jedenfalls langsam wieder in die Kurzmeldungs-Spalten ab. Normalisierung? Oder lag’s sowieso nur an Magdalena Neuner? Beziehungsweise am fröhlichen Medaillensammeln, das vorbei zu sein scheint?
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Nein, Schnee von gestern ist Biathlon noch lange nicht. Sehr apart aber, dass der echte Schnee von gestern von Schalke nach Oberhof gekarrt wird, um dort den Weltcup zu retten.
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Warum springt Martin Schmitt immer weiter, obwohl er immer weniger weit springt? Warum tut er sich das noch an? Meine liebste Antwort: Weil er Lust auf seinen Sport hat. Die böse (wegen noch laufender lukrativer Werbeverträge) verbiete ich mir.
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Das Leben nach dem Sport, es ist das wahre Leben. Einer wie Martin Schmitt wird es meistern. Im Gegensatz zu vielen Fußball-Profis. Nur ein kleiner Prozentsatz der Talente, die von einer Profi-Karriere träumen, schafft es in die Bundesliga, und nur ein verschwindend geringer Teil kann bis ins Alter finanziell und ideell vom Fußballgespielten leben. Derzeit kicken in Deutschland einige, die riesengroße »Bild«-Schlagzeilen bekommen (zum Beispiel mit Mega-Weihnachts-Familienbild), und von denen man sich nicht vorstellen mag, wie sie mit 50, 60, 70 leben werden.
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Fußball kann aber auch ein Rettungsanker sein, in seltenen Fällen sogar ein Sprungbrett zurück ins Leben. Wie bei Süleyman Koc. Nach Raubüberfällen zu vier Jahren Gefängnis verurteilt, durfte der geläuterte Berliner als Freigänger wieder bei seinem alten Verein SV Babelsberg … nein, einsteigen ist nicht das passende Wort … mitspielen. Morgen, am Neujahrstag, wird er aus dem Knast entlassen und wechselt vom Viertligisten Babelsberg zum Zweitligisten SC Paderborn. Aber auch für Koc gilt: Das wahre Happy-End kann erst viel später kommen.
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»Bach muss endlich Ordnung schaffen« – »FAS«-Überschrift eines großen Interviews mit Heiner Geissler. Der einst an Kohl gescheiterte und dann von ihm langfristig in den Senkel gestellte Geissler, mittlerweile 83 und immer noch bergsteigend sportlich aktiv, sagt einige kluge Sachen über den Sport. Allerdings hat er den Vorteil, den alle halbwegs bekannten Politiker haben, wenn sie über Sport reden: Die Verantwortung tragen andere, denen ins Gewissen reden und humanmaximale Forderungen stellen, ohne sie umsetzen zu müssen, ist konsequenzloses Moralisieren, quasi das Privileg, auch mal Bundespräsident spielen zu können. Wenn es nach Geissler ginge, gäbe es kein Olympia in Sotschi, keine WM in Katar, es hätte kein Olympia in Peking gegeben, und zwanzig Länder, in denen Frauen keinen Sport treiben dürfen, würden von Olympia ausgeschlossen. Wenn man das moralisch weiterdenkt, müssten Olympia und Fußball-WM nur noch an einem  Ort stattfinden. Auf dem Mond. Auf unserer Erde dagegen schmuggelt Rummenigge, aus Katar (!) kommend, zwei Rolex-Uhren durch den Zoll, steht mit flammenden Appellen seinem Vereinsbruder Uli zur Seite, und alle weinen vor Rührung.
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Noch mal zu Geissler, beziehungsweise zu einem ähnlich schlauen Taktiker der Moralmacht: Ströbele. In der »FAS« lese ich auch, dass er zu den acht Grünen gehörte, die 2001 gegen den Afghanistan-Einsatz stimmen wollten und dadurch die Schröder-Regierung ins Wanken gebracht, wahrscheinlich sogar gestürzt hätten. Da drängte Ströbele hinter den Kulissen darauf dass vier der acht aus Gründen der Staats- bzw. der Regierungsraison für den Einsatz stimmten und die Kanzlermehrheit sicherten. Er selbst blieb bei seinem »Nein«, dieser »Friedensengel« (»FAS«).
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Der härteste Knochen im grünen Gewande ist aber ein Weichei gegen unsere Verteidigungsministerin. Eine Frau in diesem Job, das geht doch nicht, stöhnen viele. Sie täuschen sich. Gegen sie waren der nette Herr Jung, der Wüstensandstrauchler Rühe, schon gar jener Talmi-Baron wachsweiche Männlichkeitsdarsteller. Manchmal ahne ich, sie kommt aus einem anderen Universum, geschickt als Robocop, der in Jämmerlichkeitsland für Ordnung sorgen soll. Aber das ist ein ganz anderes Thema und hat mit Sport eventuell nicht mehr allzu viel zu tun. Na dann, bis nächstes Jahr. (gw)
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Veröffentlicht von gw am 30. Dezember 2013 .
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Das war’s (November/Dezember: “Choreos”, ein Ballon-Hund und der “Xaver”-Effekt)

Zahlen, Daten, Fakten – Rückblicke sind voll davon. Nicht bei uns. Wir haben aus den »Anstoß«-Disziplinen »Sport-Stammtisch«, »Montagsthemen« und »Ohne weitere Worte« sowie aus dem Blog »Sport-Gott & die Welt« Einblicke, Ausblicke, Irrungen und Wirrungen (auch eigene) herausgepickt. Auf ein Neues 2014!
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Unterschied der Sporturteile zu »Phantom-Tor« und Schumacher/Holczer: Schiedsrichter Brych durfte nicht wissen, was alle wissen, Radrennstall-Chef Holczer wollte nicht wissen, was alle wissen. Als Chef seines Betriebes ist er damit ebenso glaubwürdig wie Präsident Obama, der ja auch nicht gewusst haben will, womit seine Angestellten beschäftigt sind.
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BVB-Boss Hans-Joachim Watzke hat der Südtribüne die »Choreos« verboten, als Strafe für die Randale auf Schalke. Eine »Choreo«, das muss man Lesern erklären, die nicht so oft in der Fankurve stehen, ist ein Choreographie genanntes Massenspektakel, bei dem Tausende ein Stück Stoff oder ähnliches in die Höhe halten und damit eine Art gelöstes Riesenpuzzle darstellen. Die Abkürzung »Choreo« ist treffend gewählt: Klingt wie »Korea«, wo der Norden des geteilten Staates als inoffizieller »Choreo«-Weltmeister gilt.
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Da wir uns immer nur mit einem Großthema gleichzeitig beschäftigen können (»One-issue-Gesellschaft«), wäre für die deutsche Empörungsritualistik ein Bischof Uli Tebartz von Bayern der Idealfall. Der steckt Fantastillionen, die er der deutschen Steuer hinterzogen hat, in seine Bistumsarena, baut dort sieben goldene Badewannen ein und begründet dies frech damit, sich gründlich reinwaschen zu müssen. Schließlich deckt dann noch ein Whistleblower, dem die Münchner »Löwen« Asyl gewährt haben, auf, dass Uli Tebartz von Bayern die NSA mit dem Abhören des Kanzlerhandys beauftragt hat, um zu erfahren, ob Merkel den wahren Grund weiß, warum Adidas-Dreyfus dem Bayern-Uli die Millionen aufs Schweizer Nummernkonto ge- und versteckt hat.
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Basketball. Der Blick auf die Tabelle weckt Nostalgie: Göttingen, Gießen, Leverkusen, Heidelberg, zum Teil sogar mit Traditionsnamen wie »BG« oder »USC« statt eines Yankee-Kauderwelschs. Leider ist es nicht die Erstliga-Tabelle, sondern die mit dem etwas euphemistischen Titel »Pro A«.
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Bei Christie’s in New York wurde ein Werk von Jeff Koons für 58,4 Millionen Dollar versteigert. Das teure Kunst-Stück heißt »Balloon Dog« und ist die größere Version der zu Hundefiguren verknoteten Luftballons, die uns Straßenkünstler für ein paar Groschen verkaufen. Man kann also auch aus Hundescheiße Geld machen, Millionen sogar, und im Vergleich dazu haben sich ein Ronaldo, ein Ibrahimovic weit unter Wert verkauft.
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Warum setzte sich Guardiola im Gegensatz zu anderen Kollegen (wie zum Beispiel Wenger) nicht für den in Katar festgehaltenen Fußballprofi Belounis ein? Dessen schriftliche Bitte an ihn persönlich ließ Guardiola einfach abtropfen – er kenne die Fakten nicht. Hat die Fakten-Unkenntnis etwas damit zu tun, dass Guardiola für schlappe elf Millionen Euro PR für das tolle Fußball-Land Katar gemacht haben soll?
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Die DFL kritisiert, dass sich der FSV Frankfurt von einer saudischen Fluglinie trikotpampern lässt, obwohl diese sich weigert, israelische Passagiere mitzunehmen. Die Kritik ist berechtigt, würde aber, bei strenger Auslegung, fast sämtliche Trikotwerbung beenden. Die Frage ist nur, ob israelische Passagiere es nicht vorziehen würden, wenn Deutschland Fußballtrikots nach Saudi-Arabien verkauft statt Panzer.
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Uli Hoeneß hat den Verteidiger gewechselt. Was nichts mit Guardiolas Rotation oder Lahms neuer Rolle zu tun hat, sondern mit der Angst vor dem Knast. Vor dem hat sein neuer Anwalt schon einen gewissen Herrn Zumwinkel bewahrt. Hoeneß’ Hoffnung heißt Hanns Feigen und kommt aus Frankfurt. Um Hoeneß rauszureißen, muss der gute Mann in Topform auftreten. Mindestens wie die Eintracht zu Beginn der Saison. Aber womöglich reicht nicht einmal die aktuelle Überform der Bayern.
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Wer Hoeneß die Daumen drückt, also halb Deutschland gegen den Rest der deutschen Welt, hofft auf den medialen »Xaver«-Effekt: Vorher viel Wind machen, Angst verbreiten und dann doch glimpflich enden.
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Unser Bundespräsident hat ein Zeichen gesetzt! Nur – was für ein Zeichen? Wofür? Wogegen? Wohlfeil? Dass Gauck nicht nach Sotschi kommt, würde niemanden in In- und Ausland interessieren, wenn er es nicht volltönend ankündigen würde. Ein Zeichen gegen Putin, gegen Homophobie, gegen Großmannssucht, gegen Winterolympia im Sommer-Badeort, gegen IOC, für Demokratie, für Menschenrechte und was noch so alles auf der korrekten Agenda steht? Dann müssten auch andere Zeichen folgen, schmerzhaftere als rein bundespräsidiale Ankündigungsrhetorik.
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Clemens Prokop, seines Zeichens DLV-Präsident, befürwortet einen PISA-Test auch im Fach Sport, denn schon die Humanisten hätten von einem gesunden Geist in einem gesunden Körper gesprochen. Da könnte Deutschland allerdings weit zurückfallen. Denn es gibt bei uns nicht nur irreparabel bildungsferne, sondern auch extrem sportferne Schichten, die den Test deut(sch)lich verunstalten könnten. Diese Sportferne findet sich, im Gegensatz zur Bildungsferne, nicht hauptsächlich in einer Schicht, sondern in allen – manche Sportlehrer berichten von Kindern, die keine zehn Meter laufen können, ohne koordinationslos umzukippen. Früher waren es rare Einzelexemplare, man nannte sie Bewegungsidioten. Dürfte man heute nicht mehr. Wie heißen sie heute? Sportlich alternativ Begabte? Jedenfalls haben sie schnellere Finger als jedes frühere Sport-Ass. Vielleicht sollte man lieber Bewegungsgeschicklichkeit an Handy und Spielkonsole PISA-testen.
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»We have a big breast.« (Thomas Müller in Moskau zu einem russischen Reporter über den Grund der Souveränität seiner Bayern) (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Veröffentlicht von gw am 29. Dezember 2013 .
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Sonntag, 29. Dezember, 8.45 Uhr

Die Genesung vom unmotivierten sonntäglichen Frühstaufstehen, diesem Spätschaden eines 18-Stunden-und-manchmal-mehr-Sonntagsarbeitslebens, sie schreitet voran. 8.45 Uhr. Persönliche Bestleistung im Rentnerleben. Ob der Rekord anerkannt wird, ist allerdings zweifelhaft. Zu viel Rückenwind, da keine “Montagsthemen” geschrieben werden müssen (oooch!, hallt es leise durchs Blogländchen, wie schon am Samstag, als der “Sport-Stammtisch” wegen der “Das war’s”-Rückblicke ausfiel).

Allerdings schwanke ich noch ein wenig. Das letzte “Das war’s” auf Silvester verschieben und stattdessen doch eine aktuelle Kolumne schreiben? Ich lasse es in der Schwebe und komme über das allmähliche Verfertigen der Gedanken beim frei fließenden Blogschreiben zu einer Entscheidung.

Kürzlich hatte ich im Blatt meine Witzchen über die Serien-Manie am Beispiel von Dirk Nowitzkis NBA-Klub gemacht. In der Berichterstattung ist immer von einer haltenden oder reißenden Serie die Rede, und nur, wenn Dallas abwechselnd gewinnt und verliert und gewinnt und verliert, fällt es den Kollegen etwas schwerer, eine Serie starten oder reißen zu lassen. Das Problem lösen sie aber elegant, wie jetzt, am Sonntag, als Dallas nach einer Niederlage gewann und “in die Erfolgsspur zurückgekehrt” ist.

Täuscht der Eindruck, oder lässt die mir unerschließbare Faszination des Biathlons nach? Das Schalke-Spektakel, vor einigen Jahren als Mega-Event gestartet, rutscht jedenfalls langsam wieder in die Kurzmeldungs-Spalten ab. Normalisierung? Oder lag’s sowieso nur an Magdalena Neuner? Beziehungsweise am fröhlichen Medaillensammeln, das vorbei zu sein scheint? Ihre erhoffte Nachfolgerin, Miriam Gössner, macht vorerst vor allem Schlagzeilen als Schmerzensreiche. Was dieses Mädchen schon alles gebrochen und erlitten hat! Wobei Schmerzmittel bei ihr nicht mal wirken (außer Morphium). Irgendwo (FAZ, SZ? Welt?) in den letzten Tagen gelesen, dass sie, nach einem frühen Gesichtsbruch (durch zurückwippende Slalomstange) ein Zahnersatzteil trägt, das beim heftigen Keuchen auf der Biathlonstrecke schon mal raus und in den Schnee fällt.

Zurückgelegt, um demnächst ein altes “Anstoß”-Thema mit neuen Fakten zu aktualisieren: Die Fußball-Profis, die Ausbildung, das Geld und ihr Leben nach dem Sport. Dazu ein “Welt”-Interview mit dem Geschäftsführer der Profigewerkschaft VdV, Ulf Baranowsky. Wer unbedingt auf Fußball-Profis neidisch sein will, kann es nur auf ganz wenige Prozent von ihnen sein – die paar Dutzend in Deutschland, die bis ins hohe Alter finanziell und ideell vom Fußballgespielten leben können. Derzeit spielen in Deutschland einige, die riesengroße “Bild”-Schlagzeilen bekommen (zum Beispiel mit Mega-Weihnachts-Familienbild), und von denen man sich nicht vorstellen mag, wie sie mit 50, 60, 70 leben werden.

“Bach muss endlich Ordnung schaffen” – “FAS”-Überschrift eines großen Interviews mit Heiner Geissler. Der einst an Kohl gescheiterte und dann von ihm langfristig in den Senkel gestellte CDU-Halblinke, mittlerweile 83 und immer noch bergsteigend sportlich aktiv, sagt einige kluge Sachen über den Sport. Allerdings hat er den Vorteil, den alle halbwegs bekannten Politiker haben, wenn sie über Sport reden: Die Verantwortung tragen andere, denen ins Gewissen reden und humanmaximale Forderungen stellen, ohne sie umsetzen zu müssen, ist ein konsequenzloses Moralisieren, quasi das Privileg, auch mal Bundespräsident spielen zu können. Wenn es nach Geissler ginge, gäbe es kein Olympia in Sotschi, keine WM in Katar, es hätte kein Olympia in Peking gegeben, und zwanzig Länder, in denen Frauen keinen Sport treiben dürfen, würden von Olympia ausgeschlossen. Wenn man das moralisch weiterdenkt, müssten Olympia und Fußball-WM allerdings demnächst an einem zentralen Ort stattfinden. Auf dem Mond. Auf unserer Erde dagegen schmuggelt Rummenigge, aus Katar (!) kommend, zwei Rolex-Uhren durch den Zoll, steht mit flammenden Appellen seinem Vereinsbruder Uli zur Seite, und alle weinen vor Rührung.

Weinen. Im Jahr 2013 war zum Weinen, wie Boris Becker sich zum Narren machte, nicht nur wegen der Klatsche am Kopf bei Pocher, sondern (für mich) vor allem, wie er im Fernsehen aus seinem Buch vorlas. Weinen aus Fremdscham und Enttäuschung über einen großen Sporthelden. Auch ein anderer las aus seinem Buch vor, auch das war zum Weinen, aber das übernahm er selbst, weil er von sich selbst gerührt war. Wer? Sein Lebensabschnitts-Beruf ist in einem dieser Blogsätze schon genannt worden. Soll ich den Namen als “Wer bin ich?”-Zusatzpunkt ausloben? Nein, zu einfach.

Noch mal zu Geissler, beziehungsweise zu einem ähnlich schlauen Taktiker der Moralmacht. Ströbele. Heute früh lese ich in der “FAS”, dass er zu den acht Grünen gehörte, die 2001 gegen den Afghanistan-Einsatz stimmen wollten und dadurch die Schröder-Regierung ins Wanken gebracht, wahrscheinlich sogar gestürzt hätten. Da drängte Ströbele hinter den Kulissen dafür, dass vier der acht aus Gründen der Staats- bzw. der Regierungsraison für den Einsatz stimmten und die Kanzlermehrheit sicherten. Er selbst blieb bei seinem “Nein”, dieser “Friedensengel” (“FAS”).

Der härteste Knochen im grünen Gewande ist aber ein Weichei gegen  unsere Verteidigungsministerin. Eine Frau in diesem Job, das geht doch nicht, stöhnen viele. Sie täuschen sich. Gegen VDL waren der nette Herr Jung, der Wüstensandstrauchler Rühe, schon gar jener Talmi-Baron wachsweiche Männlichkeitsdarsteller. Die Neue hat sogar einige Härtegrade mehr drauf als einst Domina Thatcher, der John Wayne mit Colthandtasche. Manchmal ahne ich, VDL  kommt aus einem anderen Universum, geschickt als Robocop, der in Jämmerlichkeitsland  für Ordnung sorgen soll.

Tja. Ob das Bloghingeschriebene in die “Montagsthemen” oder Material für den Silvester-”Anstoß” liefern soll? Bin immer noch unschlüssig. Online-Leser werden es merken, wenn der nächste “gw-Beitrag Anstoß” rechts anklickbar ist – “Das war’s” im November/Dezember, oder eben die “Montagsthemen”.

Als Zwischendurch-Beschäftigungstherapie stelle ich schon mal die WBI-Ranglisten zusammen. Aufruf an alle, die vorne dabei zu sein glauben (die meisten wissen es): Bevor ich die Ranglisten im Blatt veröffentliche, stelle ich sie in den Blog, zwecks möglicher Überprüfung von Fehlern – Sie melden sich, ich prüfe nach. Fehlerfreiheit würde mich überraschen, denn ich zähle die Punkte alleine zusammen und fummele die Ranglisten zurecht, da ist mir jede Leser-Nachhilfe willkommen (da ich alles aufgehoben habe, sind eventuelle Fehler leicht zu überprüfen). Also, vielleicht schon heute im Blog. Bis dann.

 

 

Veröffentlicht von gw am 29. Dezember 2013 .
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Das war’s (September/Oktober: Zu viel warme Luft, Boris und der Ballbesitz)

Zahlen, Daten, Fakten – die Jahresrückblicke sind voll davon. Nicht bei uns. Wir picken uns aus den »Anstoß«-Disziplinen »Sport-Stammtisch«, »Montagsthemen« und »Ohne weitere Worte« sowie aus dem Blog »Sport-Gott & die Welt« Einblicke, Ausblicke, Irrungen und Wirrungen (auch eigene) heraus, die unkommentiert und unbearbeitet eine Collage des Sportjahres 2013 darstellen sollen.
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Rassismus im Sport und überhaupt. Eine aparte Volte schlägt, völlig ernsthaft, der Fußballverband von Malawi, der bei der FIFA protestiert, weil Malawis Nationaltrainer Saintfiet rassistisch beleidigt worden sei, und zwar von Nigerias Coach Keshi. Das Aparte an der Geschichte: Saintfiet ist weiß, und der schwarze Keshi beschimpfte ihn übelst, nämlich als »weißen Kerl«.
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»Wir müssen kratzen, beißen und kämpfen«, sagt HSV-Trainer Thorsten Fink vor dem Spiel gegen Dortmund, in dem seine Mannschaft »nichts zu verlieren hat«. Die üblichen Nullstrom-Phrasen also. Absolut unüblich aber, wie HSV-Torhüter René Adler darauf reagiert: »Ich finde den Spruch abgedroschen und Quatsch.« Ist jemals ein Trainer von einem seiner Spieler derart bloßgestellt worden?
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Ringen bleibt olympisch. Und das ist auch gut so. Mit insgesamt 18 Disziplinen. Und das ist schlecht so. Wenn die Olympier schon ihre Gigantismus-Verhinderungsstrategie umsetzen, sollten sie den Disziplin-Wildwuchs einiger Sportarten eindämmen, statt ihn auf Kosten von Squash & Co. zu hegen und zu pflegen.

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Zu viel warme Luft in dieser Kolumne? Nicht so viel, wie sich bei Takashi Inui aufgestaut hatte, der wegen Beamtenbeleidigung 250 Euro ans Kinderhilfswerk zahlen muss. Eintracht Frankfurts Japaner wurde am Flughafen wegen einer unverzollten Uhr vernommen, rastete aus, und statt auf Fragen zu antworten, flatulierte er die Beamten lautstark an.
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»Zwischen zwei kleinen furzenden Japanern auf dem Flug von Berlin nach Santiago.« (Schauspieler Henry Hübschen im Stern auf die Frage nach dem ungewöhnlichsten Ort, an dem er je geschlafen habe)
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Novak Djokovic verrät in seinem Buch »Serve to Win« die Geheimnisse seiner Fitness. Nur noch warmes Wasser trinken zum Beispiel, denn »kaltes Wasser verlangsamt die Verdauung und sorgt dafür, dass das Blut dort wegbleibt, wo ich es haben will: in meinen Muskeln«. Ein Tabu für Djokovic: Milch. Vielleicht fürchtet er, dass Milch zwar munter macht, aber mehr das Hirn als den Muskel. Ein Indiz dafür könnte der junge Albert Einstein sein. Er soll erst als Zweijähriger seine ersten Worte gesagt haben, dafür aber gleich einen ganzen Satz: »Die Milch ist zu heiß.« Gefragt, warum er nicht vorher gesprochen habe, antwortete er: »Weil vorher alles in Ordnung war.«
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Britta Steffens Rücktritt ist die logische Konsequenz einer erfüllten Karriere. Sie hatte es trotz ihrer Goldmedaillen nie leicht mit den Medien und den Funktionären. Als sie einmal wegen schwächerer Leistungen hart kritisiert wurde, merkte sie an, damit immerhin »nicht den Weltfrieden zu gefährden«. Dafür gab es Buh-Rufe, die aber nur die Buh-Rufer bloßstellten. Meinen Beifall hatte sie, auch für die Antwort auf die Frage, was sie an sich selbst für besonders gelungen halte: »Ich bin sehr kritisch mit mir, aber meine Ohren finde ich ganz hübsch.« Noch besser bei ihr gelungen ist das, was zwischen den Ohren liegt.
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Ähnlich bei Sebastian Vettel. Im Gegensatz zum frühen Schumi ein rundum prima Kerl, was kein hessischer Lokalpatriotismus ist. Dass er im Ausland ausgebuht wird, kann er verschmerzen. Den schrillen Ton geben die Ferraristi an, die aber heimlich zu ihrer Mutter Gottes beten, dass Vettel schnellstmöglich einer der Ihren werden möge.
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Lebenslänglich gab es für Boris Becker damals, obwohl er noch unter das Jugendstrafrecht fiel: Lebenslang siebzehnjährigster Leimener. Ihn als Witzfigur bloßzustellen, wie es jetzt fast alle tun, ist mir zu billig. Man muss nicht die Pocher-Sendung gesehen habe (so was gucke ich mir sowieso nicht an), es genügt, zuzusehen und zuzuhören, wenn Becker aus seinem Buch vorliest, um zu ahnen, was zum traurigen Bild führt, das der Boris von heute abgibt. Was wäre denn aus uns, was wäre aus mir geworden, wenn wir als siebzehnjährigste Leimener lebenslänglich bekommen hätten? Es hätte noch böser enden können. Oder?
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»Als kleiner Junge soll ich stundenlang den Hühnern zugeschaut und dann meine Mutter gefragt haben, warum ich kein Huhn geworden bin. Solche Tiefen habe ich später nie mehr erreicht.« (Hans Traxler, 84, Zeichner, Maler und Satiriker, im FAZ-Interview)
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Früher hatte Ballbesitz eine überragende, alles entscheidende, ja eine existenzielle Bedeutung – auf dem Bolzplatz. Wer mitspielen wollte, war von der gnädigen Zustimmung des Ballbesitzers abhängig. Für manche übrigens eine frühe und bittere Erfahrung über Triumph des Besitzenden und Tragik des Besitzlosen. Ich weiß, wovon ich schreibe.  (gw)
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Veröffentlicht von gw am 27. Dezember 2013 .
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Das war’s (Juni – August: Filibustern, Flippern und Vollarmtätowierungen)

Zahlen, Daten, Fakten – die Jahresrückblicke sind voll davon. Nicht bei uns. Wir picken uns aus den »Anstoß«-Disziplinen »Sport-Stammtisch«, »Montagsthemen« und »Ohne weitere Worte« sowie aus dem Blog »Sport-Gott & die Welt« Einblicke, Ausblicke, Irrungen und Wirrungen (auch eigene) heraus, die eine Collage des Sportjahres 2013 darstellen sollen. Mittlerweile im Juni angekommen, erhöhen wir das Tempo im Jahresschnelldurchlauf. Heute komprimieren wir Juni, Juli, August zu einer Sportsommer-Kolumne.

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Das Triple: Fußballerisch nur der Wurmfortsatz von frühem DM-Titel und einzigartigem CL-Triumph, an Wille, Energie und Konzentration aber eine nicht minder beeindruckende mentale Leistung. Respekt, FC Bayern!

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Aber bitte auch Respekt für andere. Dass Dante und Gustavo lieber beim CONFED-Cup spielen als für den FC Bayern im deutschen Pokalfinale, auch weil es Bedingung für ihre WM-Teilnahme ist, das erschließt sich Rummenigge nur durch angeblich menschenverachtende brasilianische Gehirnwäsche.

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Das gleiche Muster wie beim Afrika-Cup: Als würden die Negerchen zu einem wochenlangen Stammestanz in den Dschungel fliegen. Dass der Afrika-Cup als kontinentaler Titelkampf mit der Fußball-EM auf einer Stufe steht und der CONFED-Cup für Brasilien als WM-Generalprobe genauso wichtig ist, will diesem dünkelhaften Rassismus auf Kolonialherrenart nicht in den weißen Kopf hinein.

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Zum Wetter. Die Hitze bringt es an den Tag. Etwas, das man, das ich nicht unbedingt sehen wollte. An welchen Stellen selbst reife und anscheinend recht bürgerliche Muttis Tätowierungen tragen! Und wie sich die jungen Dinger verschandeln! Vollarmtätowierungen, Trend der Tattoo-Saison? Ein Trend fürs Leben, denn diese Mode vergeht nicht. So etwas sah man früher nur bei Matrosen, Zuhältern und im Knast.

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Lange nicht mehr geflippert? Die WM in Echzell geriet zum medialen Ereignis und weckte Erinnerungen an längst verpubertierte Zeiten, als man im Frankfurter Hauptbahnhof absichtlich den Anschlusszug nach Hause zugunsten einer Flipperstube verpasste (und auf dem Weg dorthin in der Kaiserstraße große Augen machte).

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Dass Flippern im Gegensatz zum angesagten Pokern ein echter Leistungssport ist, weiß ich, seit ich nur eine Mark hatte, aber zwei Lateinstunden im Hinterzimmer einer schummrigen Wetzlarer (daher kommt übrigens das »w« von »gw«) Altstadtkneipe verflippern musste.

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Bevor ich nach der großen Pause mit irgendeiner faulen Ausrede zum Unterricht erschien, musste ich um jedes Freispiel wie um mein Leben kämpfen. Die Katastrophe hieß: TILT! TILT TILT

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Außergewöhnlichste sportliche Leistung der letzten Tage: Wendy Davis sprach im Senat von Texas 13 Stunden ununterbrochen, man nennt das »Filibustern«, und das ist, weiß mein uralter Freund Brockhaus (nur seine Urenkel sterben den Internet-Tod), eine »Verschleppungstaktik zur Verhinderung einer Abstimmung über einen missliebigen Antrag«.

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Bei Wendy Davis ging es gegen schärfere Abtreibungsgesetze, in einer Sportkolumne wie der unsrigen interessiert aber vornehmlich der athletische Aspekt: Davis sprach in stabilen Sportschuhen, sie durfte sich nicht aufstützen, die Rede nicht unterbrechen, sich nicht setzen, und zur besseren Standfestigkeit banden ihr die Kollegen sogar einen Gewichthebergürtel um. Sie hielt durch. Eine sehr reife sportliche Leistung. Nur die Dopingprobe steht noch aus.

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Denn nicht mal Pipi machen durfte sie, jedenfalls nicht auf der Toilette, allenfalls redend in der feministischen Wunschtraumstellung. Eine unappetitliche Assoziation, ja, aber sie führt mich zum Urteil der Woche: Mieter, die sich in ihrer hellhörigen Wohnung von Pinkelgeräuschen des Nachbarn belästigt fühlen, müssen das ertragen, denn hörbares Plätschern beim Pullern, so die Richter, sei »sozial adäquat« und zu ertragen.

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»Ich gehöre zu den Lesern Ihrer Texte, seit es diese gibt, mithin also zur ›liebsten Zielgruppe«, schreibt Barbara Tomsch aus Reichelsheim. »Obgleich ich Ihre Nutzung der deutschen Sprache für Witz, Humor und Ironie sehr schätze, will ich doch über Knastis, Seeleute und Zuhälter mit Tattoos etwas anmerken: Ich gehöre zu keiner der drei Personengruppen, bin schon reifen Alters und seit 22 Jahren stolze Trägerin von zwei ungewöhnlichen Tätowierungen! Im Ausschnitt trage ich eine Vogelspinne, auf dem rechten Oberarm eine Klapperschlange. Es gibt so viele verschiedene Gründe für Tätowierungen, wie es Tätowierte gibt! Mir haben meine ›zwei Haustierchen‹ viel Selbstwertgefühl gegeben, als ich es sehr nötig hatte. Ich trage sie stolz bis ans Lebensende.«

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Da stehe ich nun beschämt da, mit meinen vollprolltätowierten Vorurteilen. Doch ich biete tätige Reue an: Sollte ich jemals noch ein Wort über Dopingthemen verlieren, lasse ich mir ein »Haustierchen« stechen, Frau Tomsch darf’s auswählen. Aber bitte, auch wenn ich’s verdient hätte, keinen blöden Affen.

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Und sonst? Luftgitarren-WM. Bester Deutscher auf Platz elf. Schwach. Auch die Titelkämpfe im Handtaschenweitwurf können nicht überzeugen: Der Sieger warf gerade mal 24 Meter – so weit werfen ja kleine Zigeu…, sorry, kleine Räuberkinder die Taschen ihren Komplizen zu.

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Zu schlechter Letzt: Jener sogenannte Extremsportler, der sich Red-Bull-gesponsort aus einem Ballon fallen ließ, unter medial ähnlicher Beachtung wie die erste Mondlandung, hat seine pädagogische Ader entdeckt und preist eine »gesunde Ohrfeige« als angemessenes Erziehungsmittel.

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Stimmt ja auch. Eine Ohrfeige schadet nicht. Nur eine. Aber nur für ihn, den Plumps-Sack: Patsch! (gw)

* (www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Veröffentlicht von gw am 26. Dezember 2013 .
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Baumhausbeichte - Novelle