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Montagsthemen (vom 18. November)

Subotic, Schweinsteiger, Khedira – hat die üble Serie einen nachvollziehbaren Grund? Gehorcht sie einem geheimen Gesetz, das man entschlüsseln kann, um dann die vierte, fünfte, sechste schwere Verletzung zu verhindern? Wer glaubt, den Schlüssel gefunden zu haben, gleicht Zockern, die das Gesetz der Serie überlisten wollen, obwohl es dieses nicht gibt, sondern nur den Zufall.
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Wenn beim Roulett zehn Mal Rot kommt, dann eben auch zum elften Mal. Oder nicht. Dann fällt die Kugel auf Schwarz. Wahrscheinlichkeit in beiden Fällen: 50 Prozent (für Kenner: minus farblose Zero, die Gewinngarantie der Bank).
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Dumm gelaufen also. Besonders dumm bei den Kreuzbändern von Subotic und Khedira, denn sie rissen nicht durch ein Foul des Gegners, sondern bei einer eigenen, etwas unbeholfenen Aktion. »Üwwerzwersch«, sagen wir Hessen dazu, oder »dappisch«. Was die sportliche Tragik nicht mindert, sondern verstärkt.
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Dennoch deutet sich im modernen, laufintensiven Fußball mit seinen Pressings und Gegenpressings eine fatale Konstante an: Wer vom zwanzigsten bis dreißigsten Lebensjahr ununterbrochen Fußball auf intensivstem Niveau spielt, wird in seinem fünfzigsten Lebensjahr nicht mehr schmerzfrei gehen können.
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Es gibt aber auch die Theorie, fast jede Verletzung im Fußball sei psychisch bedingt: Wer mit sich im Reinen ist, lautet sie, verletzt sich nicht. Als leuchtendes Beispiel galt Beckenbauer, der mit sich selbst derart im Reinen war, dass er elegant über allen Blutgrätschen schwebte und sich zudem keine selbstgefährdenden Fehltritte erlaubte.
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Selbst wenn diese Theorie stimmen sollte, hilft sie niemandem weiter, denn wie unnachahmlich der »Kaiser« mit sich im Reinen und wes Geistes Kind er ist, demonstriert er immer wieder gerne und unaufgefordert, zuletzt in den Fällen Hoeneß (Beckenbauers Expertise, zusammengefasst: Jo mei, lasst’s ihn doch zufrieden) und Katar (dort hat er »keinen in Ketten« gesehen).
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Wes Geistes Kind? Spötter antworten mit der Gegenfrage: Wes Geistes? Aber auch über diesen bösen Geistern schwebt er kaiserlich souverän, und wenn man jetzt hört, dass Beckenbauer in einem Video auf Englisch erklärt, die Welt werde von Außerirdischen bedroht, Rettung sei nur durch den Sieg über die Aliens in einem Fußballspiel möglich, er selbst werde die Weltauswahl trainieren und die Überlebensparole sei: »We have no choice. We have to win« – ja, dann liebt man den »Kaiser« wieder für seine durchaus auch selbstironische Wurschtigkeit. Typisch Beckenbauer auch: Er verdient viel Geld damit, denn das Video gehört zur Werbeaktion eines Handy-Herstellers für die WM in Brasilien.
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»We have no choice. We have to win«, das ist auch deutsche Allgemeinüberzeugung in Sachen Fußball-WM. Die Nationalmannschaft bleibt nun mal unser liebstes Kind, sie ist »das letzte Lagerfeuer der Nation«, was die EBS-Universität in Oestrich-Winkel fein säuberlich herausgewissenschaftelt und damit willige Schlagzeilenhelfer gefunden hat.
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Was also auch schon bis in den letzten Oestrich-Winkel vorgedrungen ist … sorry, Namenskalauer sind tabu, also noch einmal von vorne und diesmal ernsthaft: Warum ist die Nationalmannschaft unser liebstes Kind, war es selbst in Rumpelfußball-Zeiten? Meine Vermutung: Weil in der Ware-Sport-Welt des Fußballs der wahre Sport noch am ehesten in Nationalmannschaften eine Nische findet. Dort muss man versuchen, seine – durch Staatsbürgerschaft – vorhandene Leistung aus eigener Kraft zu verbessern, während man sich diese im Vereinsfußball hinzukauft.
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Wie wäre es denn, wenn man das Nationalelf-Prinzip auf die Vereine übertragen würde? Zum Beispiel, wenn Fußballer nur für den Klub spielen dürften, für den sie bis zu ihrem 20. Lebensjahr die meisten Spiele absolviert haben? Wer würde die Champions League gewinnen? Etwa Freiburg? Nein, wahrscheinlich, falls nicht Barcelona (Messi, Xavi, Iniesta), dann doch jener Klub, der mit Schweinsteiger, Lahm, Müller, Badstuber, Contento und Alaba antreten könnte.
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Überhaupt, nach einem Blick über den Zaun erübrigt sich Kritik an der Ware Sport. Bei Christie’s in New York wurde vor ein paar Tagen ein Werk von Jeff Koons für 58,4 Millionen Dollar versteigert. Das teure Kunst-Stück heißt »Balloon Dog« und ist die größere Version der zu Hundefiguren verknoteten Luftballons, die uns Straßenkünstler für ein paar Groschen verkaufen.
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Man kann also auch aus Hundescheiße Geld machen, Millionen sogar, und im Vergleich dazu haben sich ein Ronaldo, ein Ibrahimovic weit unter Wert verkauft. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle