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Rück-Blog (Anstoß vom 25. Oktober)

»Sport, Gott & die Welt« begleitet und ergänzt im Internet die Zeitungs-Kolumnen von »gw«. Ab und an veröffentlichen wir in dieser Kolumne Auszüge, zuletzt vor knapp einem Vierteljahr – es wird also Zeit, wieder einmal rückzubloggen.
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Sonntag, 4. August, 6.05 Uhr: Ich hatte ihn gestern Abend noch in meiner Sendung, den Steuermann des Deutschlandachters, des haushohen Favoriten für den olympischen Endlauf. Ein netter kleiner Kerl, sehr eloquent, ein bisschen arg siegesgewiss, aber das war ja klar, wer sollte dieses sensationell starke Boot auch schlagen können? Doch was macht er bloß da unten auf dem Wasser? Ich beobachte den Start zum Finale, sehe den Deutschlandachter, ein erstaunlich langes Boot, sicher über 100, nein, mindestens 200 Meter lang, er liegt, liegt nach einem kurzen Ruck nach dem Start, er liegt, er liegt! Die Ruderer sitzen ratlos im Boot, lassen die Riemen sinken, das Boot, das unglaublich lange, driftet langsam seitwärts ab, und ich höre meinen Steuermann, meinen fröhlichen, frohgemuten, siegesgewissen Gast vom Abend zuvor, im Boot weinen und schreien, »Entschuldigung, Entschuldigung, Entschuldigung«, was hat er bloß angestellt, was hat er falsch gemacht, dieser Unglücksrabe? Ich haste im Schiff hin und her (wie komme ich da bloß hinein? Wieso ist es breit und mehrstöckig wie eine griechische Fähre?), suche jemanden, der mich aufklären kann, finde keinen, werde nie mehr einen finden … denn ich wache auf, und mit dem ungelösten Rätsel beginnt mein Sonntagmorgen.
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Donnerstag, 8. August, 16.35 Uhr: Anruf der »Zeit«. Das aktuelle Doping-Thema. Bitte um ein Gespräch. Fast immer sage ich solche Dinge ab. Ausnahme: Nach Ralf Reichenbachs Tod ein Hintergrundgespräch mit dem »Spiegel«. Lange her. Wollte wieder absagen, doch zum einen wirkte die »Zeit«-Journalistin auf mich vertrauenerweckend, zum anderen hatte ich während des Telefonats schon so abwehrend drumrum geplappert, dass es wie eitle Ziererei wirken könnte, und sich eitel Zierende nerven ganz gewaltig. Also zugesagt. Mit meinen üblichen Bedenken als Kontrollfreak: Trau keinem Text außer dem eigenen, und nicht mal dem!
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Sonntag, 1. September, 6.25 Uhr: Draußen dämmert’s erst. Sommer vorbei. September. Nächsten Sonntag wird es um diese Zeit noch/schon dunkel sein. Aufgewacht mit dem letzten Traum der Nacht im Nacken: Kevin-Prince Boateng. Ich weiß zwar nicht mehr, worum es ging, aber das geht in jedem Fall zu weit – ein Fußballer als Traum-Objekt! Immerhin war es kein Albtraum, sondern irgendwas Beliebiges, Sinnloses, Unzusammenhängendes, wie man es oft träumt. Wenn Träume Gedanken des Bauches sind, dann war es nur ein Verdauungsgeräusch.
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Freitag, 27. September, 11.50 Uhr: In den HR-Nachrichten gehört, was das Ergebnis des Weltklimarat-Papiers ist: der Anstieg des Meeresspiegels. Sonst nix. Nicht gemeldet wurde, dass der prognostizierte Temperaturanstieg seit 15 Jahren ausbleibt (steht aber auch im Papier). So pickt sich halt jeder raus, was er will und in seinen Kram passt. Bin nicht kundig genug, um mir im Blatt eine Meinung leisten zu wollen. Am meisten überzeugen mich noch die Interviews von Hans von Storch, der keiner der Parteien anzugehören, sondern ein echter, unabhängiger Fachmann zu sein scheint. Er sieht durchaus den Klimawandel, kritisiert aber alarmistische Methoden und die falschen Rechenmodelle und sagt auch, dass es drängendere Probleme auf der Welt gibt als den Klimawandel. Finde ich auch, als Laie. Auf einem Gebiet bin ich aber ein Fachmann wie Hans von Storch: Er ist Donaldist, und da kann er nicht viel mehr wissen als ich. Er hat nur einen Vorteil: seinen Namen. Mit dem ist man von vornherein Ehrenbürger von Entenhausen.
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Sonntag, 29. September, 6.20 Uhr: Real Madrid verliert das Stadtderby. Der 100-Millionen-Mann sitzt eine Halbzeit lang auf der Bank. Manchmal erhält Perversität dann doch die gerechte Strafe.
Lampedusa. Wie soll man dieses Elend beenden, ohne unrealistische Gesinnungsethik, die das Elend noch verschlimmern würde, und ohne rechte Stammtischparolen? Je mehr Flüchtlinge durchkommen, desto mehr kommen nach und desto lukrativer wird das massenmörderische Geschäft der Schleuser. Gibt es irgendeine funktionierende menschliche Lösung? Der Papst und der Bundespräsident haben kraft Amtes gut reden, wenn sie gut reden.
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Sonntag, 13. Oktober, 6.30 Uhr: So »schick« essen wie gestern war ich noch nie. Leider wirft, wer mit mir schick essen geht, Perlen vor die Säue. Ein Menü links auf der Karte, rechts ein paar sehr wenige Gerichte, und ich hatte die peinsame Qual der Wahl, weil ich so gut wie nichts identifizieren konnte und das, was ich erkannte und unfallfrei lesen konnte, für mich nach Ernährungsfolter klang. Für die Endrechnung könnte ich zehn Mal bei meinem Griechen schön unschick essen gehen. – Bin ich wirklich so ein primitiver Banause? Verrat’ ich nicht.
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Sonntag, 20. Oktober, 5.50 Uhr: Woran erkennt man Bildung? Zum Beispiel daran, ob man promoviert hat oder wurde? Ob man der oder die Peloponnes sagt? In der »Literarischen Welt« vom Samstag lese ich: »Sahl, der über altdeutsche Malerei promoviert hatte …« Ist das richtig? Beim Peloponnes muss ich gar nicht erst nachschauen, ich habe oft genug in den Kolumnen untergebracht, dass er die Insel des Pelops ist, der Peloponnes also die Peloponnes sein muss, wenn man nicht als Banausen-Olbel wie ich gelten will. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle