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Sport-Stammtisch (vom 21.11.)

Ein schmerzlicher Abend für die Freunde des Insel-Fußballs: Jetzt können die Engländer nicht mal mehr englischen Fußball spielen – nur kraftlosen Kick ohne jeden Rush. Als die abgekämpften und mit 30 schon ausgelaugten alten Kämpen nacheinander rausrotierten, kamen keine jungen Wilden nach, keine hoffnungsvollen Talente, sondern hoffnungslos einer deutschen Verlegenheitself unterlegene Allerweltskicker. Was die Premier League auch ihren Scheichs und sonstigen Oligarchen  zu verdanken hat.
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Auf deutscher Seite gab es daher nur wenige Aufschlüsse. Schön, dass Boateng und Mertesacker eifrig daran arbeiten, meine alte Unkerei zumindest zu relativieren, mit ihnen als Innenpärchen sei kein WM-Titel zu gewinnen. Aber den echten Nachweis müssen sie gegen stärkere Gegner erbringen, auch Italien gehört schließlich nicht zu den Favoriten, ist »nur« privater deutscher Angstgegner.
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Wenn sich in diesen beiden Spielen etwas perspektivisch geändert hat, dann leider im Negativen: Die WM-Chancen der deutschen Elf sind ebenso gesunken (Khedira) wie die des BVB gegen die Bayern (Hummels, Schmelzer).
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Klingt miesmacherisch? Ist nicht so gemeint. Sondern therapeutisch vorbeugend, auch mir selbst gegenüber, um nicht überoptimistisch dieser hochkomplizierten WM mit ihren südamerikanischen Unwägbarkeiten entgegenzufiebern und dann, bei achtbarem und realistischem späten Ausscheiden, in Depression zu verfallen.
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Entgegenfiebern. Fiebern. Ballfieber. Damit zurück zu den Engländern. Weil es in der Premier League zu sehr ums Geld geht, geht es uns im Vergleich mit Englands Fußball Gold. England-Nostalgikern sei daher ein altes, wunderbares Inselfußballbuch noch einmal ans heiße Herz gelegt, »Fever Pitch« (Ballfieber) von Nick Hornby. Unser alter Freund und Ex-Kollege Manni Merz aus Bad Nauheim macht mich darauf aufmerksam, dass eine Neuausgabe von »Fever Pitch« erschienen ist, mit einem Vorwort von Nick Hornby, »sieben Seiten lang und bereits den ganzen Preis des Buches wert, sowohl als Beitrag zum Thema Ware Sport als auch als Liebeserklärung für den Sport als solchen und seine ungeheure Kraft. Ich hoffe, das wird nie aufhören.«
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Zur Einstimmung blättere ich in meiner alten Ausgabe: »Das Passspiel kam in England Mitte der Siebziger aus der Mode, also kurz nach den Seidenschals und unmittelbar vor den aufblasbaren Bananen. Seitdem stehen wir international ganz armselig da. Ich meine, es ist schwer zu gewinnen, wenn unsere einzige Taktik darin besteht, dass der Torwart draufhaut, so fest er kann, den Ball möglichst bis ans andere Ende des Spielfelds schlägt und dort einer steht, der 2,50 Meter groß ist und das Ding doch wieder nicht reinbringt.«
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Und heute? Wenn der Torwart hart draufhaut, heißt er nur Hart und stolpert über einen Mitspieler, und 2,50 Meter ist allenfalls eine englische Doppelspitze.
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Sorry, das war deutscher Humor, mühsam und mit Vorschlaghämmerle. Wenn aber der Fußball der Engländer so wäre wie ihr Humor, würde ich ihnen den WM-Titel humoris causa zuerkennen.
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Nick Hornby, der Arsenal-Fan, hatte ja schon sein Happy-End. 18 Jahre lang musste er darauf warten, und er konnte es 1989 selbst beim Schlusspfiff kaum glauben, dass seine Mannschaft durch das 2:0 gegen Liverpool endlich Meister geworden war. Aber dann explodierte die Freude, und als er mit all den anderen Fans auf der Straße tanzte, sah ihn die Frau, die ihn liebte, von ferne und stellte verwundert fest: »So glücklich habe ich ihn noch nie gesehen.«
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Tja. Es gibt Menschen, die Fußball-Verrückten sehr nahe stehen, aber sie dennoch nicht verstehen. Zumindest sollten sie aber den fatalen Satz vermeiden, mit dem sie ihm Trost spenden wollen, wenn seine Mannschaft verloren hat. Es ist, wie auch Nick Hornby völlig zu Recht feststellt, »der dümmste Satz der Welt«, eine seelische Grausamkeit, nach der jede Beziehung kurz vor dem Abpfiff seht: »Es ist doch nur ein Spiel.«  (gw)

Baumhausbeichte - Novelle