Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Sport-Stammtisch (vom 30. November)

Alles hängt mit allem zusammen. Zum Saisonauftakt der Skispringer sollte es  schöne ARD-Livebilder aus Klingenthal geben. Leider ist Skispringen ein Freiluftsport und das Wetter ein oft unwilliger Komparse der Fernseh-Regie. Ein Sturm verwehte die Sprünge, der vielfach unterbrochene Wettkampf war irregulär und gesundheits-, wenn nicht sogar lebensgefährlich. Nach fünf Stunden – sogar der ARD war die Live-Lust längst vergangen – schnallten Schlierenzauer und Bardal ihre Sprunglatten ab und verließen die Schanze. Sie wurden disqualifiziert. Wer disqualifiziert die Disqualifizierer?
*
Die beiden wurden für ihre Mannhaftigkeit hoch gelobt. Aber warum machten sie den gefährlichen Unsinn überhaupt so lange mit? Und wie unmannhaft waren alle die anderen? – Mannhaftigkeit? Vorsicht! Ist nicht das Wort an sich schon frauendiskriminierend? Soll ich es streichen? Nein. Ich bleibe mannhaft.
*
Im Fußball hängt alles mit allem noch viel zusammener. Zu … was? Oder ist das nur die Steigerungsform von Sammer? Damit zum FC Bayern: Kontrollfreak Guardiola sucht einen Maulwurf. Wenn er ihn findet (was alle verhindern werden), will er den Verräter zu lebenslänglicher Bayern-Verbannung verurteilen.
*
Weiß nur Guardiola bei den Bayern nicht, wer der Maulwurf ist? Ich glaube, so etwas nennt man eine rhetorische Frage.
*
Warum setzte sich Guardiola im Gegensatz zu anderen Kollegen (wie zum Beispiel Wenger) nicht für den in Katar festgehaltenen Fußballprofi Belounis ein? Dessen schriftliche Bitte an ihn persönlich ließ Guardiola einfach abtropfen – er kenne die Fakten nicht. Hat die Fakten-Unkenntnis etwas damit zu tun, dass Guardiola für schlappe elf Millionen Euro PR für das tolle Fußball-Land Katar gemacht haben soll? So etwas nennt man, glaube ich, eine naive Frage.
*
Zum richtigen Fußball. Freunde des Klopp-Stils hatten endlich wieder Freude. Phasenweise BVB vom Besten. Beide Tore: ein Traum. Der Elfmeter: klare Sache. Laut Regel müsste es in jedem Spiel fünf bis acht Elfmeter geben, bis sie es alle kapiert haben und die Hände bei sich behalten. Noch ist das Festhalten Gewohnheitsrecht, der Neapolitaner übertrieb es aber, er hielt so lange fest, dass es für drei Elfmeter gereicht hätte. Und für eine Anzeige wegen sexueller Belästigung.
*
Das führt uns zum Urteil der Woche. Ein Olympiatrainer, der eine 16-jährige Schwimmerin  sexuell missbraucht haben soll, wurde freigesprochen. Urteilsbegründung: Es war Liebe, kein Missbrauch. Als ich das las, arbeitete ich am »Das war’s«-Rückblick und hatte gerade  diese »Anstoß«-Zeilen vom Februar in Arbeit: »Ein japanischer Judo-Olympiasieger ist wegen Vergewaltigung zu einer fünfjährigen Haftstrafe verurteilt worden. Er legt Berufung ein – es habe sich um einvernehmlichen Sex gehandelt. Einen Tag zuvor war Japans Judo-Nationaltrainer der Frauen zurückgetreten, weil er Athletinnen in der Olympia-Vorbereitung mit Bambusschwertern geschlagen hat.«
*
Schon zu meiner Sportler-Zeit gab es Trainer, die unter vier Ohren  zugaben, dass sie mit dem »Trainingsmittel« Hörigkeit arbeiteten. Bis zum Zerfall des Real-Sozialismus galt der Aufbau eines Hörigkeits-Drucksystems insgeheim als Alternative des West-Sports, den sozialismus-immanenten Wettbewerbsvorteil des materiellen Drucks auszugleichen. Wer nicht mit Entzug der Auslandsreise oder sonstiger Privilegien drohen konnte, drohte eben mit Streicheleinheits- und Liebesentzug.
*
Alte »Anstoß«-Frage zu den »vier Handicaps« von Frauen im Leistungssport: Hat die nicht hörige, nicht lesbische, normalchromosomige und nicht hormondopende Frau noch eine Chance im Spitzensport? – Lange her. Bitte nicht wieder neu diskutieren. Den Lesern, vor allem der liebsten Zielgruppe, bleibt überlassen, ob sie diese Frage als rhetorische, naive oder schlichtweg dumme auffassen.
*
Richtig starke Frauen können nur durch Betrug schwach gemacht werden, siehe Nibelungenlied. Als in unserer »Wer bin ich?«-Reihe Brunhilde gesucht wurde, hatte auch Vera Fahrenholtz-Boyens die richtig Lösung, »die leider wegen eines dämlichen Tippfehlers in der Mailadresse zurückkam, was mich immer noch ärgert«. An ihre Einsendung zur aktuellen Rate-Folge hängte die Biebertalerin die alte Mail an, in der sie auch schrieb und zitierte: »Neben der Vorbereitung des zu erzwingenden Beischlafs ging es bei dem erneuten Kampf auch um Grundsätzliches: ›Weh,‹ dachte Siegfried. ›soll ich Leben hier und Leib / Von einer Maid verlieren, / so mag ein jedes Weib / In allen künftgen Zeiten / tragen Frevelmut / Dem Manne gegenüber, / die sonst wohl nimmer es tut.‹« – Also, Jungs: Wehret den Anfängen!
*
Hilft uns aber alles nichts, denn schon am Anfang des Nibelungenlieds steht ein Zweizeiler über Kriemhild, der viele Quadratmeter Weltliteratur zusammenfasst: Sie wurde ein schönes Weib / wegen der viele Recken verloren ihren Leib.
*
Damit haben sich schon viele Literaten und Psychoanalytiker beschäftigt. Apropos: Vera Fahrenholtz-Boyens schließt ihre Mail: »Mit immer wieder großer Freude an Ihrer Kolumne – der einzigen mir bekannten Sportkolumne zwischen Narvik und Palermo, die neben Literaten wie Kempowski auch Psychoanalytiker wie H. E. Richter zitiert.« Danke. Aber: Nur zwischen Narvik und Palermo? Europa ist mir nicht genug! (gw)

Baumhausbeichte - Novelle