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Sport-Stammtisch (vom 2. November)

Hintergrund beider Sporturteile der Woche: Schiedsrichter Brych durfte nicht wissen, was alle wissen, Radrennstall-Chef Holczer wollte nicht wissen, was alle wissen. Als Chef seines Betriebes ist er damit ebenso glaubwürdig wie Präsident Obama, der ja auch nicht gewusst haben will, womit seine Angestellten beschäftigt sind.
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Doch der Schumacher-Prozess interessiert mich nicht. Aus verschiedenen Gründen. Kenner der Kolumne wissen: Auch wegen der Tattoo-Gefahr.
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Ohne das Tabu-Wort nur das dazu: Das Urteil fiel, wie es fallen musste. Morgens geht die Sonne auf, abends geht sie unter, wer vorgibt, das nicht zu wissen, hat nicht nur vor Gericht ein Problem.
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Auch die Fußball-Oberen haben ihr Tabu. Das Verwunderliche am DFB-Urteil zum »Phantom-Tor« ist nicht das Urteil selbst, sondern die seltene Einigkeit seiner Kommentierer, die Entscheidung des Sportgerichts sei zwar unsportlich, aber unvermeidlich gewesen. Weil die Fifa sonst mit Sanktionen drohen würde, sogar mit dem WM-Ausschluss. Behauptet der DFB, und alle schlucken es. WM-Ausschluss! Nur das nicht! Heiliger Fußballgottseibeiuns!
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Wirklich WM-Ausschluss? Lächerlich. Damit macht sich der DFB so glaubwürdig wie Holczer und Obama zusammen. Der Verband  fürchtete nur, mit einem sportgerechten Urteil die »Tatsachenentscheidung« zu kippen und damit einer Flut von Wiederholungsspielen Vorschub zu leisten. Klar, die Gefahr bestünde vielleicht – aber nur, wenn man nicht über seinen Schatten springt und den Schiedsrichter endlich das wissen lässt, was alle wissen.
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Fifa-Boss Blatter kann sich zwar viel erlauben, selbst ungeschickte Ronaldo-Parodien, aber wenn er Deutschland von der WM ausschließt, weil der DFB Fairness im Sport der vom Weltverband verlangten Unfairness vorzieht, wäre er endgültig erledigt. Wetten, dass er nicht einmal im Traum daran denkt?!
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Kießling könnte zwar im Fall der Fälle auf die Torjägerkrone verzichten (sollte er auch; würde er wohl auch), aber verzichtet Bayer Leverkusen auf die Champions-League-Teilnahme, wenn sie durch diese drei Punkte erreicht wird? Natürlich nicht. Oder gar auf die Meisterschaft? Auf die könnten die Leverkusener nicht einmal verzichten, wenn sie es wollten.
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Und so geht alles seinen buchstäblich geregelten Gang. Im Sinne des Sports kann man nur hoffen, dass dieses Nicht-Tor am Ende der Saison keine entscheidende Rolle spielen wird.
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Regeln sind dazu da, um eingehalten zu werden. Wenn aber Einhaltung von Regeln diese ad absurdum führt, müssen sie geändert werden. Allerdings bitte nicht unbedingt à la Bubka: Der hält seit 1994 den Stabhochsprung-Weltrekord und sorgt seitdem als Vizepräsident und heimlicher Boss des Weltverbandes mit vielen erschwerenden Regeländerungen dafür, dass sein Weltrekord unangetastet bleibt.
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Noch’n Skandal. Nein, ein Skandälchen. Ein winziges, denn kaum jemand hat mitgekriegt, dass die ARD in der Nacht zum Sonntag die Liveübertragung des WM-Boxkampfs aus Atlantic City zwischen einem gewissen Karo Murat und Titelträger Bernard Hopkins nach der fünften von zwölf Runden versehentlich abbrach und stattdessen den Spielfilm »Cannonball« zeigte, der fast so viele Jahre auf dem alten Buckel hat (40) wie Hopkins (48; ja wirklich. Und Opa Bernard war und blieb Weltmeister).
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Nun kann solch eine Panne durchaus mal passieren, wenn einer auf das falsche Knöpfchen drückt und um diese Zeit im Sender prozentual noch weniger Menschen arbeiten als vor dem Fernseher minderklassiges Boxen gucken. Überhaupt bin ich ein Freund der Öffentlich-Rechtlichen, auch wenn mir das manchmal nicht geglaubt wird – in Radio und Fernsehen schalte ich jedenfalls fast nur sie ein, vor allem die kleineren Sender wie Dritte und 3Sat.
Der echte Skandal aber ist der Aufwand, den die ARD für dieses Sack-Reis-in-China-Boxen betrieb: Laut »Frankfurter Rundschau« flog ein ARD-Tross aus »Moderator, zwei Kommentatoren, einem Interviewer und eine ganze Reihe von Redakteuren« in die USA und verbrachte »ein paar launige Tage am Atlantikstrand«. Und wer bezahlt das alles? Genau!
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Immerhin bewiesen dieser Kampf und sein Gewinner, dass Boxen bei weitem nicht die gefährlichste Sportart der Welt ist. Und damit zum heiteren Teil der Kolumne, denn die Statistik hat festgestellt, dass sich beim Fußball die meisten Sportunfälle ereignen, nämlich ein Drittel von über einer Million.
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Gestutzt? Die Zahlen stimmen, die Aussagen ebenfalls, und dennoch ist diese Statistik genauso gaga wie jene andere, die ebenso schlüssig »beweist«, dass Kegeln die allergefährlichste Sportart überhaupt ist, weil bei ihr die meisten tödlichen Unfälle registriert werden. Muss ich erklären, warum beide Statistiken ebenso rechnerisch richtig wie sachlich blödsinnig sind? Nicht unseren Lesern. Oder?
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Nur geringfügig schwieriger ist diese Frage zu einer meiner Lieblings-Statistiken, nach der evangelische Pfarrerswitwen in Deutschland am ältesten (87,9 Jahre) werden, knapp gefolgt von Beamtenwitwen (85). Und hier meine Oberschlaumeierfrage: Warum werden Pfarrers- und Beamtenwitwen so viel älter als andere, zum Beispiel als Pfarrers- und Beamtenfrauen? Schon macht es klick, oder?
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Warum gibt es überhaupt so viele Beamtenwitwen? Eine weitere Statistik klärt auf: Obwohl es wie ein Widerspruch in sich klingt, kommen Arbeitsunfälle am häufigsten im öffentlichen Dienst vor. Verletzungsursache Nummer eins: Stolpern am Arbeitsplatz.
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Deshalb beugen ja so viele vor: Wer sitzt, stolpert nicht. Gefährdet damit allerdings den schönen Spitzenplatz der Beamtenwitwen. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle