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Dr. Hans-Ulrich Hauschild: Der wahre Sport? Ausgerechnet die Fußballnationalmannschaft?

Es gibt ein journalistisches Produkt, das auch ich gerne lese, mit dem ich mich beschäftige und das – trotz aller distanzierenden Satire, zuweilen sarkastisch, häufig humorvoll – ernst zu nehmen ist. Das ist der Sportstammtisch gw., also von Herrn Steines. Da ist es dann erstaunlich, dass ausgerechnet g.w. die Fußballnationalmannschaft (im Verfolg einer zweifelhaften „wissenschaftlichen“ Studie) als – wenn nicht wahren Sport so doch – als ehrlich, authentisch (es sind nicht seine Worte, aber gemeint könnte es so sein) und von der Glitzerwelt der Ökonomisierung nicht infiziert beschreibt. So scheint es jedenfalls; jedoch beim zweiten Zugriff wird deutlich: g.w. pflegt hier seinen üblichen distanzierenden Stil. Er hat in den letzten Monaten nun wirklich genug geschrieben, um selbst mir zu verdeutlichen, wie er zu derartigen Megaevents steht.  Und so kann auch ich beipflichten: mag ja sein, dass die Nationalmannschaft wenigstens niemanden einkaufen kann (obwohl selbst das mit schneller Erteilung einer Staatsbürgerschaft möglich sein sollte). Mehr aber nicht.

 

Nun aber dennoch zur Sache: Da haben wir zunächst zwei Nachrichten, die einer möglichen Verharmlosung der Nationalmannschaft als den „wahren Sport“ entgegenstehen: Katar und die, selbstverständlich, allein ökonomisch begründbare Ausbeutung der Wanderarbeiter, gegen die die FIFA ernsthaft nichts zu unternehmen wagt: es geht letztlich um das Geschäft der WM – Sponsoren. Auf dieser Linie liegt auch die Nachricht, dass Giovanne Elber, der ehemalige Bayern – Brasilianer, beklagt: die WM in Brasilien im kommenden Jahr ist eine für Reiche.

 

Die Studie aus Winkel habe ich zur Kenntnis genommen; dabei ist mir das Interview mit Bierhof (heißt der so?) als besonders verlogen aufgefallen; denn dieser steht ja nun wirklich ausschließlich für Vermarktung, vor allem für Selbstvermarktung.

 

Genau das ist es. Länderspiele, EM und WM sind letztlich kein ernst zu nehmender Sport, es kommt mir vor, als seien Länderspiele eine andere Sportart. So etwas wie gehobener Kindergeburtstag. Mit einem völlig anderen Publikum, das sich der Illusion hingibt, etwas Ehrliches zu bekommen. Dabei ist die Ökonomisierung des Nationalen (also des „Lagerfeuers“ aus der Studie und aus der Kolumne) die Bedingung der Möglichkeit, dass Bundesligafußball überhaupt ökonomisierbar ist. Und so ist auch nicht die Ökonomisierung so sehr das Problem, sondern der Versuch, sie zu verstecken. Und der Versuch, all jene, die sich beim Fußball nach irgendetwas umsehen, was ihrem Leben (zusätzlichen) Halt gibt, als Zuschauer in den Stadien abzulehnen.

 

Wie man also gerade am Gerangel in Brasilien (WM für Reiche), an den Interessen der Sponsoren an der Nationalmannschaft und an der unsäglichen Entscheidung Katar sehen kann, sind die Vermarktungsinteressen bei der Nationalmannschaft ungleich größer als irgendwo in einem beliebigen Bundesligaclub. Ich halte dagegen: die Seele Fußball lebt im Vereinsfußball, so auch im völlig marginalisierten Amateursport (VfB Gießen, an dessen Unterstützung niemand mehr Interesse hat, weil die Eventgesellschaft dort nicht hingeht). Diese geht zu Länderspielen. Die Nationalmannschaft besonders in Deutschland wird als Eventsport vermarktet und hat ein ganz anderes Publikum als die Bundesliga. Wie kann man bitte dort die Seele des Fußballs vermuten, also den wahren Sport? Man gehe einfach samstags oder sonntags einmal zum VfB Gießen, dort spielen gerade 11 bis 14 junge Menschen – natürlich auch nicht für Gotteslohn – hoch engagiert weit über ihre Verhältnisse. Die Gesellschaft mag den Sport dort unterstützen; übrigens kann man, wenn man auch nur einmal hingeht, dort mehr für die Gesellschaft – hier vor Ort, ganz regional -  tun (weil dort engagiert Jugendarbeit betrieben wird) als bei jedem Länderspiel.

 

Lagerfeuer ist aber ein höchst angemessener Begriff. Also nichts, was man ernst nehmen könnte. Die Menschen, die Wochenende für Wochenende zur Eintracht nach Frankfurt, zum FC nach Köln oder nach Kaiserslautern gehen, die wenigen beim VfB Gießen, die nehmen das ernst, für viele von ihnen ist der Vereinsfußball kein unverbindliches Event (Party machen sagen die jungen Leute, die zum Public Viewing gehen), sondern zuweilen, das geht vielleicht auch zu weit, Lebensmittelpunkt und – inhalt. Dort sind die wirklichen Sportfreunde, beim Nationalfußball sind genau die, die die Politik dort haben will und am liebsten auch beim Bundesligafußball: die Arrivierten, Erfolgreichen, Leistungsträger (oder eben die unverbindlichen Partymacher). Damit aber macht man auf Sicht die Seele des Fußballs kaputt. Denn: die Vermarkter und Ökonomisierer hätten doch am liebsten den „Fan“, der nur stört, aus den Stadien verbannt. Es geht in dieser Ökonomie ganz gut auch ohne engagiertes Publikum. Party feiern in großer Beliebigkeit des Gegenstandes ist der Wirtschaft zukömmlicher. (Dr. Hans-Ulrich Hauschild/Gießen)

 

 

 

 

Baumhausbeichte - Novelle