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Sport-Stammtisch (vom 23. 11.)

Natürlich jammert der BVB zu Recht. Die komplette Viererkette fällt aus, dazu der langzeitverletzte Genie-Anwärter Gündogan – so etwas kann keine Mannschaft der Welt ersetzen, annähernd gleichwertig sowieso nicht.
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Keine Mannschaft der Welt – außer dem FC Bayern. Bei dem fehlen ähnlich viele verletzte Klassespieler, was sich nach der Leistungswährung des Fußballs noch gravierender auswirken müsste. Denn in München liegt momentan deutlich mehr Marktwert brach als in Dortmund, und dennoch jammert dort niemand. Ebenfalls zu Recht. Wenn sie bei ihrer langen Edel-Bank jammerten – sie spönnen, die Bayern!
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Spönnen. Hübscher Konjunktiv. Nicht dass Sie glauben, ich hätte ihn im Kopf. Musste nachsehen, wie bei so vielem, und stieß dabei auch auf die korrekte dritte Person Plural Perfekt im Zustandspassiv (was es alles gibt!) von »spinnen«: »Sie seien gesponnen gewesen.« Apart auch die imperative Höflichkeitsform. »Spinnen Sie!«
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Genug gesponnen. Logisch, dass mit den vielen Verletzten von BVB und FCB auch die Nationalmannschaft am Stock geht, da kommen nur noch Klose, Podolski und Gomez hinzu. Über den Grund für die Häufung von Langzeitblessuren kann man munter streiten, aber nichts beweisen. Nur vermuten. Dr. Ulrich Boenisch, Khediras Operateur, nennt (in der »Zeit«) die fehlende Regeneration durch vermehrte Spiel-Belastung. Dazu würde ich ergänzen: Die beste Regeneration nach einem Spiel ist dosiert intensives Training unterhalb der Belastungsgrenze, statt, wie in der Liga üblich, erst mal komplett trainingsfrei zu geben.
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Apropos: Eintracht Frankfurt hatte in der Länderspielpause eine schöne Gelegenheit zu intensivem Regenerations-Training, aber die Spieler bekamen vorige Woche zunächst zwei volle freie Tage, und Trainer Veh war sogar bis zum späten Donnerstag abwesend. Mhmm. Zum Erfolg führen viele Wege. Fegt Schalke vom Platz, am besten mit Toren in den ominösen letzten Minuten! Schon hat Veh alles richtig gemacht. Grau ist alle Theorie, schwarzrot die Praxis.
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Die Eintracht steht unter Druck. Aber nicht so sehr wie Dr. Boenisch bei der OP von Khedira: Auf die Finger schauten ihm DFB-Arzt Müller-Wohlfahrt und zwei Real-Vereinsärzte. Die dürften gezittert haben. Boenischs Finger nicht. Die Operation soll hervorragend gelungen sein. Was allerdings keine Garantie ist. Boenisch gibt zu bedenken, dass nur 60 bis 70 Prozent der am Kreuzband Operierten ihre alte Leistungsfähigkeit wiedererlangen, und dass Rückfall-Risse bei zwölf bis 24 Prozent auftreten. Ein trauriges Lied davon können Nia Künzer und Jens Nowotny singen, mit je vier Kreuzbandrissen gemeinsam Nummer eins dieses üblen Rankings.
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Dortmund schaut sich auf dem Spielermarkt nach Ersatz um, auch mittelfristig für Lewandowski. Derzeit erste Wahl soll Konstantinos Mitroglou von Olympiakos Piräus sein, der Griechenland fast in Ronaldo-Manier zur WM schoss. Mitroglou kann Griechisch angeblich weder lesen noch schreiben und nur ein wenig sprechen und verstehen, denn er ist in Deutschland aufgewachsen, spielte in Mönchengladbach in der Regionalliga und wechselte nach 23 Spielen (null Tore!) nach Griechenland. Jetzt trifft und trifft er. Etwas gewöhnungsbedürftig sein Torjubel: Er ballert mit einem imaginären MG in die Luft. Aber wetten, wenn er kommt, wird Klopp ihn nur noch Tore schießen lassen. MG-Verbot!
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Griechenland zur WM – DAS können sie also auch ohne deutsche Anleitung. Aber zwischen Rehhagels und Merkels Raute lag ein langer Weg. Außerdem spielten Ottos Griechen nicht mit Raute, sondern hinten mit Beton und vorne mit dem lieben Fußballgott.
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Viel Beton wollen sie auch bei AEK Athen verbauen, in ein Stadion der Superlative. Die Entwürfe erinnern, meint die »Griechenland Zeitung«, an Stadien der 1930er Jahre in Deutschland und auch an arabische Moscheen. Was nicht unbedingt verwundert, denn das »K« im Namen von AEK bedeutet Konstantinopel. Gegründet hatten den Klub griechische Flüchtling aus Kleinasien, das Stadion heißt schon im Volksmund »Hagia Sophia«, und da ich diese vor nicht allzu langer Zeit in Istanbul besichtigt habe, kann ich nur sagen: Wenn das Stadion diesem Namen (und nicht den deutschen Nazi-Anklängen) Ehre macht, wird’s ein Schmuckstück.
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Kostenpunkt: 70 Millionen Euro. Passen aber auch mindestens fünf Limburger Bischofssitze rein.
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Hoffentlich habe ich im Vorstartfieber beim Schreiben dieser Kolumne nicht allzu sehr deliriert. Ist ja auch nicht so hoch wie sonst, das Fieber, bei dieser Konstellation. Fußball-Freunde, die kein Bezahl-Abo haben und auch nicht in eine Sky-Kneipe wollen, müssen sich bis mindestens 23 Uhr gedulden, ehe sie bewegte Bilder vom Spitzenspiel sehen können, obwohl das ZDF schon ab 21.45 Uhr übertragen dürfte. Doch bis 23 Uhr plus einige Überziehungsminuten wird Carmen Nebel zu sehen sein, und ihre Sendung und die Unflexibilität passen nun mal zur Gerontokratie des ZDF.
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Das ZDF sollte sich mal ein Beispiel an Carmen Nebel nehmen. Wer alte Bilder von ihr sieht, denkt an das Märchen vom Aschenputtel, und wer sie heute sieht, an Dorian Grey. Wie dieser bleibt sie scheinbar ewig jung. Unterschied: Bei Dorian Grey altert dessen Porträtbild, bei Carmen Nebel ihr Sender. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle