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Montagsthemen (vom 14. Oktober)

Vettel gewinnt in Suzuka, aber … aber was? »Aber«, das einen Gegensatz ausdrückende Bindewort, taucht gleich am Anfang aller Formel-1-Meldungen auf und bestimmt deren Tenor – »aber« nur, weil in den Vorberichten wider alle Wahrscheinlichkeit nicht nur Vettels Sieg einkalkuliert wurde, sondern auch ein unrealistisch schlechtes Abschneiden von Alonso. Ein schönes schlechtes Beispiel für die mediale Unart, Erwartungshaltungen zu schüren, die Enttäuschungen produzieren müssen.
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Ähnliches im Fußball: Die Erwartungshaltung vor der WM in Brasilien hat derartige Höhen erreicht, dass mit genialem Zauberfußball der Titel gewonnen werden muss, um tiefste Depression zu vermeiden. Nach realistischer Einschätzung wäre in Brasilien schon das Erreichen des Halbfinales ein großer sportlicher Erfolg – doch das sprechen nur Fußballvaterlandsverräter aus.
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Auch die letzten Zu-null-Spiele können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Deutschen  immer dann Probleme bekommen, wenn sich eine Mannschaft hinten rein stellt und auf Konter spekuliert oder wenn bei ihr abgezockte »Drecksäcke« (in diesem Fall ein Ausdruck höchsten Respekts) wie Balotelli oder Ibrahimovic braven Buben Angst einjagen.
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Woran liegt das? Nicht am Potenzial, aus dem der Bundestrainer seine Mannschaft formen darf – das ist in der deutschen Fußball-Historie einmalig und weltweit aktuell konkurrenzlos. Entscheidend wird sein, wie Löw Spielweise und Charakter prägt. Da bleibt Skepsis, zumal, wenn man an die beiden prägendsten Eindrücke der letzten Jahre denkt: An das verkorkste und vercoachte EM-Aus gegen Italien und an das desaströse 0:4 gegen Schweden nach Allzeit-Schönstwetterfußball zum 4:0.
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Genug geketzert? Nöö. Hawaii, Ironman: Tatsächlich so ein Supersport, wie uns immer vorgeschwärmt wird? Da ist doch nur Ausdauer gefragt, keine Bewegungsgeschicklichkeit, Explosivkraft oder Spielintelligenz. Ist also Einkampf in drei Disziplinen und kein komplexer Dreikampf. Oder? – Liebe Triathleten, nicht böse sein, ihr habt eine derart gute Gesamt-PR, dass ihr unmaßgebliche Einzelmieslinge souverän ignorieren könnt.
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Zur Fama dieses Sports gehört die Geschichte von ein paar Freaks, die den Triathlon in einer Kneipe erfunden haben, also in einer echten Schnapslaune. Keine Schnapslaune, sondern medialer Überlebenskampf angesichts übermächtig spektakulärer Konkurrenz wie eben Triathlon: Die Nordische Kombination, zu Gold-Jörgli Thomas Zeiten eine auch für fernsehende Laien überschaubar unkomplizierte Sportart, hat in den vergangenen Jahrzehnten mehrere Metamorphosen durchgemacht und ist dennoch vom Winter-Kernsport zum Mauereisblümchen erstarrt. Neues Leben soll ihr nun das Nordic Combined Triple einhauchen. Das »Triple« beinhaltet dabei keine sportliche Vielfalt, sondern dreifache Zweifalt, denn an drei Tagen hintereinander wird jeweils einmal gesprungen und gelaufen, am zweiten Tag mit den besten 50, am dritten mit den Top 30. – Ein bisschen arg konstruiert, wirkt wie Verzweiflungs-Aktionismus, aber: Warum nicht? Es gibt seltsamere Wintersport-Vermehrung, von Biathlon-Diversifizierung bis zur Rodel-Staffel.
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Vielleicht feiert das Nordic Combined Triple sogar dereinst ähnlich stolze Jubiläen wie die »taz«, die einstige Pflichtlektüre für Alternative. Sie steckte schon lange vor der allgemeinen Zeitungskrise im Existenz-Einkampf und steht daher heute, gut trainiert und vorbereitet, besser da als viele andere. Aber, mit Verlaub, liebe »taz«, die beiden Jubiläen, die ihr groß feiert, nehmen wir bei aller äußeren Gemeinsamkeit (Berliner Format!) mit einem Schmunzeln zur Kenntnis: Euer Gesellschaftsressort feiert Zehnjähriges, der »taz«-Sport sogar Dreißigjähriges, und das mit einem großen Fest in Berlin. Klingt ziemlich konventionell, und eure 30 lassen wir alleine mit »gw«-Kolumnen um  Jahre hinter uns. Dass ihr immer noch Werbung auf Sportfotos verpixelt, erinnert sogar an die Jahre vor eurer Geburt, als »Werbung am Mann« als schlimmstes Übel des Sports galt und Athleten vor dem Betreten des Stadions der Adidas- oder Puma-Schriftzug auf der Sporttasche überklebt wurde. Tradition verpflichtet.
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Ganz neu dagegen sind die Katarer. Ich las über sie zuletzt in mehreren Zusammenhängen von der Fußball-WM bis zu Paris St. Germain und rätselte, was das bedeutet, bis mir der Zusammenhang mit Katar klar wurde. Und nicht mit Katharsis, der reinigenden Läuterung, die im griechischen Drama auf die Hybris folgt. Als Neu-Katarer diese hoffentlich hinter sich habend: (gw)

Baumhausbeichte - Novelle