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Mittwoch, 13. November, 9.35 Uhr

Nach dem Mail-Dialog von gestern fiel mir ein anderer ein, ein sehr viel anderer, er ist eine knappe Woche alt:

Hallo Gerd,
      als ehemaliger Vereinskollege im USC Heidelberg bleibe ich einfach mal bei der vertrauten Anrede, kennengelernt haben wir uns 1968 bei einem Vergleichswettkampf der Uni Kiel gegen die Uni Gießen,       bei dem wir beide im Kugelstoßen angetreten sind, Du hattest meiner Erinnerung nach etwa 14 – 15 m gestoßen, ich knapp über 13 m.  Einige Jahre später waren wir beide im USC HD, Du immer noch       mit der Kugel aktiv, ich war zum Zehnkampf gewechselt, habe das aber immer nur nachgeordnet zum Chemie-Studium als Hobby  betrieben. Soweit zur Vorgeschichte.
       
      Seit einiger Zeit lese ich zumeist mit Vergnügen hin und wieder       Deinen Blog Sport – Gott und die Welt. Dein Eintrag vom letzten       Freitag (1. November) zu der Diskussion mit 14- 15-Jährigen       Schülern zum Thema Doping und Nebenwirkungen hat allerdings       leichtes Entsetzen bei mir ausgelöst. Deshalb diese spontane mail.
       
      14- 15-Jährige Schüler werden sich heute sicher auch im Internet       über Doping und seine möglichen Nebenwirkungen informieren und       dort auch die bekannten und leicht sichtbaren Nebenwirkungen von z       Bsp Dianabol finden. Dennoch verneinst Du, dass es sichtbare       Veränderungen nach Dianaboleinnahme gibt. Warum?
       
      Es war doch beim USC ein offenes Geheimnis, dass G. (…) während seiner Doping-Kuren immer heftige Akne-Ausschläge       bekam und unkontrollierbar aggressiv wurde. Wir haben als       Hobby-Sportler hier manchen Anfall im Kraftraum erleiden müssen.       Vielleicht erinnerst Du Dich auch noch an ein Sportfest in       Innsbruck, wo wir mit einer großen USC-Truppe angereist waren und       übernachtet haben. Du warst mit G. in einem Zimmer, welches       er nachts randalierend auseinandergenommen hat. Nur die Zusage der       Delegationsleitung für eine großzügige Kostenübernahme hat den       Hotelwirt davon abgehalten, die Polizei einzuschalten.
       
      Neben der Akne und der Aggressivität führt Dianabol       zu Wassereinlagerungen im Gewebe, so dass der Körper straff aber       aufgeschwemmt aussieht.  Reichenbach war, wenn er zu Lehrgängen bei       W. Heger in HD weilte, doch für alle ein anschauliches Beispiel       für diesen Effekt. Ich halte es für einen großen Fehler, die       Problematik der Nebenwirkung von Doping herunter zu spielen und zu       verharmlosen. Schließlich haben die Erkenntnisse der       Nebenwirkungen mit dazu beigetragen, Doping zu verbieten.
       
      Auch wenn ich es für falsch halte, kann ich nachvollziehen, dass       Du aus Rücksichtnahme auf R. Reichenbach, seinen frühzeitigen Tod       den Schülern gegenüber nicht als Folge übermäßiger       Medikamenteneinnahme beschreibst. In „Sport-Leben“ hast Du ihn       noch zutreffend als Drogen-Junkie beschrieben, der extreme Mengen       Anabolika konsumiert hat („… weitere gefährliche Mittel, die er       mir genau beschreibt, … Dutzende von Medikamenten …“). Du       schreibst darin : „Dass wir in Berlin einen Selbstmörder begraben,       weiß ich nun sicher.“ Statt der Viren nennst Du einen anderen       Auslöser für das Herzversagen: „Jan ist der erste deutsche       Viagra-Tote.“
       
      Ich habe in den 1960er Jahren als Jugendlicher bei Erich Beyer in       Kiel trainiert. Sein hammerwerfender Sohn Uwe war uns allen damals       ein großes Vorbild. Uwe Beyer hat sich nach dem Medaillengewinn in       Tokio als Schauspieler versucht und dafür seinen Körper mit       Bodybuilding getrimmt. Auch er ist mit Mitte vierzig an       Herzversagen gestorben. Zufall?
       
      Gerade weil Du aus eigener Erfahrung über Doping und seine Folgen       berichten kannst, wäre es glaubwürdiger, die Nebenwirkungen       gerade gegenüber Jugendlichen nicht zu verharmlosen. Denk noch mal       darüber nach und nehme mir meinen spontanen Kommentar nicht übel.

Meine Antwort:

Deinen Kommentar nehme ich Dir weder übel, noch verharmlose ich     Nebenwirkungen von Doping. Den Schülern habe ich in der Kürze     ehrlich geantwortet, im Blog aber auch geschrieben, dass ich damit     meine Probleme habe, da das Thema zu komplex ist. Zu G.: Er war     mein Schul- und Vereinsfreund, seine manchmal     explodierende Aggressivität kannte ich, lange bevor er das erste Mal     Anabolika einnahm. Ich selbst hatte weder Akne-Ausschläge, noch     wurde ich unkontrollierbar aggressiv. Im Gegenteil, ich wurde leider     überhaupt nicht aggressiv (was in Explosiv-Übungen wie dem     Kugelstoßen von großem Nachteil ist), ob mit oder ohne Anabolika.     Ich kenne auch die Aggressions-Berichte über Bodybuilder, habe aber     immer vermutet, dass diese Aggressionen nichts mit Anabolika zu tun     haben, sondern mit der Sozialisation vieler Bodybuilder und mit der     Vor-Wettkampfphase, in der sie extreme Diät halten.
Natürlich sind Anabolika schädlich, vor allem in hoher Dosierung, am     schlimmsten bei jungen Frauen. Aber meine Einstellung, als     gebranntes Kind, war immer und bleibt: Die meisten (männlichen)     Menschen nehmen mehr Gesundheitsrisiken in Kauf (mit dem Rauchen     angefangen) als Sportler, die von Ärzten kontrolliert dopen, und im     Sport gibt es gesundheitsriskantere, aber erlaubte Methoden, die     Leistung zu steigern. Das Schlimme am Doping, neben der     Regelverletzung, ist aber, dass man sich selbst betrügt und dass     man, wenn man stolz auf sich sein will, eben einfach nicht dopt.     Nicht zu dopen ist also Ehrensache und nicht     Kosten-Nutzen-Kalkulation. Ich glaube auch, dass junge Leute eher an     der Ehre zu packen sind als mit Gesundheitswarnungen.
Ich bin nicht überzeugt, mit meiner Meinung richtig zu liegen, aber     es ist halt meine Meinung.

Baumhausbeichte - Novelle