Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Sport-Stammtisch (vom 26. Oktober)

Was ist Gerechtigkeit? Jeder glaubt es zu wissen. Das Gerechtigkeitsgefühl in uns ist ein starkes und von seiner Richtigkeit sehr überzeugtes Gefühl. Zum Beispiel die fast einhellige deutsche Meinung nach Kießlings Nicht-Tor: Das Spiel muss wiederholt werden, weil alles andere sportlich ungerecht wäre.
*
So? Leverkusen hat 70 Minuten lang eine 1:0-Führung fair und redlich herausgespielt und verteidigt. Wäre es sportlich gerecht, Bayer diese Leistung abzuerkennen? Wenn schon Gerechtigkeit, dann bitte nur in einem 20-Minuten-Kick, beginnend mit einer 1:0-Führung für Leverkusen. Klingt absurd, wäre aber die einzig gerechte sportliche Lösung.
*
Aber was ist schon Gerechtigkeit im Fußball? Ein Spiel zu wiederholen, weil ein gegebenes Tor kein Tor war? Oder auch, weil ein nicht gegebenes ein Tor war? Wie im WM-Spiel gegen England, als der Ball mit dem doppelten Umfang eines Medizinballes hinter der Linie war und Manuel Neuer das bewusst (und etwas albern) ignorierte? Was ist mit den alltäglichen spielentscheidenden Fehlpfiffen? Was mit einer WM-entscheidenden »Schwalbe«? Auch das eine sehr deutschsensible Frage …
*
»Was hätte der Schiedsrichter gepfiffen, wenn der Ball erst ins Tor, dann durch das Loch ins Aus gegangen wäre?«, fragt Janos Toth aus Heuchelheim. – Sicher hätte Brych, bei gleicher Sicht und optischer Täuschung, auf Abstoß entschieden. Also ebenfalls Wiederholungsspiel? Oder nur ein Grund, endlich »meine« Video-Hilfe (statt Beweis) für den Schiedsrichter einzuführen? (weitere Leser-Äußerungen in der »Mailbox« des gw-Blogs »Sport, Gott & die Welt«)
*
Zurück zur Gerechtigkeit beziehungsweise zur Selbstgerechtigkeit, die späte Triumphe feiert und von hoher moralischer Warte aus miese Anstandsnoten verteilt. Wenn nach einem Kopfball aufs Tor der Ball im Netz zappelt, kam bisher kein Mensch auf die Idee, der Ball könnte von außen durch ein Loch ins Tor geflogen sein. Kießling wunderte sich ja selbst, aber warum sollte er zweifeln? Selbst die Hoffenheimer Zuschauer zweifelten nicht, auch nicht der »Sky«-Livereporter, der erst in der Wiederholung sah, was wirklich geschehen war.
*

Kopfball durchs Außennetz ins Tor? In der Bundesliga, wo alles und jedes reglementiert und kontrolliert wird? Bis letzten Samstag eine abstruse Vorstellung. So etwas gibt es einfach nicht. Statt den armen Stefan Kießling moralisch in den Senkel zu stellen, sollte man dafür sorgen, dass das, was es leider nur scheinbar einfach nicht gibt, in Zukunft auch wirklich nicht mehr geben wird.
*
Ähnlich übrigens, in einer ganz anderen Dimension, die Hinterher-Empörung über das zuvor auch von den später Empörten gebrauchte Wort von den »Döner-Morden«. Der wahre Sachverhalt war unvorstellbar. Wer sich (wie ich; und Sie?) zuvor nicht über das Schlagwort »Döner-Morde« empörte, sollte dies nicht hinterher tun, sondern sich nur … schämen.
*
Aber es gibt nettere Themen. Zum Beispiel die Trainingshose von Zeljko Buvac. Auch im Champions-League-Rampenlicht blieb sich der medienscheue und verbal knausrige Klopp-Cotrainer treu und zeigte nebenbei, dass seine Art keine schüchterne ist, sondern eine selbstbewusst in sich ruhende. Die Kleiderordnung der Fifa souverän zu ignorieren, war jedenfalls eine Mutprobe, die sich nicht einmal Klopp traut – und von dem hätte man es noch am ehesten erwarten können. Dass Armin Veh sich sogar für die Europaliga in Schale schmiss – na ja.
*
Apropos schmeißen: Paul Ince, ehemaliger englischer Nationalspieler und heute Coach des FC Blackpool, rastete jetzt auf eine Art aus, dass selbst der wildeste Jürgen Klopp im Vergleich als braver Bubi wirkt: Ince warf eine Flasche Richtung Publikum, griff sich den vierten Schiedsrichter und diesen tätlich an und beschimpfte den Hauptschiedsrichter als »Flachwichser«. Ince wurde fünf Wochen gesperrt. Ich hätte ihn einen Besinnungsaufsatz schreiben lassen. Thema: »Definieren Sie das Wort F. und erklären Sie, was ein F. tut, insbesondere in Bezug auf die erste Silbe.«
*
Mit einem Besinnungsaufsatz kommt Uli Hoeneß nicht davon, aber seine Steueraffäre wird glimpflich enden. Jedenfalls im Vergleich mit griechischen Steuersündern. Denn entgegen unserem Vorurteil von »griechischen Verhältnissen« wurden dort soeben drei Griechen, die 840 000 Euro vom Finanzamt ertrickst hatten, in Kalamata zur Höchststrafe verurteilt: Lebenslänglich für jeden!
*
Lebenslänglich gab es auch für Boris Becker damals, obwohl er noch unter das Jugendstrafrecht fiel: Lebenslang siebzehnjährigster Leimener. Ihn als Witzfigur bloßzustellen, wie es jetzt fast alle tun, ist mir zu billig. Man muss nicht die Pocher-Sendung gesehen habe (so was gucke ich mir sowieso nicht an), es genügt, zuzusehen und zuzuhören, wenn Becker aus seinem Buch vorliest, um zu ahnen, was zum traurigen Bild führt, das der Boris von heute abgibt.
*
Womit sich der Kreis schließt, auch wenn er von Kießling über »Döner-Morde« zu Boris Becker bizarr gezeichnet ist: Statt Selbstgerechtigkeit ist Einfühlungsvermögen gefragt. Wer Becker verhöhnt statt bedauert, dem fehlt es offensichtlich. Was wäre denn aus uns, was wäre aus mir geworden, wenn wir als siebzehnjährigste Leimener lebenslänglich bekommen hätten? Es hätte noch böser enden können. Oder? (gw)

Baumhausbeichte - Novelle