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Sport-Stammtisch (vom 12. Oktober)

Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft ist das beste Beispiel für gelungene Integration. Dass die deutschen Frauen dank China Tischtennis-Europameisterinnen wurden, wird dagegen schon kritischer diskutiert. Ins Absurde gleitet die Thematik aber ab, wenn ein junger Profi von Manchester United, der 18-jährige Wunderknabe Adnan Januzaj, sich zwischen elf Ländern entscheiden kann, die ihn allesamt liebend gerne in ihrer jeweiligen Nationalmannschaft sähen.
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Der in Brüssel geborene Januzay hat kosovo-albanische Eltern, die Mutter stammt aus der Türkei. Die Fifa erkennt Kosovo nicht an, daher könnte der Junge für acht Balkanstaaten (als Rechtsnachfolger Jugoslawiens) sowie die Türkei, Belgien und England spielen. Klitzekleine Einschränkung: Nicht für alle gleichzeitig (sorry, kleiner Scherz). Alle buhlen um ihn, nur ein Verbandspräsident hat schon beleidigt abgewinkt, ausgerechnet der des Landes mit dem natürlichsten Anspruch. Grund: »Er liebt Albanien gar nicht.«
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Die Liebe zum Fußball-Land der Wahl, sie wäre allerdings ein recht gefährliches Kriterium. Vor allem für Deutschland, wo derartige Liebe noch als mentale No-Go-Area gilt. Aber ich will mich nicht in Fallstricken verheddern, zumal das Problem weit über Nationalmannschaft und Patriotismus hinausgeht: Wir leben in einem zweiten Zeitalter der Völkerwanderung, sie ist ebenso unaufhaltsam wie die erste vor bald zwei Jahrtausenden, sie hat Europa schon verändert und wird es noch viel mehr verändern, egal, wie wir damit umgehen (Lampedusa).
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Übrigens: Klopps »Gehirn« Zeljko Buvac wird Trainer von Srpska. Im Nebenberuf nur, denn so oft spielt Srpska nicht, diese Teilrepublik von Bosnien-Herzegowina, dem Jugo-Nachfolger, für den Januzay ebenfalls antreten könnte.
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Damit kehren wir zum für diese Kolumne gebührenden Unernst zurück und lassen Matthias Beltz, unseren Hessen im Himmel, das Fazit ziehen: »Ach, der Völker Wanderlust / erzeugt den großen Rassenfrust.« »Drum fordern wir in bescheidenem Maße / Für die Völkerwanderung eine Umgehungsstraße.«
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Auch der Fußball selbst ist ein Migrant. Unser Leser Jürgen Schoppe (Jahrgang 1930) aus Bad Nauheim bedankt sich »als geborener Braunschweiger« für die hochachtungsvolle Würdigung des Braunschweiger Auftretens in der Bundesliga und ergänzt: Nach Deutschland kam der Fußball von England aus zunächst »nach Braunschweig durch die in England und Braunschweig regierenden Welfen, und München mit seinen ›Bayern‹ ist ebenfalls eine Braunschweiger Gründung (Heinrich der Löwe)«.
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Auch die Frankfurter Eintracht wäre ohne ihre Migranten kaum vorstellbar. Sie kamen ebenfalls aus Regionen, von denen aus heute völkergewandert wird: Afrika (Yeboah, Okocha) und Balkan – wie Stepi, bürgerlicher Name Dragoslav Stepanovic. Stepi hat ein Buch geschrieben, Titel natürlich »Lebbe geht weider«, und als er es jetzt in München vorstellte, zitierte ihn die Süddeutsche Zeitung in mildem Spott, Stepi habe das Pressing erfunden, »weil Andreas Möller und Uwe Bein nicht 30 Meter nach hinten laufen wollten« (O-Ton Stepi).
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Stepanovic wird oft auf das Clowneske seiner Art reduziert, obwohl zum Beispiel »Lebbe geht weider« eine fast übermenschlich gelassene Reaktion auf das größte aller Eintracht-Traumata war. Nie werde ich vergessen, wie Stepi auf einer Pressekonferenz im Waldstadion auf eine sehr simpel-dumme Frage eines Journalisten gar nicht erst antwortete, sondern ihn nur vielsagend ansah, wobei jeder den Satz ahnte, den er nicht sagte: »Ich spiele nur den Clown, du aber bist ein Depp und spielst den Journalisten.«
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Apropos: Noch einer hat ein Buch geschrieben. In einem »Welt«-Interview rechtfertigt er den PR-Feldzug: »Wer mich kennt, der weiß, dass ich keine halben Sachen mache.« Stimmt. Boris macht aber auch immer Sachen!
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»Wer mich kennt, der weiß« – die berüchtigte Fußballer-Floskel macht Karriere. Bei Boris Becker ist für sein Seelenheil zu hoffen, dass zumindest er sich nicht kennt. Noch einmal taucht der verräterische Auftakt einer zweifelhaften Behauptung auf. Aus einem Interview in der »Bild«-Zeitung: »Wer mich kennt, der weiß, dass ich keinen pompösen Lebensstil brauche.« Wer? Bum-Bum Boris? Harald Glööckler? Nein, Bischof Franz-Peter Tebartz-Van Elst. Nosce te ipsum. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle