Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Siegen und Wiegen (Anstoß vom 7. November)

»Gibt es das sogenannte Sieger-Gen?«, stellt die »Süddeutsche Zeitung« jetzt eine alte Frage, die »Bild« schon im olympischen Jahr 2000 beantwortet hat: Ja. Nur: Wo ist es? In Sydney war es jedenfalls nicht, nicht bei den Deutschen, wie »Bild« bedauerte. Ich nahm das damals zum Anlass, Matthias Beltz zu befragen, unseren großen hessischen Entdeckungsreisenden in die menschliche Psyche: Wo können wir das deutsche Sieger-Gen finden? Antwort: »Da muss man wohl nach Siegen gehn.«
*
Na ja, in Siegen sieht man das mit dem Siegen etwas anders, manche in Siegen fühlen sich schon als Verlierer, nur weil sie in ihrem ganzen Leben nichts als das Siegerland sehn. Insofern finden dort manche erst das Sieger-Gen, wenn sie von Siegen gehn. Doch das nur am Rande. Denn mit Stolz darf ich nun verkünden, das Sieger-Gen gefunden zu haben.
*
Der renommierte Psychotherapeut Hans-Joachim Maas bringt mich auf die richtige Spur. In einem SZ-Interview mit dem Oberthema, »welche Schäden der moderne Leistungsdruck auslöst«, enthüllt er, was Höchstleister wie Großbanker, Politiker und Spitzensportler antreibt: eine narzisstische Störung.
*
Narzissmus. Selbstliebe. Der Begriff kommt von Narziss, dem selbstverliebten Jüngling der griechischen Mythologie, der oft wiederbelebt wurde, zum Beispiel von Hermann Hesse in seinem wunderbittersüßschönen Roman »Narziss und Goldmund«. Aber auch das nur am Rande.
*
Die narzisstische Störung »entsteht, wenn frühkindliche Bestätigung fehlt. Je weniger die Eltern einem Kleinkind zeigen: ›Wir lieben dich, auch wenn du vielleicht nicht alles hast, was wir uns wünschen‹, desto stärker wächst das Bedürfnis, im späteren Leben beweisen zu wollen, dass man doch gut ist«, sagt Maas. Man strebt dann »nach immer mehr, um das Minderwertigkeitsgefühl zu beschwichtigen«.
*
Und nun kommt Maas auch zum Sport: »Das tragische Schicksal ist, dass man durch seine Störung Weltmeister werden, sehr berühmt werden und sehr viel Geld verdienen kann.« Zwar »hilft es nicht, die frühe Schmach zu tilgen. Die bleibt«, warnt Maas, aber: Weltmeister! Sehr berühmt! Reich! Dafür nehmen wir die kleine narzisstische Störung, die Kränkung im Kleinkindalter, doch gerne in Kauf. Oder?
*
Wir nehmen sie nicht nur in Kauf, wir fördern sie sogar. Den wahren Grund dafür hat Maas nicht erkannt, obwohl er nahe dran ist: »In den ersten drei Jahren braucht das Kind eine Beziehungsperson, die zuverlässig da ist. Eine gute Bindung. Deshalb entsetzt mich, dass wir in ganz Deutschland jetzt DDR-Verhältnisse anstreben: eine sehr frühe Trennung von Mutter und Kind.«
*
DDR-Verhältnisse … aha! Wer war denn im Sport so viel besser als wir bundesrepublikanischen Muttersöhnchen? Siehste! Und daher bauen wir nun auch bei uns die Kitas massiv aus – zu Medaillenschmieden!
*
Und Beltz hat es gewusst. Bei Durchsicht der Mitschrift des alten Interviews fiel mir jetzt auf, dass ich die Antwort auf die Frage nach dem Sieger-Gen falsch übermittelt hatte. Beltz sagte nicht, »da muss man wohl nach Siegen gehn«, sondern: »Da muss man an die Wiegen gehn.«
*****
Nachwort 1: Damit habe ich das Sieger-Gen nicht nur gefunden, sondern sogleich wieder verloren, denn in den Genen haben wir das Siegen also nicht. Womit ich aber eine zweite große Diskussion beenden kann: Angeboren oder anerzogen? Anerzogen, alles! Starke Frauen und softe Männer von heute – nur Kita-Verpuppung. Den Mädchen haben sie die Puppen genommen und den Buben in die Wiege gelegt.
*
Nachwort 2: Um die ausufernde Albernheit in dieser Kolumne zu beenden, frage ich zum Schluss das Kind in der Wiege nach dem Sieger-Gen: »Schon wir Babys wissen, dass unsere späteren Fähigkeiten teils angeboren sind, teils anerzogen, dass für den Erfolg Lernfähigkeit eine Rolle spielt, das Elternhaus, Ehrgeiz, Ausdauer und vor allem: viel Glück. Das alles würfelt der Zufall noch bunt durcheinander. Ist doch babyeinfach.« (gw)

Baumhausbeichte - Novelle