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Sport-Stammtisch (vom 19. Oktober)

Längst hatte ich das Vorurteil abgelegt, die leistungssportliche Qualität des Trainings von Fußball-Profis sei weit von dem Standard anderer Sportarten entfernt. Die Art und Weise, in der zum Beispiel Borussia Dortmund nun schon in der dritten Saison spielt und rennt und rennt und spielt, war einer der Gründe für den Meinungsumschwung – so etwas hält man nur mit ausgeklügeltem, intensivem, hochwertigem Training durch. Doch dann lese ich, was Oka Nikolov im »FR«-Interview über seinen Tagesablauf in den USA sagt: »Der ist nicht viel anders als in Deutschland. Vormittags bin ich beim Training, zur Mittagszeit bin ich zu Hause, und dann habe ich mittags frei und kann genau die Dinge tun, die ich in Deutschland auch mache.«
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Nicht viel anders als in Deutschland? Das Vormittagstraining beginnt in der Bundesliga meist gegen zehn und endet um zwölf, sonntags ist immer und montags meistens trainingsfrei – dann käme ein Liga-Profi auf einen Acht-Stunden-Tag – in der Woche. Für mich nicht darstellbar.
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Zusammengezuckt? »Darstellbar« gehört, in Verbindung mit »nicht«, zu den neuen Modewörtern. In dieser Kolumne taucht es heute zum ersten und letzten Mal auf. Noch ein Wort, das hier noch nie geschrieben wurde: »Sondierungsgespräche«. Das momentan meistgehörte und – gelesene Wort infiziert sogar die Sportnachrichten: »Thomas Müller soll sich am vergangenen Sonntag mit zwei Vertretern des FC Barcelona zu Sondierungsgesprächen getroffen haben«, meldet der Sport-Informationsdienst.
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Na ja, von Sondierungsgesprächen bis zu Koalitionsverhandlungen ist ein weiter Weg, und die in der Politik haben wenigstens stattgefunden, aber das nur am Rande. Zurück zu Nikolov: Lieber Oka, darf ich mir den leisen Verdacht erlauben, dass bei Menschen unseres Alters das Kurzzeitgedächtnis nachlässt und wir dies oft mit dem prima funktionierenden Langzeitgedächtnis ausgleichen wollen? Vermutlich haben sie ihren heutigen Tagesablauf nicht mit dem Training unter Veh verglichen, sondern mit dem unter Stepi, Toppi oder Charly.
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Jetzt aber im Ernst: Hat die Verletzungsserie in der Liga etwas mit dem Missverhältnis von Training, Spiel und geldwerten Nebengeräuschen zu tun (Werbetermine, Sponsorverpflichtungen usw.)? Bei den Münchner Bayern lagen im ersten Viertel der Saison rund hundert Millionen brach (Götze, Martinez, Thiago), in Dortmund und auf Schalke gibt es fast mehr verletzte als gesunde Spieler – reiner Zufall?
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Training legt nicht nur die Grundlage zur Leistung, sondern auch zur Verletzungsresistenz. Je weniger Training und je mehr Spiele, desto größer das Verletzungsrisiko an Muskeln, Knochen und Bändern.
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»Aufgedunsener Dummkopf!« Wer? Ich? Nöö, aufgedunsen bin ich nicht. Der »aufgedunsene Dummkopf« steht in einer der schönen Zuschriften zu »gw«-Beiträgen. Viele sind nachzulesen in der »Mailbox« von »Sport, Gott & die Welt«, zuletzt eine hübsche kleine Abhandlung von Horst Beisheim aus Rödgen (»Von Pferden und Menschen«) zur Donnerstags-Kolumne über »schönen« und Ergebnisfußball. Bitte reinklicken!
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Der »aufgedunsene Dummkopf« dagegen darf nicht in die »Mailbox«, denn er erfüllt nicht nur die Kriterien einer zutreffenden Beschreibung, sondern auch die einer strafbaren Beleidigung. Ich verrate daher nicht, über wen Barbara Tomsch aus Reichelsheim »Lachtränen in den Augen« hatte, als sie am Dienstag die »Ohne weitere Worte«-Kolumne las. Traurig allerdings, dass halb Deutschland sofort nur einen einzigen Namen mit der Verbalinjurie verbindet.
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Er ist weder ein Dummkopf noch aufgedunsen, im Gegenteil, doch auch er soll hier nicht namentlich erwähnt werden. Nur schießt mir immer, wenn ich ein Foto von ihm sehe, der gleiche Gedanke durch den Kopf, den ich schon hatte, als ich ihn zum ersten Mal sah: Das ist doch Henni, der in einem »Badesalz«-Sketch einen bigotten Pfaffen darstellt! Aber das ist eventuell ein ganz anderes Thema und hat mit Sport nicht mehr allzu viel zu tun. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle