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Micky, Donald und das Geburtstagsleibchen (“Nach-Lese” vom 22. 11. 2013)

Micky Maus feiert 85. Geburtstag, und alle feiern mit: Kleine und große Kinder,  wie überall nachzulesen auch kleine und große Zeitungen – nur ich nicht. Dieser penetrante Besserwisser und Alleskönner! Schlimm genug, dass meine Lieblingsheftchen seinen Namen trugen und tragen. Am schlimmsten, wenn im Micky-Maus-Heft tatsächlich Micky Maus drin war, mit einer ellenlangen Geschichte, durch die das wahre Entenhausen mit Donald, Dagobert und Tick, Trick & Track viel zu kurz kam.
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In »meinem« Entenhausen lebt Micky Maus  jedenfalls nicht, dort existieren nur die Duck-Sippe, ein paar mit ihnen verwandte Gänse (Gustav, Franz und Oma G.) und der in seiner Tierheit umstrittene Daniel Düsentrieb (Ente? Gans? Haubentaucher?). Na gut, auch Goofy und Pluto gehören noch dazu, Freund und Hund von Micky Maus, aber selbst diese beiden lieben Trottel haben manchmal die Nase voll von der perfekten Übermaus, Pluto jedenfalls quartiert sich oft genug bei den Ducks als Haushund ein.
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Fast so allergisch wie auf Micky Maus reagiere ich auf die Sprachgenies, die meinen Donald als »Donäld Dack« aussprechen – da stellt sich mir der Bürzel auf! Was keine deutschtümelnde Marotte ist, sondern donaldistische Logik, da auch Tick, Trick und Track, Dagobert Duck oder Gustav Gans so nur im deutschen Sprachgebrauch existieren, denn im Original heißen sie »Huey, Dewey and Louie«, »Scrooge McDuck« und »Gladstone Gander«.
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Mit ihnen allen ist meine Lebensgeschichte eng verbunden, von der kurzen Kindheit bis ins lange Berufsleben. Auch Dr. Erika Fuchs, geniale Übersetzerin der Alltagsleiden des Donald Duck, kenne ich seit Kindesbeinen, denn auf einer der ersten Heft-Seiten stand immer: »Chefredaktion: Dr. Erika Fuchs« – für mich war diese geheimnisvolle Dame die Chefin von Entenhausen. Ihre geflügelten Worte kennt noch heute jedes (Ex-)Kind, zum Beispiel das Daniel-Düsentrieb-Motto »Dem Inscheniör ist nichts zu schwör.« Oder Tick, Trick und Tracks »Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern, in keiner Not uns waschen und Gefahr.« Nur Donald ist mal wieder nicht auf der Höhe der Zeit: »Wo man raucht, da kannst du ruhig harren, Menschenfresser haben keine Zigarren.« Der cholerische Pechvogel könnte auch einstimmen in die Panzerknacker-Elegie: »Unsere ganze Kunst, die war umsunst.«
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Alles original Dr. Erika Fuchs. Nach ihr ist der »Erikativ« benannt, wie man in Anlehnung an den linguistischen Fachjargon ihre Verkürzungen von Stammverben wie »Knirsch«, »Stöhn«, »Seufz« oder »Kreisch« bezeichnet.
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Um die wissenschaftliche Vertiefung kümmern sich die Donaldisten, vereint in der Deutschen Organisation der Nichtkommerziellen Anhänger des Lauteren Donaldismus (D.O.N.A.L.D.), deren Mitglieder auch in den Redaktionen von FAZ oder Spiegel sitzen sollen, sogar auf Chefstühlen. Der Donaldismus lässt nur Donald-Comics gelten, die von den »kanonischen Autoritäten« Carl Barks (Zeichnungen) und eben Dr. Erika Fuchs stammen.
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Die Donaldisten kümmern sich auch um zu Unrecht vernachlässigte Probleme wie das der Domestikation von Hunden in Vogelfamilien, und gewisse Perversitäten unter Duck-Enten (Stichwort: Kannibalismus) werden ebenfalls nicht ausgespart. Auch diese Frage harrt noch ihrer letztgültigen Klärung: Pflanzen sich die Ducks über Veronkelung fort?
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Doch wer der leibliche Vater von Tick, Trick und Track ist, werden weder Carl Barks († 2000) noch Dr. Erika Fuchs († 2005) verraten, die beide erst in ihrem hundertsten Lebensjahr starben. Donalds Neffen waren aber immerhin bei der Geburt unserer Wissenschaftsseite als Geburtshelfer dabei: Als ich die Null-Nummer konzipierte, zierte diese ein Comic-Streifen mit der berühmten Szene, in der Donalds Neffen ein Schiff heben, indem sie Tischtennisbälle in das Wrack pumpen. Diese Barks-Idee wurde später einmal tatsächlich erfolgreich bei einer echten Schiffsbergung eingesetzt! Mit den vielfältigen Erfindungen von Daniel Düsentrieb sollten die Comics bei uns auf der Wissenschaftsseite in Serie gehen, doch um die Lizenzen bezahlen zu können, hätten wir schon Dagoberts hochhaushohen Geldtresor knacken müssen.
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Dennoch blieb ich den Ducks auch beruflich weiter eng verbunden und schleuste jede Menge Schleichwerbung in »gw«-Kolumnen ein. Einmal wies ich sogar darauf hin, dass meine Entenhausen-Werbung aus tiefstem Herzen komme und selbstverständlich unentgeltlich geleistet werde. Das rührte die PR-Chefin von Ehapa, des Micky-Maus-Verlags, und sie schrieb einige Wochen später: »Es dauert zwar immer eine Weile, bis Ihre Zeitung via Berlin den Weg nach Entenhausen gefunden hat, aber dann wird sie dort auch unerbittlich gelesen. Auch Ihre Klage, dass Ihre ›kostenlose Reklame‹ nicht honoriert wird, drang an unser Ohr und rührte unser Herz. Daher hoffe ich, dass Ihnen das beigefügte Donald-Duck-Geburtstagsleibchen ein klein wenig Freude bereitet.« – Jaaa! Ein Donald-Leibchen, direkt aus Entenhausen! Aber leider, leider war das Hemdchen auch in der Größe ein echtes von Donald, vor dem schlichten »L« vermisste ich einige X, da ich keine Donald-, sondern eher eine Franz-Gans-Figur hatte.
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Natürlich durfte Entenhausen auch nicht fehlen, als ich in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends eine »Bücher-Seite« für die Wochenend-Beilage ersann, mit »Klappentext« und einem »Frage-Lese-Bogen«, in dem Prominente Auskunft über ihre Lesegewohnheiten gaben. Nur zwei Monate vor ihrem Tod gab mir Dr. Erika Fuchs dazu ihr letztes Interview überhaupt (per Fax). Tragikomische Randnotiz, die von ihr sicher milde beschmunzelt würde: Ich erfuhr als erster von ihrem Tod, per Fax des Ehapa-Verlags, in dem mir der Entwurf eines Nachrufs zur Autorisierung vorgelegt wurde, nebst handschriftlicher Beileidsbekundung. Betroffen, aber auch sehr verwundert, fragte ich beim Verlag nach, denn ich und die Welt wussten nichts vom Tod der Erika Fuchs. Da fiel die Pressechefin beinahe in Ohnmacht, denn das Fax war für den Sohn von Dr. Erika Fuchs bestimmt, nur kam meine noch vom Interview gespeicherte Faxnummer in die Quere – und bescherte mir eine Exklusiv-Meldung, auf die ich gerne verzichtet hätte.
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Als der Pressedame ihr Faux-Pas klar wurde, herrschte für einen Moment totale Stille in der Leitung. Ich aber sah und hörte ganz genau, was die arme Frau dröhnend im Erikativ dachte: »Knirsch«, »Seufz«, Stöhn«, KREISCH!!!!
(gw)

Baumhausbeichte - Novelle