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Okay-iii…? (“Nach-Lese” vom 12. Oktober 2013)

Quizfrage: Welches Wort wurde auf dem Mond als erstes ausgesprochen? Hilfestellung: Es ist angeblich das meistbenutzte Wort der Welt.
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So. Und nun zum Thema: Wer im Suff fährt, muss nicht im »SUV« (Sport Utility Vehicle) unterwegs sein, und ein NSU-Freund ist vielleicht gar kein Neonazi, sondern Oldtimer-Fan und stolzer Besitzer einer »NSU Quick« oder Lambretta der »NeckarSUlmer Werke AG«. Okay?
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Beim »Yuppie« der 1980er Jahre weiß man noch, dass er linguistisch ein Akronym und er selbst ein »young urban professional« ist, aber dass ein »Yummie« zur neuen Zielgruppe der »young urban mobiles« gehört, »immer up to date« und »offen für Inspiration« ist, »gern konsumiert«, »zu Spontankäufen neigt« und dabei »gern mal mehr Geld ausgibt als geplant«, das ist nicht mehr okay, sondern eher ein Griff ins Klo.
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Und zwar buchstäblich, denn erfunden hat diese neue Zielgruppe ein Berliner Toilettenunternehmen, die Wall AG, die Werbeflächen an ihren City-Klos vermietet, »was Inhaber Hans Wall den Spitznamen ›Toilettenkönig‹ eintrug«, lese ich in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Die FAZ weiter: »Wall bezeichnet sein Geschäftsmodell als ›Klobalisierung‹ (…) und stellte im letzten Jahr sein neuestes Projekt vor, das ›Yummie Net‹ – das Netz der werbestrategisch interessanten Orte, wo Yummies ›spontan zusammenkommen‹« und – ja, was machen sie dann dort? Gemeinsam pieseln? Okay-iii…gitt.
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Nicht jede Abkürzung setzt sich durch, zum Glück, und auch der »Yummie« wird wohl eher ein klobalisierter Dummie bleiben. Von mancher Abkürzung aber weiß niemand mehr, wo sie herkommt, und dennoch ist sie in aller Munde, obwohl manche nicht einmal wissen, dass es eine Abkürzung ist.
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Okay, kommen wir zur Lösung der Quizfrage. Die Antwort dürften nun selbst diejenigen kennen, die Deutschland in der Pisa-Studie für Erwachsene einen vorderen Platz gekostet haben: Das erste Wort auf dem Mond und das meistbenutzte Wort der Welt im O-Ton Neil Armstrong: »Okay. I just checked getting back up to that first step.«
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In Deutschland ist das lapidare »Okay« mittlerweile zu einem bedeutsam langgezogenen »Okay« mutiert: »Dieses ominöse Okay. Dieses Okay-iii…? Der Sprecher setzte die erste Silbe mit der tiefsten Note seiner Sprechmelodie. Die zweite zunächst mit der gleichen. Zog diese zum Abschluss jedoch in einem Bogen hoch zur höchsten Note seiner Sprechmelodie. Einem neckischen Aufwärtsschwung.« Dieses Okay hat »an den virulenten Wurzeln etwas Giftiges. Tückisches. Lauerndes. Aggressiv Global-player-haftes. Arglistig menschelnd McKinseyhaftes.«
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Wer wagt es, nach dieser – grandios bloßstellenden – Beschreibung des Schriftstellers Frank Schulz (in seiner sehr empfehlenswerten Kurzgeschichten-Sammlung »Mehr Liebe«) noch einmal dieses in seiner Intonation neue Modewort auszusprechen, wer wagt noch einmal in seinem Leben ein Okay-iii…?
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Auch der Journalist und Autor Alex Rühle höhnte und stöhnte vor gut zwei Jahren in der Süddeutschen Zeitung über die Mutation des Okay: Es »bedeutet mittlerweile ja auch, dass man jemandem extrem proaktiv zuhört. ›Mhm‹ wirkt dagegen geradezu schlunzig, zerknittert und unmotiviert. Dieses ›Okay‹ hingegen signalisiert dynamische neuronale Verarbeitung des Gesagten. Ja, es gibt Leute, die jeden noch so uninteressanten Satz, den man ihnen erzählt, mit diesem emotional aufgekoksten ›okay‹ parieren.«
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Aber was ist der Ursprung des Okay? Einig sind sich die Gelehrten nur, dass es von »o. k.« kommt. Doch was bedeutet das? Das Standardwerk »OK – The Improbable Story of America’s Greatest Word« behauptet, »Okay« tauche erstmals 1839 in der Boston Morning Post auf und (wir zitieren weiter aus der SZ) »war als orthographischer Witz gemeint: o.k. taucht da als falsche Abkürzung des Ausdrucks ›all correct‹ auf.« – Okay…iii?
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Mhm. Sollen, wollen wir das glauben? Zumal es hübschere Theorien gibt: Der US-Präsidentschaftskandiat Martin van Buren, Spitzname »Old Kinderhook«, sei 1840 mit dem Slogan angetreten: »OK is o.k.« Oder: Okay als »Verballhornung eines Befehls französischer Hafenarbeiter, die Kapitäne an den Kai dirigierten (›Au quai!‹).«
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Okay – Okay am Kai, das deckt sich mit meinen eigenen Ermittlungen, die allerdings nach Griechenland und von dort an einen Kai in New York führen. Denn da soll einst ein griechischer Hafenarbeiter »ola kala« (alles gut), abgekürzt »o.k.«, auf eine Frachtkiste geschrieben haben, was die Yankees dann als »okay« eingemeindeten.
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Die Griechen haben aber ihr eigenes Okay-Wort: »Endaxi«, meist »dáxi« ausgesprochen, was nach einem hessischen Taxi klingt, aber mit diesem nur unwesentlich weniger zu tun hat als unser »nee« mit dem gleichklingenden griechischen »nai« (ja). In dem schönen Buch »Ärmellos in Griechenland – Griechisch-Deutsche Sprachfindigkeiten« von Hans Eideneier (ein Muss für Philhellenen!) erfahre ich sogar, »Endaxi ist vermutlich eine Lehnsübersetzung aus dem deutschen ›in Ordnung‹«.
Endaxi? Deutsch? In Ordnung? Alles klar? Okay-iii…? (gw)

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