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Montagsthemen (vom 28. Oktober)

Öffentliche Empörung und Beachtung – die Randalierer von Gelsenkirchen haben ihr Ziel erreicht. Und das bei geringem Risiko (Stadionverbot? Ha!). Aus ihrer Sicht müsste man sie beglückwünschen.
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Dennoch dürfte manch einer der hohlen Hools vor sich hin heulen: Weil es Randale im Stadion zwanzig Mal im Jahr gibt, ein »Phantom-Tor« aber nur einmal alle zwanzig Jahre fällt, stehen die Randalierer nur kurz im Schlaglicht, denn schon heute geht es wieder um das Kießling-»Tor«. Ist ja auch viel leichter zu bekakeln, da hat jeder sein Patentrezept. Aber die Gewalt in den Griff zu bekommen, das ist eine zu komplexe Aufgabe für einfache Antworten, zudem am Rande der Unlösbarkeit.
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Nach dem medialen »One-Issue«-Gesetz steht heute also wieder das »Phantom-Tor« im Blickpunkt, denn die One-Issue-Gesellschaft kann sich immer nur an einem Hauptthema gleichzeitig erregen. Doch wir bleiben hessisch stur und trotzig bei den Randalierern.
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Kürzlich klagte Michael Herl, originärer Frankfurter Autor und Theatermann, in einer »FR«-Kolumne, der Fußball sei ein rechtsfreier Raum für Tausende, während ein kleines Häuflein Blockupy-Demonstranten mit unangemessener Härte behandelt würde. Man dürfe nicht auf Polizisten spucken, gegen Streifenwagen treten, sein Geschlechtsteil entblößen, auf die Straße pinkeln – »all dies ist verboten und wird geahndet, es sei denn, man ist Fußballfan«, dann könne man auch »ungestraft ›Bullenschweine‹ brüllen, ›schwule Sau‹ oder gar ›Eintrachtjuden‹«.
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Oder man zerlegt ungestraft ein Stadion und begeht versuchte schwere Körperverletzung mittels Raketen und anderem Verbrennungsmaterial? Kern des Übels, meint Herl: Der Fußball habe eben seine eigenen Gesetze, was kein Satz für das Phrasenschwein, sondern wörtlich zu nehmen sei.
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Nur: Der Fußball hat zwar eigene unmaßgebliche Gesetzchen, für 500 Hools gelten aber die gleichen ordentlichen Gesetze wie für 50 Blockupy-Leute. Man muss sie nur anwenden. Der »rechtsfreie Raum« ist ein Missverständnis, dem viele unterliegen. Wenn Jürgen Klopp dem vierten Unparteiischen die Kehle durchbeißt, wird er sportrechtlich auf die Tribüne verbannt, aber keine Gelegenheit erhalten, dort zu sitzen, denn er muss »sitzen«. Wenn mir der Kampfrichter einen Wurfversuch ungültig gibt und ich ihn erzürnt mit der Kugel erschlage, verstoße ich zwar gegen Paragraf 1 der Sportgerichtsordnung (»Unsportlichkeit«) und werde gesperrt, komme aber vor allem in eine Zelle mit Klopp (Ansichtssache, ob das strafmildernd oder -verschärfend wäre). Wenn ein Erwachsener ein von ihm abhängiges junges Mädchen zur Einnahme von Medikamenten zur Leistungssteigerung nötigt, spielt ebenfalls die Sportgerichtsbarkeit eine nur unwesentliche Rolle, und zwar eine genauso unwesentliche, wie wenn auf Schalke ein BVB-Hool eine tausend Grad heiße Rakete in die Zuschauer schießt. Die Gesetze gelten für alle gleich. Man muss sie nur für alle gleich anwenden. Das ist kein Patentrezept, sondern eine Grundbedingung, um das Gewaltproblem wenigstens ansatzweise in den Griff zu bekommen.
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Alle zwanzig Jahre ein »Phantom-Tor«, aber zwanzig Mal im Jahr Randale. Dass die »20« eine Zahl mit Bedeutung sein muss, lese ich auch in der »SZ«, denn sie fragt: »Was haben der Limburger Bischof, die Fans von Paul McCartney und die Spieler der TSG Hoffenheim dieser Tage gemein?« Die Antworten in Kurzform: 20 Minuten Audienz beim Papst in Rom, 20 Minuten Gratiskonzert in London, eventuell 20 Minuten Wiederholungs-Nachspielzeit in Sinsheim. Außerdem raten, so die »SZ«, Psychologen »zu einem genau 20-minütigen Mittagsschlaf zur Überwindung des Suppenkomas«, und selbst der Geschlechtsverkehr dauere durchschnittlich … genau!
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Die Zahl 20 scheint auch in jenem Text für Gehörlose eine Rolle zu spielen, der in einem Götze-Interview nach dem Pilsen-Spiel eingeblendet wurde. Mario Götze wiegt bei offiziell 1,76 m Körpergröße nur 64 Kilogramm, was aufmerksame Beobachter leicht verwundert, die ihn kleiner und pfundiger eingeschätzt hätten. Götze sagte: »Ich fühle mich wohl und werde immer fitter.« Vielleicht war daher die Untertitelung eine Art Freudscher Verschreiber des ZDF, 20 Kilo drauflegend: »Ich fühle mich wohl und werde immer fetter.«  (gw)

Baumhausbeichte - Novelle