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Dienstag, 12. November, 17.40 Uhr

In die Mailbox zum Blog kommen nur vorsortierte Leserbriefe. Die Kommentarfunktion zum Blog bleibt ausgeschaltet, weil ich vermeiden möchte, dass Zufallsleser rumpöbeln oder -lallen, wie ich es in anderen Internet-Angeboten lese bzw. nicht lese, denn ich klicke dann sofort weg, weil es auf mich ähnlich unangenehm wirkt, wie wenn ich eine Klotür öffne, die jemand vergessen hat zu verriegeln. Die Mails, die zum Blog kommen, sind zum Glück durchweg auf einem Niveau, auf das ich stolz bin. Auch bei Kritik, wie zuletzt bei Klaus M. Jacobi (siehe “Mailbox”). Ich schrieb ihm zurück:

Stimmt, das war überpolemisch. Ich habe gezögert, es so stehen zu lassen, habe es dann aber doch getan. Ich stehe dazu, muss mir aber Vorwürfe gefallen lassen. Beschwert hat sich bisher außer Ihnen niemand, aber das ist kein Kriterium. Sehen Sie es bitte als wenig einfühlsamen Ausrutscher.

Eine kleine Gruppe ständiger Zeitungs- und/oder Blog-Leser schreibt regelmäßig, mancher fast täglich, oft nur zu meiner Kenntnis und mit Anregungen, was mir oft weiterhilft. In die “Mailbox” stelle ich aber nicht alle diese Mails, damit die Vielfalt bleibt. Der eine und andere verzichtet von vornherein auf Veröffentlichung, was oft schade ist, da die Beiträge meist sehr substantiell und tiefschürfend sind.

So, das nur grundsätzlich. Denn manchmal kommt es auch zu einem Mail-Dialog wie dem folgenden, nach dem beide sich darauf einigten, ihn zwar auszugsweise zu veröffentlichen, aber ohne Namensnennung. Warum? Um was es geht? Das vorab zu erklären, würde Ihnen etwas vom Spaß an diesem Dialog rauben:

 

Leser:

Sie sind für mich so schlau, ich bin so dumm. Ich habe ein Wort, das in aller Munde ist, zumindest in dieser Jahreszeit im Duden gesucht, in meinen Lexika, in Herkunftswörterbüchern, überall: Fehlanzeige. Bitte schalten Sie jetzt erst einmal den Computer aus, zumindest Google oder Wikipedia. In welchem Nachschlagewerk finden Sie das Wort Progrom, das in neueren historischen Arbeiten bis zur »grauen Vorzeit«, also bis etwa 1000 n. Chr. zitiert wird. Meine Frage: Weshalb finde ich nichts? Haben Sie bessere Lexika? Welche Begründung können Sie sich denken? In Wikipedia finden Sie, wie ich auch, eine vernünftige Erklärung des Wortes. Nichts für ungut am heiligen Sonntag

gw:

Gerne lasse ich mich veralbern, vor allem, wenn ich »schlauer« Mensch blöde Fehler mache. Aber habe ich irgendwann einmal »Progrom« geschrieben? Ich finde nichts. Wenn Sie mir den Fehler mailen, stelle ich ihn bzw. mich gerne bloß.

Leser:

Ich habe nicht geschrieben, dass Sie das Wort Progrom nutzen, ich habe lediglich nachgefragt, ob Sie wissen, wo das Wort erklärt wird außer bei Wikipedia, unserem neuen Universallexikon. Die Frage ist und war echt. Keine Veralberung! Keine Bloßstellung! Oh, hätte ich den so viel Wissenden nicht gefragt.

gw:

Da hab ich Sie gründlich missverstanden: »Progrom« statt Pogrom zu schreiben, ist ein häufiger Schreibfehler, und ich dachte, er sei auch mir irgendwann unterlaufen, was Sie gemerkt und humorvoll aufgespießt  hätten. »Progrom« werden Sie also in keinem Lexikon finden (bei Google kommen Sie mit »Progrom« automatisch auf Pogrom). Definition für Pogrom in meinem alten Brockhaus: »Russisch ›Verwüstung‹, der, eine mit Plünderung und Gewalttaten verbundene Hetze, bes. gegen die Juden in Russland.« Tut mir leid, dass wir uns missverstanden haben. Macht aber nichts, oder?

Leser:

Ich entschuldige mich, werde das Buchstabieren nachholen. Ein Pisa-geschädigter grüßt mit Dank für die Nachhilfe.

 

Herrlich. Ich hatte eine leise Ahnung, irgendwann in grauer Vorzeit einmal von einer “Reichsprogromnacht” geschrieben zu haben, fand aber nichts in unserem und in meinem Archiv. Ich befürchtete, das Wort jetzt wieder falsch benutzt zu haben … nee, nicht wieder, ich hatte es ja nie benutzt, nur befürchtet, es benutzt zu haben. Hübscher Beifang (Hauptfang hatte ich ja zum Glück nicht) in meiner Archivsuche: In unserer Zeitung stand bisher 473 Mal “Pogrom” und immerhin acht Mal “Progrom” …

Vielleicht wird aus dem Pogrom in ferner Zukunft wirklich ein Progrom (als Wort, als Verbrechen möge es aussterben), ähnlich wie mit der Wespe, meinem Lieblingsbeispiel, die früher “Wepse” hieß, was aber schwieriger zu sprechen war als mit p/s-Umkehrung. Auch “Progrom” geht leichter über die Lippen  als “Pogrom”.

Aber damit war der Mail-Dialog noch nicht beendet. Der Leser hängte noch zwei Gedichte an – wahre Gedichte von Gedichten!

Leser-Gedicht 1

> > > Das kleine »R«

> > > > > > In Menschens Hirn lief etwas schief, > > > weil ein Wort quer zur Zunge lief. > > > Im Lexikon und Duden nicht > > > stand dieses Wort, wie’s immer Pflicht. > > > Nur ,Google‹ kennt die schwache Seite > > > des Menschen nah des Hirnes Pleite. > > > > > > Ein Freund und damit lieber Mann, > > > der richtig buchstabieren kann, > > > hilft weiter, wenn ein ,R’ zu viel > > > und Mensch verfehlt gesuchtes Ziel. > > > Das kleine ,r‹ treibt Mensch zur Scham, > > > weil’s achtlos aus dem Hirne kam. > > > Ein Menschenfreund hilft aus der Not > > > damit Mensch-Geist nicht völlig tot. > > > Kann Mensch in Zukunft sich beschützen > > > vor Fettnäpfchen und dummen Pfützen? > > > Er müht sich sehr, lernt korrekt lesen, > > > sagt Dank dem Freund, dann ist’s gewesen.

 

Leser-Gedicht 2 und Schluss:

Man merkt es schon an dem Gedicht, das mit dem ›Po‹, das mag er nicht. Davon wird heut zu viel geredet und mancher ist daran verblödet.

Ein ›Pro‹ deshalb dem Mund entweicht, fataler Fehler, wie sich zeigt. Das ›Pro‹ gekritzelt sieht gut aus und ist im Duden auch zu Haus. Das ›Grom‹ steht nirgendwo geschrieben im Nachschlagwerk, ganz nach Belieben.

›Pogrom‹ – Zerstörung – gibt es leider oft, bei Krieg und sonstwie und dann nicht ›soft‹.

 

Schlusswort des Lesers: Ich habe mich gefreut über Ihre Reaktionen.

Und ich mich über seine Mails, die Humor und Selbstironie beweisen.

 

*

Ich habe nun die schwierige Aufgabe, diesen – wie ich glaube: herrlich amüsanten – Mail-Dialog um Progrom/Pogrom so kurz und knapp zu schildern, dass er als eines von mehreren Themen in den “Sport-Stammtisch”  vom Samstag passt. Könnte sein, dass ich daran scheitere. Dann steht es aber immerhin ausführlich im Blog.

 

Baumhausbeichte - Novelle