Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Montagsthemen (vom 21. Oktober)

Das zweite »Phantomtor« der Bundesliga ist natürlich auch ein Montagsthema. Leider. Erstens schreibe ich nicht gerne über etwas, über das alle schreiben und reden, zweitens muss ich dann unweigerlich zum viel zu oft wiederholten Mal »meine« Video-Hilfe aus der eigenen Mottenkiste kramen.
*
Aber nur kurz. Also: Zwischen dem Fußball-Fetisch »Tatsachenentscheid« und dem Absolutheitsanspruch des Video-Beweises wäre die Video-Hilfe für den Schiedsrichter der sportlichste Kompromiss: Erstpfiff – Zweifel? – Video überprüfen – Zweitpfiff. Punkt.
*
Kein Vorwurf an den Schiedsrichter, keiner an den und die Spieler: Wer kommt schon auf die Idee, dass ein Ball, der im Tor landet, durch ein kleines Loch im Netz reingeschlüpft sein könnte? Kießling köpft, ärgert sich, weil knapp vorbei, die anderen Spieler sehen den Ball im Netz, freuen sich, Kießling wundert sich, freut sich dann halbherzig mit, man sieht seine Gedanken durch die Hirnwindungen stolpern: »Was ist denn hier los? Da hab ich mich schön getäuscht – oder wie, oder was?« Für den Schiedsrichter ist die Situation eh klar, zumal keiner seiner Kollegen Gegensätzliches signalisiert, er wundert sich nur ein bisschen über die verhaltenen Reaktionen … und schon haben wir einen Jahrzehnt-Gesprächsstoff. Völlig unnötig.
*
Wieso ein Loch im Netz? Wieso überhaupt ein Netz? Auf der einen Seite hoch technisierte Spielereien der übertragenden Sender, auf der anderen Seite Vorsintflutliches wie der »Tatsachenentscheid« und eben: das Tornetz, kaum anders geknüpft als früher das Einkaufsnetz meiner Mutter. Und, Herr Hopp: Sie hatte ungefähr ein Fantastillionstes an Haushaltsgeld wie Sie Spielgeld für Ihr Hoppenheim-Hobby, aber ihr Einkaufsnetz wies nie, nie ein Loch auf! Sie hätte sich in Grund und Boden geschämt.
*

»Tatsachenentscheid« ist ein alter, »Ballbesitz« ein neuer Fußball-Fetisch, in dieser Kolumne aber ein fast so alter Hut wie die »Video-Hilfe«. Ebenfalls nur kurz wiederholt: Statistische Spielereien wie »Ballbesitz« sollten auf das zurückgeführt werden, was sie sind: Im besten Fall vage Anhaltspunkte, die nur mit anderen statistischen Größen und im Abgleich mit Fußball-Erfahrungswerten sinnvolle Aussagen beinhalten.
*
So. Und nun lese ich in der »FAZ«: Ballbesitz »lässt keine Aussage mehr über das Ergebnis zu«, weil »Torabschlüsse heute der einzige Indikator sind, mit dem sich im Fußball tatsächlich eine höhere Siegerwartung ausdrücken lässt«. – Ach was?!, würde Loriot dazu sagen. Mich stören nur die beiden Wörtchen »mehr« und »heute«. War doch schon immer so!
*
Für Zlatan Ibrahimovic zum Beispiel ist »Ballbesitz« keine statistische Größe, sondern persönlicher Absolutheitsanspruch. Was heißt eigentlich »Gib mich die Kirsche! Sofort und immer! Nur mir!« auf Schwedisch? Der Wahnsinnige hat nun ein ebensolches Tor geschossen, wieder einmal (erinnern Sie sich an den Fallrückzieher aus etwa fünfhundert Metern?): Für Paris gegen Bastia, volley kungfu-artig mit der Hacke, genial, der nackte Wahnsinn. Bei youtube zu bestaunen.
*
Der Wahnsinnige? Keine Beleidigung, sondern sportliche Reverenz. Wenn ich eine der beiden Sportlerbiografien lesen müsste, die momentan auf der Bestsellerliste stehen, dann nur die von Ibrahimovic.
*
Ist der Kerl auch ein »Arenaheld«, sogar ein »selbst ernannter«? In der »Literarischen Welt« schreibt der Literatur-Professor und Kultur-Guru Fritz J. Raddatz eine Kolumne mit dem Titel »Was ich immer schon über Sport wissen wollte«. Ich will’s wissen, lese  aber nur das übliche Vonobenherabgeseiere von Kultur-Onkels, garniert mit Sex, denn: Im Sport ist »irgendeine verborgene, verbogene Form der Sexprotzerei eklatant. Es kann mir kein Mensch einreden, dass die ganz offensichtlich lustbetonte Körpersprache der selbst ernannten Arenahelden kein erotisches Signal sei.«
*
»Arenahelden.« Das Wort taucht in keinem Sportbericht auf, allenfalls in Artikeln Sportfremder über Sport. Raddatz benutzt auch eine meiner Lieblingsblödfloskeln: Wer über »selbst ernannte« Soundsos redet oder schreibt, hat sie meist selbst ernannt, nicht sie sich.
*
Das »erotische Signal« im Sport: Wem alles Sex ist, ist auch aller Sport Sex. Frage an die liebste Zielgruppe: Empfängt irgendeine von Ihnen erotische Signale von Sexprotzen wie Özil, Mertesacker oder Podolski?
*
Die drei seien nur genannt, weil sie mein Bindeglied zwischen Wenger und Löw sind. Gemeinsamkeit des Arsenal-Trainers mit dem Bundes-Jogi: Beide lassen attraktiven Fußball spielen, beide haben noch nie einen großen Titel gewonnen, und womöglich haben beide die gleiche Art, die gut ankommt und … überschätzt wird?
*
Zuletzt noch eine Korrektur: Die FAZ hat wohl doch recht mit der zeitlichen Einschränkung, dass Ballbesitz »heute« keine Rolle »mehr« spielt. Denn sehr viel früher hatte Ballbesitz eine überragende, alles entscheidende, ja eine existenzielle Bedeutung – auf dem Bolzplatz. Wer mitspielen wollte, war von der gnädigen Zustimmung des Ballbesitzers abhängig. Für manche übrigens eine frühe und bittere Erfahrung über Triumph des Besitzenden und Tragik des Besitzlosen. Ich weiß, wovon ich schreibe. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle