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Montagsthemen (vom 4. November)

BVB-Boss Hans-Joachim Watzke hatte der Südtribüne am Freitag die »Choreos« verboten, als Strafe für die Randale auf Schalke. Auch der WDR holte die große Papp-Keule hervor und schlug unerbittlich zu: In der Regionalsendung »Lokalzeit« wurde die winzsekundenkurze Szene mit einer jubelnden BVB-Südtribüne herausgeschnitten, »um ein Zeichen zu setzen«.
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Ein lautes Zeichen gegen den WDR setzten Jürgen Klopp (»Scheiß-Aktion«) und Watzke (»zutiefst populistisch«), und schon parierte WDR-Intendant Tom Buhrow den wahren Mächtigen und begnadigte die Südtribüne, die nun wieder in »Lokalzeit« jubeln darf.
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Eine »Choreo«, das muss man Lesern erklären, die nicht so oft in der Fankurve stehen, ist ein Choreographie genanntes Massenspektakel, bei dem Tausende ein Stück Stoff oder ähnliches in die Höhe halten und damit eine Art gelöstes Riesenpuzzle darstellen. Die Abkürzung »Choreo« ist treffend gewählt: Klingt wie »Korea«, wo der Norden des geteilten Staates als inoffizieller »Choreo«-Weltmeister gilt.
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Als Individuum in der Masse unterzutauchen, untertauchen zu wollen, um dort zu »funktionieren«, wozu auch immer … ach was, keine Moralpredigt, lasst den Jungs ihren Spaß, wenn’s Spaß bleibt.
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»Choreo« ist als Neuwort etwas jünger als »Starkregen«, der auf die Stadien prasselte. Starkregen gibt es erst, seit Wetterberichte kachelmännisch eventisiert wurden. Werner Lamp kannte das Wort jedenfalls noch nicht. Aber wer kennt heute noch den »Jorwesservorkasterfromsesekendwesserring« von AFN Fränkfort? Lamps starkfrankfurterisches Englisch war stetiger Quell der Freude für Amis wie Hessen. – AFN. Auch den gibt es schon lange nicht mehr. Ob die auch von der NSA waren?
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NSA, da war doch noch was? Ach so, ja: Snowden, Ströbele und der letzte große Coup des alten Rotgrünen. Natürlich verkneifen sich die »Montagsthemen« jeden politischen Kommentar und beschränken sich auf Sportliches: Als dem passionierten Radler Ströbele einst vor dem Reichstag das Fahrrad geklaut wurde, inklusive selbstgenähtem braunen (!) Sattelbezug, da schwemmten Abscheu und Empörung über die schändliche Tat heilige Grundeinstellungen hinweg: Ströbele, der Hardliner gegen Videoüberwachung, wollte bei der Polizei die Video-Bänder der Überwachungskamera kontrollieren. Eine Meldung, so schön, dass sie hoffentlich stimmt, obwohl sie in der Bildzeitung stand.
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Aber nichts gegen Ströbele! »Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen …« – Wäre das Zitat nicht geschrieben, sondern O-Ton von Herbert Zimmermanns WM-Radioreportage, müssten wir Ströbele Tantiemen zahlen. Er ist der Neffe des Reporters und hält die Rechte an der Originalaufnahme. Als Kind durfte das kleine Ströbelchen seinen Onkel sogar zu Interviews mit Fritz Walter und Sepp Herberger begleiten. Wem diese Gnade widerfuhr, der muss doch ein anständiger Deutscher geworden sein!
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Sebastian Vettel ist auch ein anständiger, aber vor allem ein angenehmer Deutscher, auf den das Land stolz sein kann, und ein ganz Großer seines Sports. Meine ich, obwohl mir für Autos und Autowettrennen das Interesse-Gen fehlt. Dennoch behaupten einige, Vettel sei kein wirklich Großer. Sogar Red-Bull-Designer Adrian Newey plappert Stussiges, denn dazu gehörten »menschliche Größe oder etwas, das ich Würde nennen würde«. Würde. Würde? Würde Würde stimmen – Armer Boris!
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Vettel fehlt nichts, er hat nur ein Handicap: Red Bull.
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Zur Reichensteuer in Frankreich. Kein Sport-Thema? Doch. Ab 2014 sollen Jahresgehälter von mehr als einer Million Euro mit 75 Prozent besteuert werden. Dass ausgerechnet die französischen Fußball-Millionäre dagegen streiken, die bisher ihr Brutto netto verdienen, und aus Protest einen ganzen Spieltag ausfallen lassen wollen, erinnert in seiner anmaßenden Realitätsferne an einen gewissen Bischof an der Lahn.
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Und da wäre dann noch Fifa-Boss Sepp Blatter, der in seiner verunglückten Parodie höhnte, Ronaldo gäbe beim Friseur mehr aus als Messi. Wenn bei uns der Mindestlohn kommt und wir die Verteuerung nicht vom Trinkgeld abziehen (so was macht man nicht!) – sind wir dann nicht alle ein bisschen Ronaldo? (gw)

Baumhausbeichte - Novelle