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Freitag, 15. November, 16.10 Uhr

Der “Sport-Stammtisch ist schon geschrieben, gleich hieve ich ihn rüber in die “gw-Beiträge Anstoß”. Vorher aber stelle ich die erste Fassung in den Blog. Sie zu schreiben, hat ungefähr so lange gedauert, wie die erste Fassung zur zweiten zusammenzukürzen, damit sie in das Layout passt, das ich mir selbst vorgegeben hatte. Normalerweise, wenn ich so viel mehr schreibe als beabsichtigt, dränge ich in der Redaktion mit der Autorität des alten Chefs auf mehr Platz (eine Autorität, an die alte Chefs glauben, ich tue nur im Fall der Fälle so und weiß, dass die Jungs in der Redaktion mit den Augen rollen und über den alten Zausel lästern, ihm jedoch letztlich und gnädig den Gefallen tun). Wegen des Italien-Spiels wollte ich dem Seitenmacher aber nicht auf die Nerven gehen und kürzte, kürzte, kürzte. Was meistens dem Text sogar guttut, dem eigenen und auch dem fremden, der in Redaktionen gekürzt wird (das nur an die Adresse manches “Freien”, der Zeilengeld schinden will). Ob das Kürzen auch meinem Text gutgetan hat, kann der dem Vergleich geneigte Leser nun selbst beurteilen. Es folgt die erste, die Langfassung:

 

 

Zwischen den beiden bayerischen Volksentscheiden, dem drastisch gescheiterten und dem angekündigten, den Uli Hoeneß triumphal gewinnen wird, spielte die deutsche Nationalmannschaft gestern in Mailand Fußball, aber das ist heute nicht unser Thema. Auch die Augenwischerei von Hoeneß nicht, mit der er Tränen und den einzig wichtigen Entscheid (Aufsichtsrat) wegwischte. Aber Sinn und Unsinn von Volksentscheiden, darüber sollten wir reden, da die Olympia-Abfuhr und die Ankündigung des Bayern-Präsidenten nur vorwegnehmen, was SPD und CSU der CDU als Preis für die Große Koalition aufs und vielleicht ins Auge drücken werden.
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Bei Volksentscheiden gewinnen fast immer die Wutbürger, weil die Wut sie in die Wahllokale treibt. Andere, die bedächtiger abwägen, die keine ganz feste Meinung haben, bleiben eher zu Hause. Da ich zu den entschiedenen Gegnern des immer monströseren Gigantismus von Olympischen Winterspielen gehöre, zumal in den schon genug geschundenen Alpen, bin ich natürlich dennoch ein Freund der Volksabstimmung. Dieser einen jedenfalls.
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Auch das Bayern-Volk möge seinen Uli mit einer Quote im Amt bestätigen, von der Sigmar Gabriel nur träumen kann. Vielleicht aber sollten echte Volksentscheide, wenn sie denn kommen, mit Wahlpflicht verknüpft werden, – man stelle sich bloß vor, eine Woche vor der Abstimmung über die Todesstrafe macht ein besonders schreckliches Verbrechen Schlagzeilen …
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Viel war von den Knebelverträgen des IOC die Rede. Doch gegen die Folterverträge der FIFA für WM-Veranstalter wirken sie wie Gummidaumenschräubchen für Sado-Maso-Spielereien im Swinger-Klub (gibt’s das da? Wär’ fies genug). WM 2006 und Olympia 2012 waren dennoch große Erfolge und erfreuten auch das jeweilige Volk. Großveranstaltungen kann man also auch außerhalb von Sotschi oder Katar über die Bühne bringen, sogar anständig. Auch wieder in Deutschland, irgendwann. Müssen ja nicht unbedingt Winterspiele in den Alpen sein.
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Ein Garmischer Bürger hat sich die Wut über den »Sportunfug der Olympiade und derartigem Schwindel« von der Seele geschrieben und erhebt »dagegen Einspruch«, denn sein »Portemonnaie ist genügend belastet durch Staatssteuern für Faulenzerunterstützungen, soziale Fürsorge genannt«.
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Rumms! Das sitzt. Oje! Dagegen kommt keine »OJa!«-Kampagne an. Datum des Briefes allerdings: 1. Februar 1933. Der Verfasser ist nicht als Wutbürger, sondern als »Rosenkavalier« bekannt: Richard Strauss (1864 – 1949). Der war allerdings nicht nur wütend, sondern auch wetterwendisch, denn ein Jahr später komponierte er die Hymne für den Sportunfug und Schwindel von Olympia 1936.
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Ruhmsucht frisst Gewissen auf. Bei Strauss jedoch nicht ganz, denn an Stefan Zweig schrieb er selbstsarkastisch: »Ich vertreibe mir in der Adventslangeweile die Zeit damit, eine Olympiahymne für die Proleten zu komponieren, ich, der ausgesprochene Feind und Verächter des Sports.«
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Olympia 1936 war ein großer Nazi-Propagandaerfolg, von Progromstimmung spürte das Ausland nichts. Das änderte sich spätestens in der als »Kristallnacht« bekannten Progromnacht vom 9. auf den 10. November 1938, an die in diesen Tagen erinnert wurde.
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Was ist ein Progrom?, fragt sich und mich ein Leser, der in unserem gegenseitigen Einverständnis ungenannt bleibt. »Sie sind für mich so schlau, ich bin so dumm«, er habe das »Wort, das in aller Munde ist, zumindest in dieser Jahreszeit, im Duden gesucht, in meinen Lexika, in Herkunftswörterbüchern, überall: Fehlanzeige. Weshalb finde ich nichts? Haben Sie bessere Lexika?«
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Weia, denke ich, der Leser hat mich dabei ertappt, »Progrom« geschrieben zu haben (wie drei Mal hintereinander oben, haben Sie’s gemerkt?) statt Pogrom. Ich schreibe ihm: »Gerne lasse ich mich veralbern, vor allem, wenn ich ›schlauer‹ Mensch blöde Fehler mache. Aber habe ich irgendwann einmal ›Progrom‹ geschrieben? Ich finde nichts. Wenn Sie mir den Fehler mailen, stelle ich ihn bzw. mich gerne bloß.« – Prompt kommt die Antwort: »Ich habe nicht geschrieben, dass Sie das Wort Progrom nutzen, ich habe lediglich nachgefragt, ob Sie wissen, wo das Wort erklärt wird. Die Frage ist und war echt. Keine Veralberung! Keine Bloßstellung! Oh, hätte ich den so viel Wissenden nicht gefragt.«
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Jetzt erst fällt bei mir der Groschen und ich maile zurück: »Da hab ich Sie gründlich missverstanden: ›Progrom‹ statt Pogrom zu schreiben, ist ein häufiger Schreibfehler, und ich dachte, er sei auch mir irgendwann unterlaufen, was Sie gemerkt und humorvoll aufgespießt hätten. ›Progrom‹ werden Sie also in keinem Lexikon finden. Tut mir leid, dass wir uns missverstanden haben.«
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Oje. Der arme Leser. Seine Antwort: » Ich entschuldige mich, werde das Buchstabieren nachholen. Ein Pisa-geschädigter grüßt mit Dank für die Nachhilfe.« Und schreibt mit viel Humor und Selbstironie zwei schöne Gedichte zum überzähligen »r« im Pogrom, nachzulesen in der »Mailbox« des gw-Blogs »Sport, Gott & die Welt«.
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Im Redaktionsarchiv gestöbert. In unserer Zeitung standen bislang 743 Pogrome und nur acht Progrome, keiner davon, uff!, von mir.
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Noch an Pogrom/Progrom denkend, erblicke ich im Fernseher jenen Holländer, der mit der Tochter eines ebenso rechtsextremen Franzosen ein Gesinnungsbündnis schließt. Wie sieht DER denn aus? Das dachte wohl auch der Autor dieser Beschreibung: »Die Zuhälterfrisur; die Talmieleganz; (…) die Faszination gerade des ganzen Widerlichen, Pfuhlhaften, triefend Eklen – wenn es auf die Spitze getrieben wird.«
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Nein, nicht der ehrenwerte Mijnheer Wilders ist gemeint. Der frappierend hellsichtige Sebastian Haffner beschrieb in seiner »Geschichte eines Deutschen« bereits im Jahr 1939 einen gewissen Adolf H. Aber das ist ein ganz anderes Thema und hat … Sie wissen schon.  (gw)

Baumhausbeichte - Novelle