Archiv für November 2013

Sport-Stammtisch (vom 30. November)

Alles hängt mit allem zusammen. Zum Saisonauftakt der Skispringer sollte es  schöne ARD-Livebilder aus Klingenthal geben. Leider ist Skispringen ein Freiluftsport und das Wetter ein oft unwilliger Komparse der Fernseh-Regie. Ein Sturm verwehte die Sprünge, der vielfach unterbrochene Wettkampf war irregulär und gesundheits-, wenn nicht sogar lebensgefährlich. Nach fünf Stunden – sogar der ARD war die Live-Lust längst vergangen – schnallten Schlierenzauer und Bardal ihre Sprunglatten ab und verließen die Schanze. Sie wurden disqualifiziert. Wer disqualifiziert die Disqualifizierer?
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Die beiden wurden für ihre Mannhaftigkeit hoch gelobt. Aber warum machten sie den gefährlichen Unsinn überhaupt so lange mit? Und wie unmannhaft waren alle die anderen? – Mannhaftigkeit? Vorsicht! Ist nicht das Wort an sich schon frauendiskriminierend? Soll ich es streichen? Nein. Ich bleibe mannhaft.
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Im Fußball hängt alles mit allem noch viel zusammener. Zu … was? Oder ist das nur die Steigerungsform von Sammer? Damit zum FC Bayern: Kontrollfreak Guardiola sucht einen Maulwurf. Wenn er ihn findet (was alle verhindern werden), will er den Verräter zu lebenslänglicher Bayern-Verbannung verurteilen.
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Weiß nur Guardiola bei den Bayern nicht, wer der Maulwurf ist? Ich glaube, so etwas nennt man eine rhetorische Frage.
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Warum setzte sich Guardiola im Gegensatz zu anderen Kollegen (wie zum Beispiel Wenger) nicht für den in Katar festgehaltenen Fußballprofi Belounis ein? Dessen schriftliche Bitte an ihn persönlich ließ Guardiola einfach abtropfen – er kenne die Fakten nicht. Hat die Fakten-Unkenntnis etwas damit zu tun, dass Guardiola für schlappe elf Millionen Euro PR für das tolle Fußball-Land Katar gemacht haben soll? So etwas nennt man, glaube ich, eine naive Frage.
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Zum richtigen Fußball. Freunde des Klopp-Stils hatten endlich wieder Freude. Phasenweise BVB vom Besten. Beide Tore: ein Traum. Der Elfmeter: klare Sache. Laut Regel müsste es in jedem Spiel fünf bis acht Elfmeter geben, bis sie es alle kapiert haben und die Hände bei sich behalten. Noch ist das Festhalten Gewohnheitsrecht, der Neapolitaner übertrieb es aber, er hielt so lange fest, dass es für drei Elfmeter gereicht hätte. Und für eine Anzeige wegen sexueller Belästigung.
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Das führt uns zum Urteil der Woche. Ein Olympiatrainer, der eine 16-jährige Schwimmerin  sexuell missbraucht haben soll, wurde freigesprochen. Urteilsbegründung: Es war Liebe, kein Missbrauch. Als ich das las, arbeitete ich am »Das war’s«-Rückblick und hatte gerade  diese »Anstoß«-Zeilen vom Februar in Arbeit: »Ein japanischer Judo-Olympiasieger ist wegen Vergewaltigung zu einer fünfjährigen Haftstrafe verurteilt worden. Er legt Berufung ein – es habe sich um einvernehmlichen Sex gehandelt. Einen Tag zuvor war Japans Judo-Nationaltrainer der Frauen zurückgetreten, weil er Athletinnen in der Olympia-Vorbereitung mit Bambusschwertern geschlagen hat.«
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Schon zu meiner Sportler-Zeit gab es Trainer, die unter vier Ohren  zugaben, dass sie mit dem »Trainingsmittel« Hörigkeit arbeiteten. Bis zum Zerfall des Real-Sozialismus galt der Aufbau eines Hörigkeits-Drucksystems insgeheim als Alternative des West-Sports, den sozialismus-immanenten Wettbewerbsvorteil des materiellen Drucks auszugleichen. Wer nicht mit Entzug der Auslandsreise oder sonstiger Privilegien drohen konnte, drohte eben mit Streicheleinheits- und Liebesentzug.
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Alte »Anstoß«-Frage zu den »vier Handicaps« von Frauen im Leistungssport: Hat die nicht hörige, nicht lesbische, normalchromosomige und nicht hormondopende Frau noch eine Chance im Spitzensport? – Lange her. Bitte nicht wieder neu diskutieren. Den Lesern, vor allem der liebsten Zielgruppe, bleibt überlassen, ob sie diese Frage als rhetorische, naive oder schlichtweg dumme auffassen.
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Richtig starke Frauen können nur durch Betrug schwach gemacht werden, siehe Nibelungenlied. Als in unserer »Wer bin ich?«-Reihe Brunhilde gesucht wurde, hatte auch Vera Fahrenholtz-Boyens die richtig Lösung, »die leider wegen eines dämlichen Tippfehlers in der Mailadresse zurückkam, was mich immer noch ärgert«. An ihre Einsendung zur aktuellen Rate-Folge hängte die Biebertalerin die alte Mail an, in der sie auch schrieb und zitierte: »Neben der Vorbereitung des zu erzwingenden Beischlafs ging es bei dem erneuten Kampf auch um Grundsätzliches: ›Weh,‹ dachte Siegfried. ›soll ich Leben hier und Leib / Von einer Maid verlieren, / so mag ein jedes Weib / In allen künftgen Zeiten / tragen Frevelmut / Dem Manne gegenüber, / die sonst wohl nimmer es tut.‹« – Also, Jungs: Wehret den Anfängen!
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Hilft uns aber alles nichts, denn schon am Anfang des Nibelungenlieds steht ein Zweizeiler über Kriemhild, der viele Quadratmeter Weltliteratur zusammenfasst: Sie wurde ein schönes Weib / wegen der viele Recken verloren ihren Leib.
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Damit haben sich schon viele Literaten und Psychoanalytiker beschäftigt. Apropos: Vera Fahrenholtz-Boyens schließt ihre Mail: »Mit immer wieder großer Freude an Ihrer Kolumne – der einzigen mir bekannten Sportkolumne zwischen Narvik und Palermo, die neben Literaten wie Kempowski auch Psychoanalytiker wie H. E. Richter zitiert.« Danke. Aber: Nur zwischen Narvik und Palermo? Europa ist mir nicht genug! (gw)

Veröffentlicht von gw am 29. November 2013 .
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Wer bin ich? (Letzte Runde 2013)

Gesehen haben mich viele, wer ich bin, weiß niemand, das ist daher nicht die Frage. Man kennt mein Bild, man weiß, wo es zu finden ist, und dieser Ort ist es, der gesucht wird.
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Das, was auf dem Bild zu sehen ist, war damals bei uns eine der beliebtesten Sportarten überhaupt – obwohl es »Sport« in Eurem Sinne noch gar nicht gab. Was die beiden Damen auf dem Bild zu tun haben, würdet Ihr heute wahrscheinlich Hilfestellung nennen. Außerdem sieht man noch ein Tier, das in meiner Disziplin eine wichtige Funktion hat.
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Noch ein Tipp: Der Ort, den Sie finden müssen, hat ein Engländer schön bunt hergerichtet, was in seiner Fachwelt ziemlich umstritten war, und obwohl mein Bild so viele Jahre auf dem Buckel hat, ist es doch … »frisch«.
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Sehr viel später kopierte mich und meinen Stil ein echter Vollprofi, der am Hofe eines Königs angestellt war und in meiner Disziplin eine Leistung vollbrachte, die noch heute zur Endkampfteilnahme bei Olympischen Spielen reichen könnte. Allerdings benutzte er ein leistungssteigerndes Hilfsmittel, das heute verboten ist. Dafür nahm er aber ein freiwilliges Handicap auf sich – zu dieser reifen Leistung kann man nur den Hut ziehen.
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Sowohl er als auch ich wussten schon früh, wie man in unserer Disziplin am weitesten kommt. Da wir beide längst vergessen waren, brüstete sich aber die Sportwissenschaft Mitte des 20. Jahrhunderts mit der »neuen« Erkenntnis, dass unser Stil biomechanisch der optimale sei. Ein deutscher Sportler führte ihn zur Verblüffung der Zuschauer und Kampfrichter vor, seine Leistung entsprach damaliger nationaler Klasse, doch die »neue« Technik wurde alsbald verboten, wegen zu großer Verletzungsgefahr. Der Name des Deutschen führt zurück zu mir, in meine Zeit, zu meinem Bild und zu dem Begriff, unter dem meine Disziplin bekannt war.
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Wie heißt der Ort, an dem ich zu finden bin? Wie der Vollprofi mit der reifen Leistung? Wie unser deutscher Epigone? Drei Fragen, für die drei Punkte zu gewinnen sind. Einsendeschluss: 20. Dezember. (gw)

Veröffentlicht von gw am 28. November 2013 .
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Mittwoch, 27. November, 9.35 Uhr

Den Jahresabschluss von “Wer bin ich?” habe ich soeben fertig geschrieben und auf die Seite gestellt – auf  das Layout der ersten Sportseite für Donnerstag, nicht auf die “gw-Beiträge Anstoß”. Das hole ich erst heute Abend nach, vielleicht erst morgen. Online-Leser sollen keinen Recherche-Zeitvorteil haben, denn wer nicht zufällig ein Aha-Erlebnis hat, wird viel nachforschen müssen. Drei Punkte können gesammelt werden, was die beiden Gesamtwertungen (Jahres- und “ewige”) noch einmal verändern dürfte.

Wir Freunde des Klopp-BVB hatten gestern endlich wieder Freude an unserer Mannschaft. Phasenweise, im zweiten Abschnitt, BVB vom Besten. Beide Tore: ein Traum. Der Elfmeter: klare Sache. Laut Regel, die meines Wissens auch kurzes Festhalten als Foul (und im Strafraum also als Elfmeter) wertet, müsste es in jedem Spiel fünf bis acht Elfmeter geben, bis sie es alle kapiert haben und die Hände bei sich behalten. Noch ist das Festhalten Gewohnheitsrecht, der Italiener übertrieb es aber, er hielt so lange fest, dass es für drei Elfmeter gereicht hätte. Und für eine Anzeige wegen sexueller Belästigung.

Hinten räumt Sokratis prima ab – dazu mein besserwisserischer Rückblick: Bei der Verpflichtung des Griechen, die keine dicken Schlagzeilen machte, frohlockte ich: Das ist genau der Typ, den die labile BVB-Abwehr braucht.

Lewandowski ist genau der Typ, den Bayern nicht braucht. Bin gespannt, wie viele Tore er dort schießt. Falls Guardiola sein System nicht auf ihn umstellt (und das wird er wohl nicht, der scheint noch sturer als smart zu sein), geht Lewandowski  vom BVB weg den Weg der Sahins und Kagawas (in Polens Nationalelf hat er sich noch nicht als Über-Spieler gezeigt). Bei Götze weiß man es immer noch nicht, was aus ihm wird und wieviel er ohne BVB wirklich wert ist. Vom Talent her müsste er aber “hors categorie” sein und in jedem Klub und jedem Stil Erfolg haben.

Och, da wollte ich heute früh nur auf “Wer bin ich?” aufmerksam und Vorfreude machen, doch den Rest könnte ich auch auf den Themenzettel für die Samstags-Kolumne stellen. Setzen? Legen? Da haben’s die Engländer leichter: put, put, put.

 

Veröffentlicht von gw am 27. November 2013 .
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Ohne weitere Worte (vom 26. November)

Kluges, Originelles, Peinliches, Schräges, Dümmliches, Erhellendes oder sonstwie Interessantes, gesucht und gesammelt in der deutschen Medienlandschaft. Diesmal fast ausschließlich gefunden in SZ und FAS, den beiden Hauptlieferanten für unsere wöchentliche Zitaten-Kolumne.

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Den Winter erkennt man auf Anhieb daran, dass ARD und ZDF sonntags jeweils 24 Stunden lang über den Doppelrennrodelwettbewerb im Kaukasus berichten, bei dem das deutsche Ausnahmeteam zuverlässig einen Achtfacherfolg feiert, was ausschließlich am exorbitanten Talent der Athleten und den vom staatlichen Institut für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten in Berlin entwickelten High-Tech-Schlitten liegt und nicht etwa daran, dass andere Nationen vom Rennrodeln noch nie etwas gehört haben. (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung)

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Auf die listige Frage eines Journalisten, ob er sich vorstellen könne, wie (…) Benedikt XVI. zurückzutreten, antwortete Blatter: »Für einen Rücktritt fehlt mir die nötige Energie.« (Süddeutsche Zeitung zur Audienz des FIFA-Präsidenten beim Papst)

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»Leute, ich bin lange dabei und habe eigentlich ein gutes Gedächtnis, aber kann mir einer helfen: Wann hat Italien gegen Deutschland letztmals verloren?« Seit Freitag spürt Buffon: Dabei bleibt es, denn Gott ist Italiener. Die Deutschen waren nur mal kurz Papst, und das reicht nicht. Wer es nicht glaubt, hat die letzte Szene verpasst. Buffon geschlagen, Tor leer, Ball frei, da sagt Reus zu Bender: »Nimm ihn du, ich hab ihn sicher.« (Welt)

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An der Spitze der FIDE steht (…) ein dubioser Herr namens Kirsan Iljumschinow, der einst als Oberhaupt der autonomen russischen Teilrepublik Kalmückien wirkte. (…) Mal lässt er in der Heimat eine »Schachstadt« errichten, mal berichtet er von einer angeblichen Entführung durch Außerirdische. 2011 ließ er sich während der gewaltsamen Auseinandersetzungen in Libyen bei einer Partie Schach mit Machthaber Muammar al-Gaddafi ablichten. (Süddeutsche Zeitung)

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»Ich bin Maler.« (…) – Haben Sie Unterricht genommen? (…) Wie lief das, haben Sie da angerufen, hi, hier ist der Präsident, ich hätte gern Malstunden? (…) – »Sie kam bei uns zu Hause vorbei. (…) Ich meinte: Ich denke übers Malen nach. Und sie: Was ist Ihr Ziel? Und ich: Da ist ein Rembrandt in diesem Körper gefangen. Ihr Job ist es, ihn zu finden.« (»Teledialog« aus der »Tonight Show« von Jay Leno mit George W. Bush/protokolliert in der FAS)

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Kim Jong Il (…) hat, so geht hier die Propaganda, den Hamburger erfunden, er hat bei seinem ersten Golfspiel neunmal ein hole in one zustande gebracht. Dies verbreitet eine nordkoreanische Nachrichtenagentur, die auch darüber berichtet, in Nordkorea sei nach langer Suche ein wahrhaftiges Einhorn-Nest entdeckt worden. (Holger Gertz auf der SZ-»Seite drei« über eine Reise von Marcel Reif nach Nordkorea)

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Olli Pocher (…), King of Trash oder fleischgewordene Zote (…), ist jetzt mit Bum Bum Bine zusammen, das ist Sabine Lisicki, unser Tennis-Sternchen, das sich immer so doll freut, wenn es in Wimbledon mal auf Rasen spielen darf. Olli und Bine sind das neue deutsche Promi-Traumpaar – was soll man dazu sagen? Steffi hat Agassi, Lisicki hat Pocher – drastischer kann man den Niedergang des deutschen Damentennis nicht beschreiben. (FAS)

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Woody Allen lässt ja keine Gelegenheit aus, über das Alter zu schimpfen. Wie fühlen Sie sich? – »Das Gute am Altwerden ist schon mal: Du bist nicht jung gestorben. Ich mag das Alter. (…) Die Leute sind besonders liebenswürdig zu mir. Wenn man aus Versehen furzt, kann man sagen, das ist altersbedingt.« (Schauspieler Donald Sutherland, 78, im SZ-»Wochenende«-Interview) (gw)

Veröffentlicht von gw am 25. November 2013 .
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Dr. Hans-Ulrich Hauschild: Donald ist eine Figur der Weltliteratur

Ich sitze hier, Sonntagmorgen, und überlege, ob ich einen Leserbrief zu Fragen der bundesdeutschen Politik (die neue Elite aus Schwarz/Grün und ihre nicht vorhandene Gesellschaftstheorie, von Utopie ganz zu schweigen) oder ein wenig zu Ihrem vorzüglichen Donaldisten – Artikel von gestern schreiben soll. Und es muss schnell gehen, weil ich gleich in die Kirche gehen will und dann einen Krankenbesuch machen möchte.

Wichtiger ist mir Donald. Also dann: herzlichen Glückwunsch. Wir sind uns einig, einmal wieder: Donald Duck ist Weltliteratur. Verachtung für die Verächter. So wie beim Fußball: ein Bürgerlicher geht nicht zum Fußball, ein Intellektueller liest nicht Donald. Gerade der liest ihn. Wir sind uns einig: Donaldisten sind sich deshalb nah, weil sie an Donald Duck das Menschliche lieben. Donald: Faulpelz und Pechvogel, vorbildlicher Onkel, von seinem Onkel gnadenlos ausgenutzt, aber er steht zu ihm. „ Sein aussichtsloser Kampf gegen die Widrigkeiten des Alltags rückt ihn in die Nähe der Figuren Charlie Chaplins. Besonders liebenswert macht ihn seine Fähigkeit sich nie entmutigen zu lassen und nach jedem Fehlschlag neu zu beginnen.“ (Donaldistenkongress Basel).

Comics sind nicht minderwertig, dafür sprechen Donald (nicht hingegen die Maus) und Asterix. Wer diese liebt, zeigt, dass er bereit ist, immer einen „kleine Klips gegen die Gesellschaft“ zu platzieren. Harmlose Gesellschaftskritik? Lasse ich jetzt stehen.  Und die Vielschichtigkeit des Charakters, die Tatsache, die die Geschichte über sich hinaus weisen, der Humor und die implizite Gesellschaftskritik machen Donald zu einer Figur der Weltliteratur. (Dr. Hans-Ulrich Hauschild/Gießen)

Veröffentlicht von gw am 24. November 2013 .
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Baumhausbeichte - Novelle