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Lasogga macht bumm (Anstoß vom 14. November)

Es ist schon ein Weilchen her, dass Trini Lopez mit dem alten mexikanischen Volkslied »La Bamba« einen Welthit landete. Fast fünfzig Jahre danach kommt endlich eine hitverdächtige deutsche Version auf den Markt, eine Hymne auf den HSV-Torjäger Pierre-Michel Lasogga. »La-la-la-la Lasogga / er haut sie alle vom Hocker / er macht sie rein / Wie der kickt, das ist klasse / er rockt die Masse.«
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Ja, wirklich. Allerdings singt nicht Lasogga selbst, sondern Dennis Kaupp vom NDR, seines Zeichens Moderator, Sänger (zum Beispiel von »Putin Kampfschlumpf«) und Texter, ein »Grimme«-Preisträger sogar, der auch schon für das Magazin »Panorama« gearbeitet hat. Kein Wunder, dass Lasogga den Song »stark« findet und auf Facebook stolz postet: »Ich hoffe, ihr auch.«
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Na ja. Noch ist Lasogga nur ein ganz Kleiner im Vergleich zu den Größen seiner Zunft, und die haben noch selbst gesungen, von Petar Radenkovic (»Bin i Radi, bin i König«) bis Franz Beckenbauer (»Du allein«). Gegen Gerd Müller ist Lasogga sogar noch nicht mal ein Bömberchen, denn der Hitparaden-Kracher des echten »Bombers« ist und bleibt die größte Nummer im Fußball-Gesangsmetier.
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»Dann macht es bumm«, nie zuvor und nie danach hat man einen wie Gerd Müller gehört, der gnadenlos auf einem einzigen Ton einen Text von selten erlebter philosophischer und fußballfachlicher Tiefe brummelte. Er verdient es, der Nachwelt, insbesondere Lasogga, überliefert zu werden.
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Zunächst beschreibt Gerd Müller die allsamstägliche Stimmung: »Jeden Samstagnachmittag, ja da ist was los / Immer wieder ist die Spannung riesengroß / Alle wollen Tore sehn, das ist sonnenklar / Wenn es klappt dann ist es wunderbar / (Alle rufen laut im Chor: Müller vor! Müller vor!)«
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Schon sind wir so richtig in Fußball-Stimmung, aber da gibt uns der Bomber eine kleine Nuss zu knacken: »Ich pass auf und im Moment bin ich darin fremd.« Klingt tiefsinnig, so Richtung Surrealismus. Aber nun kommt Müllers vorsokratisch philosophischer Schwenk: »Alle passen schrecklich auf, Tore sind das Ziel / Ja so ist es immer neu bei jedem Spiel.« Der Gerd kennt seinen Heraklit! Von wegen Fußball sei immer gleich – denen, die in dieselben Flüsse steigen, fließt immerzu anderes Wasser entgegen, und jene, die ins selbe Stadion gehen, sehen immer andere Tore – heute manchmal von Lasogga, früher unvergleichlich oft von Gerd Müller, der sogar großherzig genug war, sein Erfolgsrezept zu verraten.
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Aber nicht, ohne zuvor noch schnell einen der geschmeidigsten, originellsten Reime der Poesiegeschichte einzustreuen: »Einmal kommt die Flanke rein, ich komm angezischt / Und schon habe ich den Ball erwischt.« Angezischt/Ball erwischt. Von Goethe bis Gernhardt erblassen alle Dichterkollegen vor Neid.
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Doch nun Müllers Trick aller Tricks, der nicht brotlose Kunst ist, sondern das Sein im Seienden des Fußballs: »Und im nächsten Augenblick klappt’s mit meinem Trick: / Dann macht es bumm, ja und dann kracht’s / Und alle schrei’n: Der Müller macht’s! / Dann macht es bumm, dann gibt’s ein Tor / Und alles schreit dann: Müller vor!«
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Nun weiß Lasogga, was ihm noch alles fehlt. Mindestens tausend Tore und ein Lied. Ein von ihm selbst gesungenes, ein Hit wie der des »Bombers«, mit einem ebenso tiefschürfenden, beziehungsreichen Torjäger-Text. Vielleicht bedient er sich ja wieder bei Trini Lopez. Dessen Welterfolg müsste man nicht mal übersetzen, den versteht jeder Torjäger, vor allem in einer Schaffenskrise: »If I Had a Hammer.« (gw)

Baumhausbeichte - Novelle