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Sport-Stammtisch (vom 9. November)

Da wir uns immer nur mit einem Großthema gleichzeitig beschäftigen können (»One-issue-Gesellschaft«), wäre für die deutsche Empörungsritualistik ein Bischof Uli Tebartz von Bayern der Idealfall. Der steckt Fantastillionen, die er der deutschen Steuer hinterzogen hat, in seine Bistumsarena, baut dort sieben goldene Badewannen ein und begründet dies frech damit, sich gründlich reinwaschen zu müssen. Schließlich deckt dann noch ein Whistleblower, dem die Münchner »Löwen« Asyl gewährt haben, auf, dass Uli Tebartz von Bayern die NSA mit dem Abhören des Kanzlerhandys beauftragt hat, um zu erfahren, ob Merkel den wahren Grund weiß, warum Adidas-Dreyfus dem Bayern-Uli die Millionen aufs Schweizer Nummernkonto ge- und versteckt hat.
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Den Bischof Uli aber gibt es nicht, und so darf Franz-Peter Tebartz-van Elst ein Stoßgebet zum Himmel und eine Dankadresse an die Münchner Justiz richten, die ihn aus der Hauptschusslinie genommen hat. In der steht wieder der Bayern-Präsident und Aufsichtsratschef der FC Bayern München AG. Und da Uli Hoeneß nun mal polarisiert wie kein zweiter, gibt es deutschlandweit nur zwei konträre und hoch emotionale Vor-Urteile: Ab in den Knast gegen Gnade für Uli.
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Die Fakten werden dabei oft vergessen – und gerne vergessen auch die Konzernchefs im Bayern-Aufsichtsrat, was sie in der ersten Phase der Hoeneß-Affäre sprachgeregelt hatten: Solange das Gericht die Anklage der Staatsanwaltschaft nicht zulässt, bleibe Hoeneß Aufsichtsratschef. Aber wenn …
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… das Gericht die Anklage zulässt, sogar unverändert, wie jetzt geschehen? Dann zieht man schnell neue Gutachten aus der Tasche, und schon ist die erste unvorsichtige Sprachregelung vom Tisch, »Null-Toleranz-Politik« in den eigenen Konzernen hin, »Compliance« her.
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Sie lieben ihn halt, ihren Uli, und halten bedingungslos zu ihm. Die anderen hassen ihn und spielen ihm übelst mit. Da versteigt sich die »Frankfurter Rundschau« zu der Unverschämtheit, Hoeneß’ Fall mit dem eines Kinderschänders zu vergleichen, den fünf Jahre Knast erwarten, während Hoeneß »Solidaritätserklärungen seiner Aufsichtsratskollegen« erwarten, denen es »offensichtlich nicht peinlich« sei, »in einem Aufsichtsrat gemeinsam mit einem Betrüger zu sitzen, der am Präsidentenstuhl klebte wie die Wurst an der Pelle«. Alleine schon für diese miese Bösartigkeit hat die »FR« kein Mitleid für ihren eigenen Niedergang verdient.
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Auf der anderen Seite lenkt man von einer entscheidenden Frage ab, die das Gericht beantworten muss und die letztlich über Knast oder Gnade entscheiden wird: Ist die Selbstanzeige wirksam, obwohl sie erst einging, nachdem der »Stern« einen Steuerskandal um einen Prominenten aus der Fußball-Bundesliga publik gemacht hatte, der in der Schweiz Multimillionen bunkert und in dem sich Hoeneß leicht hätte erkennen können?
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Wieder auf die andere Seite: Wie kommt es, dass die strikte Schweigepflicht gebrochen wurde, die jedem der Steuerhinterziehung Verdächtigen zusteht? Wie wirkt sich diese, ja, Straftat auf den Hoeneß-Prozess aus? Wenn ja, dann nur zugunsten des Angeklagten.
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Apropos Schweigepflicht: Bekanntlich liegt München näher an Österreich als an der Bundesrepublik, daher gilt dort womöglich auch bei der Staatsanwaltschaft die Ösi-Variante. Den Unterschied macht der Strafrechts-Professor Otto Lagodny mit diesem Beispiel deutlich: »Ein Mann sagt zum Arzt: Mein Arm tut weh, seit ich meinen Chef erwürgt habe. Ein österreichischer Arzt muss das anzeigen, ein deutscher Arzt muss schweigen.« (Zitat-Quelle: »SZ«).
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Mich wundert nur, dass Hoeneß sein Amt als Aufsichtsratschef nicht offiziell ruhen lässt (und de facto weiter Chef bleibt). Bayern-Präsident kann er sowieso bleiben, das hat mit der »Compliance«-Ethik nichts zu tun, darüber entscheiden nur die FCB-Mitglieder. Der Aufsichtsratsposten interessiert keinen Fan. Urbayerische Mentalität würde sagen: Irgendeinen Nerlinger als Strohmann für den Uli finden wir, denn Hund sam mer scho!
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Wie schreibt sich »Hund sam mer« hochdeutsch? Hund Sammer? Sorry, schwacher Gag. Fazit: Wo der Hund wirklich begraben liegt, werden wir nie erfahren. Die mögliche Fundstelle habe ich oben im satirischen Textversuch versteckt.
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Satire, dachte ich auch, ist das Plakat, das mir in diesen Tagen oft begegnet und mich auf den »Almklausi« aufmerksam macht. Ein Comedian, der mit besonders albernem Namen Volksmusik veralbert? Doch dann erfahre ich, dass der »Almklausi« tatsächlich existiert. Schon lange. Angeblich recht erfolgreich. Größter Hit: »Hey kleines Luder.« Sachen gibt’s.
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Auch auf AFN gab es früher Volksmusik. Also Country. »Stickbuddy Jamboree«, nachmittags, vor der »richtigen«, der Beat-Musik. Gefiel mir  so gut wie heute die Almklausis.
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Womit ich es mir nicht nur mit Stadlmusik-Freunden, sondern auch mit Hillbilly-Fans verderbe, nur um zum AFN überleiten zu können. Den gibt’s nicht mehr, bedauerte ich kürzlich.  Veto von Michael Zeiler aus Burg-Gemünden: »Den Soldatensender AFN ›The Eagle‹ gibt es sehr wohl noch, zum Beweis statt HR 4 einfach mal 98.7 FM einstellen! Am besten sonntags den Country Countdown, mit guter Musik querbeet.«
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Höre ich HR 4? Schalte ich demnächst den Country Countdown ein? Verrat’ ich nicht. Aber etwas bekenne ich – Zustimmung zum Aufruf unseres Lesers, »in diesen neu-anti-amerikanischen Tagen« sollten wir uns »gefälligst mal erinnern, warum wir ein freies Land geworden sind und warum wir nicht alle russisch lernen mussten!«
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Genau! In transatlantischer Solidarität würde ich diese Kolumne gerne mit »dschidabbelju« zeichnen, aber in die letzte Zeile passt nur ein simples:  (gw)

Baumhausbeichte - Novelle