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Sport-Stammtisch (vom 16. November)

Zwischen den beiden bayerischen Volksentscheiden spielte die deutsche Nationalmannschaft gestern in Mailand Fußball, aber das ist heute nicht unser Thema. Auch die Augenwischerei von Hoeneß nicht, mit der er Tränen und den einzig wichtigen Entscheid (Aufsichtsrat) wegwischte. Aber Sinn und Unsinn von Volksentscheiden, darüber sollten wir reden, da sie der Preis für die Große Koalition sein könnten.
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Bei Volksentscheiden gewinnen fast immer die Wutbürger, weil die Wut sie in die Wahllokale treibt. Andere bleiben eher zu Hause. Da ich zu den entschiedenen Gegnern des immer monströseren Gigantismus von Winterspielen gehöre, zumal in den schon genug geschundenen Alpen, bin ich natürlich dennoch ein Freund der Volksabstimmung. Dieser einen jedenfalls. Auch das Bayern-Volk möge seinen Uli mit einer Quote bestätigen, von der Sigmar Gabriel nur träumen kann. Aber man denke bloß, vor der Abstimmung über die Todesstrafe macht ein besonders schreckliches Verbrechen Schlagzeilen …
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Ein Garmischer Bürger hat sich die Wut über den »Sportunfug der Olympiade und derartigem Schwindel« von der Seele geschrieben und erhebt »dagegen Einspruch«, denn sein »Portemonnaie ist genügend belastet durch Staatssteuern für Faulenzerunterstützungen, soziale Fürsorge genannt«. Rumms! Das sitzt. Datum des Briefes allerdings: 1. Februar 1933. Der Verfasser ist nicht als Wutbürger, sondern als »Rosenkavalier« bekannt: Richard Strauss (1864 – 1949). Der war allerdings nicht nur wütend, sondern auch wetterwendisch, denn ein Jahr später komponierte er die Hymne für den Sportunfug und Schwindel von 1936.
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Ruhmsucht frisst Gewissen auf. Bei Strauss jedoch nicht ganz, denn an Stefan Zweig schrieb er selbstsarkastisch: »Ich vertreibe mir in der Adventslangeweile die Zeit damit, eine Olympiahymne für die Proleten zu komponieren, ich, der ausgesprochene Feind und Verächter des Sports.«
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Olympia 1936 war ein großer Nazi-Propagandaerfolg, von Progromstimmung spürte das Ausland noch nichts. Apropos: Was ist ein Progrom?, fragt sich und mich ein Leser, der in gegenseitigen Einverständnis ungenannt bleibt. »Sie sind für mich so schlau, ich bin so dumm«, er habe das »Wort im Duden gesucht, in meinen Lexika, überall: Fehlanzeige. Weshalb finde ich nichts?«
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Weia, denke ich, der Leser hat mich ertappt, »Progrom« geschrieben zu haben (wie zwei Mal hintereinander oben, haben Sie’s gemerkt?) statt Pogrom. Ich schreibe ihm: »Gerne lasse ich mich veralbern, vor allem, wenn ich ›schlauer‹ Mensch blöde Fehler mache. Aber habe ich irgendwann einmal ›Progrom‹ geschrieben? Wenn Sie mir den Fehler mailen, stelle ich ihn bzw. mich gerne bloß.« – Prompt kommt die Antwort: »Ich habe nicht geschrieben, dass Sie das Wort Progrom nutzen, ich habe lediglich nachgefragt, ob Sie wissen, wo das Wort erklärt wird. Die Frage ist und war echt. Oh, hätte ich den so viel Wissenden nicht gefragt.« – Jetzt fällt bei mir der Groschen: »Da hab ich Sie gründlich missverstanden: ›Progrom‹ statt Pogrom ist ein häufiger Schreibfehler, und ich dachte, er sei auch mir unterlaufen, was Sie aufgespießt hätten. ›Progrom‹ werden Sie also in keinem Lexikon finden. Tut mir leid, dass wir uns missverstanden haben.«
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Oje. Der arme Leser. Seine Antwort: »Ich entschuldige mich, werde das Buchstabieren nachholen. Ein Pisa-geschädigter grüßt mit Dank für die Nachhilfe.« Und schreibt mit viel Selbstironie zwei schöne Gedichte zum überzähligen »r« im Pogrom, nachzulesen in der »Mailbox« des gw-Blogs »Sport, Gott & die Welt«.
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Im Redaktionsarchiv gestöbert. In unserer Zeitung standen bislang 743 Pogrome und nur acht Progrome, keiner davon, uff!, von mir.
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Noch an Pogrom/Progrom denkend, erblicke ich im Fernseher jenen Holländer, der mit der Tochter eines ebenso rechtsextremen Franzosen ein Gesinnungsbündnis schließt. Wie sieht DER denn aus? Das dachte wohl auch der Autor dieser Beschreibung: »Die Zuhälterfrisur; die Talmieleganz; (…) die Faszination gerade des ganzen Widerlichen, Pfuhlhaften, triefend Eklen – wenn es auf die Spitze getrieben wird.«
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Nein, nicht der ehrenwerte Mijnheer Wilders ist gemeint. Sebastian Haffner beschrieb in seiner »Geschichte eines Deutschen« bereits 1939 einen gewissen Adolf H. Aber das ist ein ganz anderes Thema und hat … Sie wissen schon.  (gw)

Baumhausbeichte - Novelle