Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Sport-Stammtisch (vom 17. Oktober)

Spektakulär sind auch die nackten Zahlen: 16 Tore in zwei Schweden-Spielen, Endergebnis 9:7, und teilt man die 180 Minuten in zwei eigene Blöcke, geht es nicht 4:4 und 5:3 aus, sondern 8:0 (erste Stunde Hinspiel, 45. bis 66. Minute Rückspiel) … und 1:7.
*
Wie stark ist diese Mannschaft, wie anfällig? Für jedes Argument liefert sie das Gegenargument, »Experten« haben es schwer mit ihr, man macht sich schnell lächerlich, wenn man nach dem Öffnen von Wundertüten zu wissen vorgibt, warum das drin war, was rausgekommen ist.
*
Nehmen wir mal die Gegentore: Das Problem ist nicht, dass sie fallen, sondern wann sie fallen. Wer hoch führt, verkraftet leicht das eine oder andere Gegentor. Fatal ist nur, wenn man noch kein Tor geschossen hat, der Gegner aber schon zwei – dann gewinnt man nur noch in absoluten Ausnahmefällen, siehe Bern 1954.
*
Tja. Gegen diese Expertise sprechen leider beide Schweden-Spiele. Zwischendurch wurde vorübergehend eine neue deutsche Abwehrstärke postuliert, weil zwischen dem 3:3 gegen Paraguay und dem 5:3 gegen Schweden dreimal zu null gewonnen wurde. Allerdings hießen da – neben den auch nicht gerade übermächtigen Österreichern – die Gegner Färöer und Irland, gegen die Zu-null-Spiele Pflicht sind, jeweils nur drei geschossene Tore aber keine glanzvolle Kür.
*
Wer jetzt noch Ibrahimovic ins Spiel bringt und bei Deutschland flatternde Nerven (am Dienstag ging es um nichts), der befürchtet statt eines 5:3 eher ein 3:4, zum Beispiel gegen Schweden im WM-Achtelfinale, und damit den Weltuntergang. Der könnte zwar auch in der Wundertüte stecken, aber eben genauso wie ein WM-Triumph.
*
Was denn nun? Wenn man alle geöffneten Wundertüten der Löw-Ära inspiziert und aus ihnen die deutsche WM-Zukunft herauslesen will, könnte man vermuten: Im Halbfinale raus mit Applaus. Mit Betonung auf Applaus, denn an spektakulärem Fußball übertrifft niemand diese Mannschaft. Nur: Im Fußball entscheiden keine Haltungsnoten.
*

Und damit kommen wir unweigerlich wieder zu dem alten und immer wieder lustvoll neu diskutierten Gegensatz zwischen »schönem« und Ergebnis-Fußball. Eine Diskussion, die nur im Fußball möglich ist. Denn nur hier gilt »besser« nicht als Steigerung von »gut«, sondern von »schön«.
*
Doch »schöner Fußball« ist nur eine Sekundärtugend – und gar keine, wenn man nicht gewinnt. Der scheinbare Gegensatz »Ergebnis-Fußball« ist ein Pleonasmus. Aber weiße Schimmel sind oft stolze Rosse, auf denen noch stolzere Reiter sitzen.
*
Da im Fußball Leistung nicht objektiv vergleichbar ist, zählt für den sportlichen Wettkampf nur das Ergebnis. Selbst der größte Romantiker spräche nicht vom »schönen Fußball«, wenn dieser Sport messbar wäre wie Leichtathletik oder Schwimmen. Dort gibt es keine »schönen« Leistungen, nur gute (und schlechte)
*
Schon einmal hat eine nur gute, zum Teil recht rustikale Mannschaft eine den weltschönsten Fußball spielende geschlagen, sogar in einem WM-Finale. Und das war … schön! Für Deutschland und seine »Helden von Bern«.
*
Sechzig Jahre später schicken wir unsere braven Buben, die sooo schön spielen können, wenn man sie nur lässt, mit dem geflügelten Wort des damaligen Bundespräsidenten Theodor »Papa« Heuss nach Brasilien: »Nun siegt mal schön!« Allerdings schickte Heuss damit 1958 die Teilnehmer eines Bundeswehrmanövers ins Kriegsspiel …
*
1958? Da war doch noch was? Richtig: WM in Schweden, Halbfinale in Göteborg. Vergiftetes Klima. Schwedens Presse schrieb vom deutschen »Kriegsfußball«, Juskowiak flog vom Platz, provoziert von Schwedens damaligem Ibrahimovic namens Hamrin, die Schweden gewinnen 3:1, in Deutschland werden schwedische Autoreifen zerstochen … dann doch lieber echt schöner deutsch-schwedischer Spektakel-Fußball wie beim 4:4, dem 5:3, dem 9:7, nicht dem 1:7, aber vor allem: dem 8:0. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle